«Die Lieder verschmelzen»

Peter Tillessen lässt heute im Club Helsinki zwei Musiker zwei unterschiedliche Songs spielen – gleichzeitig.

Milian Zerzawy und Becky Lee Walters ergründen das Quodlibet. Foto: Anne Morgenstern

Milian Zerzawy und Becky Lee Walters ergründen das Quodlibet. Foto: Anne Morgenstern

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Am Konzert gibts zwei Konzerte in einem Raum. Ist das für den Zuhörer nicht anstrengend?
Es ist möglicherweise anstrengender, als wenn nur einer von beiden Lieder vortragen würde. Aber das grosse Wunder an der Sache ist, dass die beiden Lieder miteinander verschmelzen. Die Musik schafft es, die verschiedenen Inputs zu vereinigen. Das nennt man in der Musikwissenschaft Quodlibet.

Quodlibet?
Das Wort stammt aus dem Lateinischen und heisst wörtlich «wie es beliebt». Es ist eine Musiktradition aus dem Mittel­alter, die darauf beruht, dass einige Volkslieder eine gemeinsame Harmonieabfolge als Grundlage haben. So kam es, dass Musiker eine einzige Akkordfolge spielten und die Interpreten sangen dazu alle gleichzeitig ihre Volkslieder. Auch in der Klassik gibt es das Phänomen, Bach hat Quodlibets geschrieben.

Sind das nicht zu viele Reize?
Was mich daran interessiert hat: In der heutigen Zeit prasseln sehr viele Informationen gleichzeitig auf uns ein. Das Quodlibet verstehe ich in dem Zusammenhang auch als eine Verdichtung von Informationen, die gut funktioniert.

Sie beschäftigen sich schon seit mehreren Jahren mit dem Thema. Welches war das Ursprungserlebnis für Ihr Interesse?
Der Chor meines Vaters sang zum Warmsingen jeweils mehrere deutsche Volkslieder – gleichzeitig. Ich fragte mich, wie viele Gemeinsamkeiten es wohl innerhalb der Millionen von Popsongs gibt. An der Antwort auf diese Frage arbeite ich nun seit fünf Jahren.

«I’ve Got a Feeling» von den Beatles gilt als Quodlibet der Popmusik.

Das klingt nach einer aufwendigen Recherche. Wie gingen Sie vor?
Ich arbeitete mit zehn Musikern aus der ganzen Welt zusammen, die ein Jahr lang die US-Billboard-Charts der letzten 60 Jahre untersuchten. Ein Computerspezialist hat die Songs schliesslich auf Ähnlichkeit hin untersucht. Wir warteten gespannt auf das Ergebnis, weil wir nicht wussten, ob die Ausbeute 10 oder 1000 Songs umfasst. Soviel kann ich sagen: Es waren viel mehr als erwartet.

Welches war die erstaunlichste Gemeinsamkeit?
Ich hatte immer gehofft, einen Partner zu «Let it Be» von den Beatles zu finden. Und nun: Bob Marleys «Three Little Birds» ist einer. Mehr verrate ich nicht.

Gibt es in der Popmusik Beispiele für Quodlibets?
Musikwissenschaftler haben bisher nur «I’ve Got a Feeling» von den Beatles als solches ausgemacht. Der erste Teil besteht aus einer Liedidee von McCartney, der zweite aus einer von Lennon. Am Schluss spielen sie die Teile gemeinsam.

Ab 19.30 Uhr, Helsinki. Mit Becky Lee Walters und Milian Zerzawy. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.01.2018, 15:18 Uhr

Peter Tillessen

48 Jahre alt, studierter Fotograf und Künstler mit zahlreichen Ausstellungen in ganz Europa. Seit vier Jahren beschäftigt er sich mit der Gemeinsamkeit von Werken der Popmusik.

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