Die letzte Beiz im Langstrassenquartier

Die klassischen Spunten verschwinden aus dem Zürcher Kreis 4, die Schweizer Weinstube bleibt. Fast jeder ist willkommen, man darf sich nur nicht zu schnell gekränkt fühlen.

Der Chräis Chäib hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Nur in der Schweizer Weinstube scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Fotos: Boris Müller

Der Chräis Chäib hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Nur in der Schweizer Weinstube scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Fotos: Boris Müller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Stammtisch ist nicht tot, aber er ist alt geworden. In der Weinstube, einer traditionellen Beiz in der Nähe der Langstrasse, läuft nicht viel an diesem Freitagabend. «Kommt nach dem fünften des Monats wieder, dann haben unsere Stammgäste die Rente auf dem Konto», rät Sigi, die Kellnerin.

«Willkommen im Geriatriezentrum Aussersihl», sagt Rolf, als die Journalisten die Weinstube erneut betreten. Am sechsten des Monats. Auch diesmal sind viele Stühle leer. Das liege an der Uhrzeit, erklärt Sigi. Es ist 18 Uhr. Viele der Stammgäste starten ihren Beizenmittwoch schon am Morgen und halten nicht ewig durch. «Ihr seid spät dran.»

Die Weinstube sieht so aus, wie es der Name verheisst. Dunkel patiniertes Täfer, Holztische, Vorhänge mit gesticktem Chaletmotiv. Es ist die vertraute Atmosphäre eines Schweizer Spunten. Hier im Kreis 4 ist sie selten geworden. Ja, gar bedroht. Das Schnupf? Seit drei Jahren ein Szeneladen. Das Krokodil? Von jungen Gastronomen übernommen. Der Strauss: bevölkert von Partyvögeln. «Die Weinstube ist die letzte Beiz im Langstrassenquartier», sagt Rolf.

Ein soziales Milieu verschwindet

Kaum ein Quartier hat sich in den letzten zehn Jahren so stark verändert wie die Langstrasse. An die Stelle der alten Cabarets und Beizen traten Cafés, die aussehen wie Galerien, oder Bars, die nur ausgeklügelte Drinks auf Traubenbasis anbieten. Gleichzeitig sind die Bodenpreise so stark gestiegen wie fast nirgends in der Stadt. In der Folge droht ein ganzes soziales Milieu zu verschwinden. Eine Welt.

In die Weinstube kann man auch allein – ohne dass es komisch wirkt.

In der Weinstube ist vorerst alles beim Alten. Am Stammtisch sitzen: Herbi (71), Rolf (70), Pedro (68) und Edy (76). Später stösst Thommy, der Wirt, dazu. «Ich komm mal rüber zu meinen Alkoholikern», sagt er und lacht, in der Hand hat er ein volles Weissweinglas. Dann und wann setzt sich auch Sigi mit einem Prosecco an den runden Tisch. Die Stimmung ist nicht allzu ernst. Aber auch nicht richtig fröhlich. Ausgepegelte Gelassenheit. So mancher Gesprächsanfang verpufft in den Schwaden von Kafi Schnaps, die in der Luft hängen. Vernachlässigt fühlt sich deshalb niemand.

Der erste Versuch eines Gesprächs:

Wie seid ihr in den Kreis 4 gekommen?
Thommy: «Ich bin in diesem Haus aufgewachsen. Die Weinstube habe ich von meiner Mutter übernommen. Das ist mein Zuhause.»

Pedro: «Ich kam vor 30 Jahren hierher, weil ich eine günstige Wohnung fand.»

Rolf: «Ich zog wegen der Beizen hin. Also nicht die Milieuschuppen, Orte wie die alte Olé-Olé-Bar, wo man immer jemanden zum Reden fand.»

Herbi: «Ich bekam vor zwei Jahren eine Alterswohnung in der Nähe. Davor lebte ich beim Triemli.»

Einfach, aber gut: Währschafte Beiz, währschaftes Essen.

