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Die Piazza ist im ersten Stock

Der italienischste Ort in Zürich? Rein objektiv ist ein solcher natürlich nicht zu bestimmen. Lässt man aber die persönliche Perspektive gelten, existiert er sehr wohl – an der Josefstrasse, im Kreis 5.

Thomas Wyss
Solche Trikolore-Spaghetti gibts im Punto d’Incontro. Foto: Oohtee, iStock, Getty Images
Solche Trikolore-Spaghetti gibts im Punto d’Incontro. Foto: Oohtee, iStock, Getty Images

Surreale Superlative sind einfach was Herrliches! Weil sie bewährte Denkmuster genauso dramatisch einstürzen lassen, wie Hollywood in seinen Katastrophenfilmen angeblich erdbebensichere Stauseen einstürzen lässt. Und weil sie ohne Ansprüche auf eine «Wahrheit» schön zeigen können, dass das Unerreichbare irgendwie sinnlicher ist als das Erreichbare – speziell dann, wenn ein solch unmöglicher Superlativ auf eine Zeitungsserie mit dem Titel «Züri extrem» angewendet wird.

Aber werden wir konkret. Die Initialidee lautete, aufs Stadtwappen schielend: Wie ergiebig wäre die Suche nach Zürichs blaustem Ort?

Es folgte ein Brainstorming, oder besser: ein stürmischer Tour d’Horizon. Die erste Station hiess Zürichsee (wobei sich Zweifel breitmachte, ob man dessen Farbe überhaupt pauschal mit Blau beschreiben könnte). Nächster geistiger Innehalt: Strehler Farbwaren in Wiedikon – ein Geschäft, das jederzeit in der Lage wäre, eine vielfältige Blau-Palette zu präsentieren. Wohl der Logik folgend, gelangten die Gedanken vom Farbladen zu Picassos «blauer Periode». Sie dauerte von 1901 bis 1905 und zeigte Opfer der frühmodernen Gesellschaft – Clochards, Huren, Outlaws – in einer wohl nie mehr erreichten, melancholischen Stimmung.

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Ich hoffte, dass man im Kunsthaus das eine oder andere Werk aus dieser Phase würde bestaunen können, danach gings vom Pfauen die Rämistrasse hinab zur Kronenhalle-Bar. Die Absicht war klar: Ein fancy Drink mit Blue Curaçao, beispielsweise ein «Adios Motherfucker»! Für dessen türkisblaue Mixtur brauchts 1,5 cl Wodka, 1,5 cl Rum, 1,5 cl Tequila, 1,5 cl Gin, 1,5 cl Blue Curaçao, 6 cl Limo und ein eisiges Highball-Glas. Lags am hypothetischen Räuschchen, dass das Brainstorming dann das Blaue Kreuz ansteuerte? Jedenfalls befindet sich die Beratungsstelle für Alkoholprobleme am Zwingliplatz 1, gleich beim Grossmünsters. Und da, vor dem Traualtar, beim Ehegelübde – Blau ist bekanntlich die Farbe der Treue – war der Trip zu Ende.

Die Gedanken ans alte «Coopi»

Das Fazit? Nicht uninteressant, aber zu sprunghaft und zufallsgetrieben, es fehlt an Dringlichkeit, an ultimativer Überzeugung, um mit Inbrunst behaupten zu können: «Seht her, liebe Leute – hier, exakt hier, ist Zürich am allerblausten!» Und doch wars bloss noch ein gedanklicher Katzensprung zur Lösung. Weil Blau – yuppi du! – als Grundfarbe auch die Trikots der Squadra azzurra prägt. Und da das «bel paese» in ess-, fahr- und hörbarer Form in Zürich omnipräsent ist, war dies der richtige Weg. Weshalb die Frage, die ich verbindlich recherchieren würde, also lautete: Wo ist eigentlich der italienischste Ort unserer Stadt?

Darauf eine mit objektiven Kriterien begründ- und messbare Antwort zu finden, war natürlich ebenso unmöglich wie beim blausten Ort. Doch ein leidenschaftlich referiertes Votum aus persönlicher Perspektive, das traute ich mir zu.

