Die Partymacherin

Die Zürcher Clubkultur lebt. Doch was bedeutet das? Eine deutliche Antwort gibt Isabelle von Walterskirchen. In der Roten Fabrik führt sie das extra für sie geschaffene Clubbüro.

Isabelle von Walterskirchen mischt im Partygeschäft mit. Foto: Andrea Zahler

Isabelle von Walterskirchen mischt im Partygeschäft mit. Foto: Andrea Zahler

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Wer sich hier in die Schlange stellte, bekam als Erstes ein laminiertes Papier ausgehändigt. Darauf sind Verhaltensregeln festgehalten. Etwa: man solle die Grenzen der anderen Partybesucher respektieren. Man sei selber mitverantwortlich für die Stimmung. Jegliche Diskriminierung sei unerwünscht. Wer von Übergriffen betroffen ist, kann das mittels eines Glöckchens signalisieren, das ihm ebenfalls beim Eintritt um den Arm gebunden wird.

Awareness heisst das Konzept. Und es ist Teil von Isabelle von Walterskirchens Vorstellung von Nachtleben. Es beschreibt etwas, das übers Tanzen, Trinken, Musikhören hinausreicht. «Es geht uns darum, einen Raum zu schaffen, in dem Leute neue, achtsamere Verhaltensformen ausprobieren können», sagt von Walterskirchen.

Was dieser Raum bedeutet, zeigte eingangs beschriebene Party am diesjährigen Pfingstwochenende in der Roten Fabrik. Von Walterskirchen hat sie als Teil eines Kollektivs bereits zum dritten Mal mitorganisiert. Man kann daran sehen, um was es Von Walterskirchen geht. Und vor allem: was sie nun in ihre neue Tätigkeit als Leiterin des Clubbüros – die Stelle wurde in diesem Jahr auf ihre Initiative hin extra für sie geschaffen – hineintragen will. Mit regelmässigen Partys möchte sie der Clubkultur in Zürich ein Gesicht und ein neues Zuhause geben.

Abseits des Viervierteltakts

Dazu gehören neben Clubbesuchern, die auf sich und ihre Umgebung achtgeben, auch musikalische Innovationen und Experimente. Nach von Walterskirchens Vorstellungen spielen DJs und Live-Acts an Partys auch abseits des in Clubs gängigen Viervierteltakts. «Es ist überraschend, wie weit sich die Besucher auf musikalische Experimente einlassen», sagt sie. Als weiteres Standbein ihres Konzepts nennt die 40-Jährige die Anbindung von jungen Leuten.

An der Party vom Pfingstwochenende etwa gelang dies gut, es seien auffällig viele Leute Mitte 20 angereist. «Die Idee von der Party als Raum, an dem auf verschiedenen Ebenen experimentiert werden kann, ist noch immer sehr lebendig», sagt sie. Besonders erfreulich war für sie, dass die jungen Leute heute einen bewussteren Umgang miteinander pflegten, als das zu ihrer Zeit noch üblich war. «Gewisse Ideen, die damals entstanden sind, sind heute schon sehr selbstverständlich.»

Von Walterskirchen spricht von den Neunzigerjahren, als die Idee von der Party als utopischem Raum entstand. Auch unter dem Einfluss von Ecstasy wurden von Chicago bis Berlin zu Techno- und House-Musik neue Formen des Zwischenmenschlichen ausprobiert. Der lange Arm dieser Geschichte des alternativen Technos lebt nun im Clubbüro in der Roten Fabrik weiter. Das war schon immer von Walterskirchens Idee. Die Etablierung eines solchen Raumes sei auch deshalb wichtig, weil es in Zürich wie auch in vielen anderen Metropolen immer weniger Platz für Experimente gebe.