War früher alles besser?
Rolf: «Gar nicht. Früher gabs die Polizeistunde. Um halb eins musste man ausgetrunken haben, um ein Uhr vor der Tür stehen. Dann begann die Stunde der Idioten, der Besoffenen, die draussen Radau machen. Heute hat sich die um vier Stunden nach hinten verschoben.»

Pedro: «Früher dominierte hier das Milieu. Aber das war familienfreundlicher als die heutige Partyszene. Machte weniger Lärm und weniger Scherben.»

Thommy: «Der Kreis 4 war wie ein Dorf. Mein Hund, so ein kleiner Terrier, zog oft von Beiz zu Beiz, ohne mich. Man kannte ihn überall. Bot ihm etwas zu trinken oder zu essen an. Zu den neuen Nachbarn habe ich kaum Kontakt.»

Wichtiger als lange Reden sind in der Weinstube sowieso die Pointen. «Weisst du, warum wir so jung aussehen? Hier ist der Wein so sauer, dass es einem die Haut zusammenzieht.» Dieser Witz fällt mehrmals, Wirt Thommy lacht mit. Gekränkt zu sein, gehört sich nicht. Dabei hilft auch das «Frustschutzmittel», wie Rolf den Rosé vor sich nennt.

«Wir sind gern sarkastisch, manchmal etwas böse», sagt Rolf. Pedro findet: «Ein echter Stammtisch ist nicht immer politisch korrekt.»

Früher hätten sie sich vielleicht gar nicht so gut vertragen – doch das Alter hat die Unterschiede ausgebügelt.

Wie als Beweis dafür öffnet sich die Tür. Eine Frau um die 70 betritt die Weinstube. Mit ihr ein jüngerer Mann am Blindenstock, er trägt eine Leuchtweste. «Aha, der Halbschlaue!», rufen die Stammgäste. So nennen sie ihn. Auch sonst spötteln die Stammgäste über das ungleiche Paar, das sie dennoch mit Handschlag begrüssen.

Was stört euch heute im Quartier?
Rolf: «Es gibt zu viele Yuppieschuppen.»

Pedro: «Unsere Lokale kommen weg. Und unsere Leute. Einige aus der Runde mussten wegziehen, nach Altstetten oder Schwamendingen.»

Rolf: «In der Weinstube sieht man sie kaum mehr.»

Herbi: «Ich weiss nicht mehr, wohin ich soll, um neue Leute kennen zu lernen. Und mich stört der Lärm. Den halte ich trotz geschlossener Fenster und Ohropax kaum aus.»

Rolf: «Ich hab dir einen Tipp: Das Hörgerät herausnehmen, bevor du die Ohropax reinsteckst.»

Herbi: «Ich höre von Natur aus gut.»

Pedro: «Dann kann ich dir eine Alphütte besorgen.»

Dass die Weinstube dem Wandel standhält, hat einen einfachen Grund: Das Haus gehört dem Wirt und seinen Geschwistern. Er habe schon mehrere Angebote bekommen, die Liegenschaft zu verkaufen, erzählt Thommy. «Aber das machen wir nicht. Meine Mutter wohnt noch hier. Niemand will verkaufen. Ich bleibe noch.» Die anderen in der Runde berichten von dubiosen Gestalten, die mit Koffern voller Geld im Quartier herumgehen, um Lokale zu erwerben.

Selten geworden im Quartier: Die vertraute Atmosphäre eines Schweizer Spunten.

Noch etwas anderes spricht für die Weinstube: Sie hat eine ebenerdige Toilette. «Das ist ein Vorteil, wenn man alte Gäste bewirtet», sagt Edy. Im benachbarten Aargauerhof etwa führe eine steile Treppe zur Toilette hinunter. Das schrecke viele Alte ab. «Plötzlich bist du alt und redest nur noch über die Prostata», sagt Pedro.

Weitere Gäste kommen ins Lokal. Fast alle allein. Einige setzen sich an den Stammtisch. Ohne Aufhebens. Das Gespräch geht weiter. Mit einem Spruch steigen die Neuen ein.

