Die Märchentochter

Serpentina Hagner schafft mit ihrem preisgekrönten Comic Ordnung in einer unübersichtlichen, zuweilen tragischen Familiengeschichte.

Pauline Hagner, Miggelis Grossmutter, war eine Fahrende und kam fürs erste Knabenschiessen 1899 nach Zürich. Comic: Serpentina Hagner

Pauline Hagner, Miggelis Grossmutter, war eine Fahrende und kam fürs erste Knabenschiessen 1899 nach Zürich. Comic: Serpentina Hagner

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Es war einmal ein Zürcher Mädchen, das hiess Serpentina: kleine Schlange. Benannt war es nach der Tochter des Zauberers aus dem Märchen «Der goldne Topf» – sie konnte sich in eine Schlange verwandeln. Die Eltern der echten Serpentina liebten Schlangen: Der Vater, Miggel Hagner, fing sie im Tessin ein, die Mutter zeichnete sie ab. Dann liessen sie sie wieder frei. Die fünfjährige Serpentina hatte eine kleine Zornnatter als Haustier, sie trug sie unter ihrem Pullover. Serpentinas Vater, geboren 1921, war ein Kuckuckskind und litt an Depressionen. Halt fand er in der Kunst, in Sagen, im Zeichnen. Seit seiner Jugend nannte er sich «Märchenmaler von ­Zürich», um sich gegen das Gespött der anderen zu wehren.

Serpentina Hagner, war Ihre Kindheit märchenhaft? Mit einem Märchenmaler als Vater.
Ja, manchmal war es mit ihm wie in einem Märchen. Er hat mir und meinen Geschwistern wahnsinnig schöne Sachen beschert: Im Wald erzählte er uns vom Rübezahl, er glaubte selbst an ­Elfen und solche Wesen. Er sagte uns: «Rennt los, dem Raben nach, in den sich Rübezahl verwandelt hat!» Wir sollten den Raben zurufen, «Rübezahl, wirf Zeltli runter!», und als wir das taten, warf unser Vater hinter unseren Rücken Feuersteine in die Luft und liess sie auf uns regnen. Oder er baute uns Elfen­geschirr – winzige Gläser und Krüge aus Holz, die er zwischen den Bäumen versteckte. Das war schön.

Aber manchmal war Ihr Leben auch kein Märchen?
Wenn man einen depressiven Vater hat, der sich immer wieder umbringen will, und das habe ich mitbekommen, seit ich fünf war, dann ist das sehr schlimm und belastend. Ich war wie eine Mutter, die auf ihn aufpassen und verhindern musste, dass er sich aus dem Fenster unseres Mansardenzimmers stürzt.

Wie haben Sie das geschafft?
Ich bin mit den griechischen Götter­geschichten aufgewachsen. Als Kind glaubte ich an diese Götter. Mein Vater erzählte mir, dass sie über alles lachen, über die Menschen, über ihr Schicksal und Unglück. Und so konnte ich ihn auch vom Springen abhalten: Ich sagte ihm, dass die Götter auf ihrem Olymp jetzt bestimmt über ihn und seine Verzweiflung lachen würden. Ich fühlte mich wahnsinnig stark, dass ich mit acht, neun Jahren so etwas bewirken konnte.

Wenn es Serpentinas Vater besser ging, kaufte er grosszügig ein, Mangos, Avocados, rote Bananen, teuren indischen Schmuck – all die exotischen Dinge, die sonst niemand hatte. Das Geld fehlte der fünfköpfigen Familie Hagner dann anderswo.

Das Extraordinäre zog sich durch den Alltag von Serpentina. Sie war in eine Künstlerfamilie geboren, es gab keine Gesetze und Regeln, wie man sich in der Gesellschaft verhielt. Die Lehrer galten als Spiesser, wichtig waren nur Kunst und Literatur. Die Grossmutter erzählte Serpentina, wie sie verkleidet mit ihrem Sohn Miggel in teuren Cafés sass, davon, wie sie einen leeren Geigenkasten bei sich trug, um zu imponieren. Davon, wie sie einen betrunkenen Viehhändler bestohlen hatte – sie erzählte Geschichten, die eine einzige Flucht aus der Armut waren. Lange strebte Serpentina selbst so ein Leben an, eines als Bohème. Sie besuchte die Kunstgewerbeschule, malte Bilder, jobbte nebenbei.

1979 erlitt ihr Vater einen Zusammenbruch. Er war 58 Jahre alt, Serpentina 23. Das war die grosse Entzauberung, jener Moment, in dem sie verstand, dass vieles in ihrer Familie nicht stimmte.

Als sich Miggel erholte, wollte Serpentina mehr über sein Leben erfahren. Auf Spaziergängen fragte sie ihn aus und machte sich Notizen, bis er 1999 starb. Jetzt ist daraus der Comic «Märchen­maler von Zürich» entstanden, für den Serpentina Hagner dieses Jahr einen Preis der deutschen Berthold-Leibinger-Stiftung erhielt.

Durch Ihren Comic sind Sie selbst zur Märchenmalerin geworden.
Ja, stimmt . . . Nur ist meine Geschichte wahr. Es ist die Geschichte meines Vaters, meiner Familie. Eigentlich ist es ein Sittenbild der damaligen Gesellschaft, nicht nur von Zürich. Für den Comic habe ich die Juwelen aus meinen 300 Seiten Notizen herausgesucht. Es gibt vieles, das ich noch nicht erzählt habe, und vieles, das niemand etwas ­angeht, nur mich.

Ziehen Sie sich darum in die Rahmenhandlung zurück – als Tochter, die ihrem Vater zuhört?
Vielleicht . . . Mein Vater soll im Zentrum stehen. Durch das Buch habe ich es geschafft, all die Dinge in eine Distanz zu mir zu bringen. Sie haben zwar noch mit mir zu tun, sind aber nicht mehr so tief in mir drin. Das hat jetzt einundsechzig Jahre gedauert, eigentlich mein ganzes Leben.

Serpentina, das einstige Zürcher Mädchen, hat mit dem Comic Ordnung in ihr Leben gebracht. Es sollen weitere Bände folgen, mindestens zwei – noch sind nicht alle Geschichten ihrer weit verzweigten Familie erzählt.

Und noch heute kann Serpentina, die kleine Schlange, riechen, wenn sich auf ihren Spaziergängen eine Ringelnatter in der Nähe befindet.

Serpentina Hagner: Der Märchenmaler von Zürich. Edition Moderne, Zürich 2017, 56 S., ca. 25 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2017, 18:07 Uhr

Serpentina Hagner

Die Autorin, 1956 in Zürich geboren, war jahrelang als freischaffende Künstlerin tätig. Der zweite Comicband wird voraussichtlich nächsten Herbst erscheinen.

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