Ein breites Netzwerk

Bei der Verwirklichung ihrer Idee, oder besser ihrer Vision, hilft von Walterskirchen das Netzwerk, das sie über viele Jahre geknüpft hat. In ganz Europa und in Teilen Asiens und Nordamerikas kennt sie Musiker und Veranstalter, die ihre Idee von alternativer Technokultur teilen. Zudem ist sie Co-Präsidentin von Live DMA, einer europaweiten Non-Profit-Organisation, deren zentrales Anliegen die Livemusik und deren Bedingungen ist. Von Walterskirchen war zudem Präsidentin des Zürcher Nachtstadtrates und Geschäftsleiterin von Petzi, einem Zusammenschluss unabhängiger Schweizer Party- und Konzertlokale.

Bei ihrer Arbeit dürfte ihr auch helfen, dass sie selber noch Partys besucht. Zusammen mit ihrem langjährigen Partner, einem Journalisten, der seit vielen Jahren über die Technobewegung schreibt, unternimmt sie Reisen an Festivals in ganz Europa. «Es ist eine perfekte Mischung aus Spass und Beruf», sagt sie.

Frauen kommen zum Zug

Von Walterskirchen weiss auch, dass sie in der von Männern dominierten Welt des Zürcher Nachtlebens zu den wenigen Frauen zählt, die eine Führungsrolle einnehmen. Sie gibt aber zu bedenken, dass man sich der Thematik in alternativen Kreisen schon sehr lange bewusst sei. Es herrsche in der internationalen Szene, in der sie sich bewege, schon immer ein Männer-Frauen-Gleichgewicht. Auch sie selber achtet etwa beim Engagieren von DJs darauf, dass Frauen zum Zug kommen.

Die Liste des bewussteren Partymachens ist aber noch länger: Der Nachhaltigkeit zuliebe sollen DJs wenn möglich mit dem Zug und nicht mit dem Flieger anreisen. Die Gagen sollen fair, aber nicht überrissen sein, denn hohe Gagen seien Teil «einer kapitalistischen, auf Profitdenken basierenden Logik». Becher werden wiederverwertet, Trinkhalme gibt es keine. Dazu empfiehlt sie, mit dem Velo in die Rote Fabrik anzureisen. Und wenn doch auf vier Rädern, dann mit einem privaten Taxi und nicht mit Uber.

In einem nächsten Schritt geht es von Walterskirchen nun darum, lokale Veranstalter anzuwerben, die diese Idee von einer guten Party mittragen. Und bereit sind, dies an einem runden Tisch mit anderen Bewerbern zu diskutieren und weiterzuentwickeln. «Partys organisieren kann auch zu einem politischen Bewusstsein führen», sagt sie. Mehr als 30 Bewerbungen sind bisher bei ihr eingegangen. Der Altersrange der Bewerberinnen und Bewerber reicht von 16 bis über 50. «Das Bedürfnis der Veranstalter nach einem Raum, an dem sie ausprobieren können, ist riesig», sagt sie.

Dies zeigte auch das eingangs beschriebene Festival vor ein paar Wochen. 3000 Besucher strömten an zwei Tagen in die Rote Fabrik. Zu Beginn kriegten sie nicht nur ein Blatt mit Informationen zu Awareness ausgehändigt, auch erklärte ihnen ein Mitarbeiter von den Bemühungen und der vielen Arbeit, die in der Party steckten. Der Gast entschied dann selbst, wie viel er bezahlen mochte. Prix Libri heisst das Konzept dahinter. Das, was derzeit in der Roten Fabrik entsteht, ist eben anders als vieles andere im Nachtleben.

*Richtigstellung: Im ursprünglichen Text stand, dass von Walterskirchen die beschriebene Party alleine organisiert hat und dass sie den Verbund Petzi co-präsidierte. Beides wurde in der aktuellen Fassung angepasst. Sie war Geschäftsleiterin von Petzi und hat die Party als Teil eines Kollektivs veranstaltet.

Erstellt: 26.06.2019, 19:47 Uhr

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