Können sich hier alle dazusetzen?
Rolf: «Im Prinzip schon. Wir haben einen offenen Stammtisch.»

Pedro: «Nicht wie auf dem Land. Da verstummte früher die ganze Beiz, wenn ein Unbekannter eintrat.»

Edy: «Auf dem Land musst du dich anetrinke an den Stammtisch, viel saufen, viele Runden ausgeben, bis du dazugehörst. Bei uns nicht.»

Auch diese Offenheit unterscheidet den alten vom neuen Kreis 4; dass man ohne Begleitung ausgehen kann. Bars mit ausgeklügelten Getränkekarten besuchen die Menschen meist in Gruppen. Allein zu sein, wirkt dort komisch. Genau wie ein Witz über sauren Wein.

Es ist nicht der allerpersönlichste Umgang, der am Stammtisch gepflegt wird. Man macht Sprüche, die manchmal komisch sind und manchmal nicht, man erzählt Geschichten, einige zum Dutzendsten Mal, wie jene vom ersten Frauenstreik, als der Garten der Beiz voll war mit Frauen, worauf ein Gag folgt, über den in modernen Bars wohl niemand mehr lachen würde. Man ignoriert und wird ignoriert, man wischt übers Smartphone, man bestellt noch ein Glas. «Sigi, bitte!» Früher hätten sie sich vielleicht gar nicht so gut vertragen, einer war mal Trotzkist, der andere bei der Poch, ein Dritter bevorzugte teure Restaurants. Heute ist das alles nicht mehr so wichtig. Das Alter hat die Unterschiede ausgebügelt.

Um 18 Uhr ist kaum noch was los – der Beizentag startet hier früh.

Man müsse aber nicht immer gut drauf sein, sagt Pedro, dürfe durchaus Gefühle zeigen, sogar Weinen liege drin. «Einfach nicht mehrere Wochen lang.» Niemand lacht. Aber die nächste Pointe ist schnell entdeckt: Bei einem Nachbarn schaut das obere Drittel des Hintern aus den Jeans. Das hilft eine Weile weiter.

Kurz nach acht Uhr schmonzt «Unchained Melody» von den Righteous Brothers aus den Boxen (Anmerkung der Verfasser: Das ist keine Erfindung, auch wenn es wie eine klingt). «And time goes by so slowly / And time can do so much / Are you still mine?» Die Begleiterin des blinden Mannes ruft: «Unser Lied!» Sigi dreht die Lautstärke auf.

Am Stammtisch wirkt das Lied wie ein Rauswurfsong. Die Männer trinken aus, zücken ihr Portemonnaie. In den Bechern haben sich Dutzende Kassenzettel gesammelt, Sigi rechnet. Wer unsicher zu Fuss ist, den begleitet jemand nach Hause, zu zweit durch die Nacht, die gerade erst angefangen hat.

Früher hätten sie sich vielleicht gar nicht vertragen. Aber die alten Unterschiede sind nicht mehr so wichtig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2019, 15:58 Uhr

Artikel zum Thema

Letschti Rundi in Wiedikons Quartierbeiz

Nach 22 Jahren muss die Rosenburg zur Meyerei schliessen. Eine finale Stammtischplauderei mit der Familie Meyer. Mehr...

Tolles Fleisch – und Zürichs beste Pommes frites

Ein junges Team hat die ehemalige Kreis-4-Chnelle Schnupf mit ganz viel Liebe zum Detail aufgefrischt. Das Ergebnis überzeugt von A bis Z. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Frauen wetteifern um Sex-Dates!

Casual-Dating ist ein Spiel. Zumindest für Simone und ihre Freundinnen, die gegenseitig um Sex-Dates wetteifern. Ihre Spielwiese: die grösste Erotik-Plattform der Schweiz.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Nationalfeiertag: Ein Teilnehmer des St. Patrick's Festival posiert mit einer Polizistin in Dublin, Irland. (17. März 2019)
(Bild: Charles McQuillan/Getty Images) Mehr...