Da mein Magen knurrte – wegen des vielen Hirnens hatte ich glatt das Mittagessen vergessen –, lenkte mich das Denken ohne Umschweife zur Gastronomie. Da Michelangelo? Italia? Canzoniere? Vineria Centrale? Die Pasticceria Caredda? Meine Lieblingsitaliener waren allesamt valable Kandidaten. Und doch hätte ich spontan eher zum alten «Coopi» tendiert, als dieses noch da war, wo heute das Certo ist. Als es noch den verstaubten «Don Camillo & Peppone»-Charme besass, als im oberen Saal noch konspirative Treffen italienischer Kommunisten stattfanden, als die SP – damals noch die wegweisende Power-Partei – hier an Abstimmungssonntagen Wahlsiege (und nicht wie heute nur Wahlfeste) feierte. Doch dieses Cooperativo existiert nicht mehr, die Idee war damit vom Tisch.

Eventuell ein Fiat-, Alfa- oder Piaggio-Händler? Das Clublokal von YF Juventus? Die Casa d’Italia an der Erismannstrasse, wo ich mit meinen Secondo-Kollegen an Sonntagabenden auf Grossleinwand schon manch dramatischen Serie-A-Match geschaut hatte? Das italienische Generalkonsulat? Oder die Missione Cattolica an der Feldstrasse? Das ist mit grosser Wahrscheinlichkeit der katholischste Ort der Stadt, aber ists dadurch wirklich auch der italienischste?

Ich brauchte fachliche Hilfe. Die kompetenteste Person, die mir in den Sinn kam, war DJ-Kumpel Daniele, «un italiano vero» aus der Provinz Belluno. Als ich ihn eben anrufen wollte, bemerkte ich etwas verblüfft, dass sein Zuhause ein ernsthafter Titelanwärter war. Denn da steht ein Alfa Romeo Giulia «Nuova Super» 1300 in der Garage. Und eine famose Auswahl an Italo-Disco-Scheiben (plus alles Relevante von Battisti bis De Andrè und von Celentano bis Mina) im Plattenregal. An der Garderobe hängt ein Juve-Schal, er fabriziert die köstlichste Parmigiana nördlich der Alpen, der Café – ein «Motta» – fliesst aus der «Bezzera uniqua» (ausgestattet mit der legendären Brühgruppe «Faema E61»), und beim ­Digestif hat man die Qual der Wahl aus Super Amaro, Vecchio Amaro del Capo, Lucano und ... basta, subito! Sonst stilisiere ich seine Loge noch zum Wallfahrtsort empor, das geht gar nicht.

Angelo Tinardi, der Engel

Ich rief Daniele übrigens nicht an. Es war nicht mehr nötig, ich hatte plötzlich das «Heureka» gehabt. Eins, das womöglich erstaunt. Aber eigentlich nicht erstaunen sollte. Weil die Eigenschaft, die diesen Ort prägt – die soziale Kompetenz und Verbindlichkeit – jene Qualität Italiens war (und, so glaub ich, wohl noch immer ist), die mich stets fast noch mehr beeindruckte als all die schönen Lieder, die coolen Karossen oder die Gelati in allen Farben und Geschmacksrichtungen.

Besagter Ort heisst Punto d’Incontro, er befindet sich an der Josefstrasse 102, und zwar im ersten Stock. Ins Leben gerufen hatte ihn der wunderbare Angelo Tinari, der 1973 aus Kalabrien nach Zürich gekommen war. Für unzählige Italiener der ersten Generation war er – nomen est omen – ein veritabler Engel. Er half, wenn sie mangels Sprachkenntnis Probleme mit Ämtern und Behörden hatten, er bot ihnen auf Radio Lora mit der Sonntagmorgen-Sendung «L’ora italiana» ein Stück Heimat in der Fremde.

Vor allem aber, das merkte ich bei jedem der früher regen Besuche im Punto d’Incontro, schuf er hier oben im ersten Stock eine Art interkulturelle Piazza. Da kamen Italiener, Spanier und Schweizer zusammen, schauten Fussball oder diskutierten Kulturelles, Politisches oder Persönliches, wie auf einem echten südländischen Dorfplatz. Und immer freitags gabs feine Spaghetti à discrétion.

Als Angelo Tinardi am 14. Mai 2012 verstarb, publizierten sogar italienische Zeitungen Nachrufe auf ihn. Doch, der Verein Punto d’Incontro, sein kleines, grosses Vermächtnis, ist eine würdige Wahl als italienischster Ort dieser Stadt.

Extremes Zürich:Das Bellevue-Team ist in der Stadt ans Limit gegangen und hat extreme Orte gesucht und besucht.

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