Die Stadt der Götter

Das Theater Neumarkt inszeniert mit Gläubigen ein Stück über Religion. Es spielt im Tempel, in der orthodoxen Kirche oder, wie bei der morgigen Premiere, in der Moschee. Ein Probenbesuch.

«Wir können nicht mit einer Stimme sprechen»: Probe zum Stück «Urban Prayers Zürich» im Gebetsraum. Foto: Dominique Meienberg

«Wir können nicht mit einer Stimme sprechen»: Probe zum Stück «Urban Prayers Zürich» im Gebetsraum. Foto: Dominique Meienberg

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Ein kalter Dienstagabend, eine Seitenstrasse in der Nähe des Hauptbahnhofs Zürich. Hier ist die Moschee des Migrantenvereins «Forum des Orients in der Schweiz» untergebracht, die Tür ist unverschlossen, der Gebetsraum befindet sich gleich rechts im ersten Stock. Plötzlich steht man an einem Ort, von dem man als christlich geprägte Frau annahm, er bliebe einem verborgen.

Bald beginnt die Probe zum Theaterstück «Urban Prayers Zürich». Das Theater Neumarkt führt es zusammen mit Mitgliedern verschiedener religiöser Gemeinden auf, die den «Chor der gläubigen Bürger» bilden. Mohammed Hakimi, der Imam der Moschee, singt auch mit. Morgen wird «Urban Prayers Zürich» hier Premiere feiern, die nächsten Wochenenden spielt es an sechs weiteren Glaubensstätten in der Stadt Zürich.

Was ist Glauben? Das ist die Hauptfrage des Stücks, die sich zu immer weiteren verästeln wird, zu unendlich vielen – ewiges Leben, ewiges Fragen.

1. Szene
In die Stille des Gebets, das die Männer kniend halten, gen Mekka gerichtet, fuhrwerkt ein Kind mit einem Stück Holz. Es lässt es zu Boden fallen, hebt es wieder auf, lässt es wieder zu Boden fallen. In seinem himmelblauen Schlafanzug quietscht der Junge ins Mikrofon des Imams, der Kleine ist jetzt grösser als alle im Raum. Er schwebt wie ein Wölkchen. Minuten später, nach Gesang und Koranrezitation, verlassen die Gläubigen den Gebetsraum.

2. Szene
Die Probe für «Urban Prayers Zürich» beginnt. Fünf Schauspielerinnen und Schauspieler vom Theater Neumarkt machen beim Stück mit, sie stellen sich nach vorne in eine Reihe. Ein schmales weisses Holzpodest dient als Bühne.

Mit dabei sind ebenfalls fünfzehn Mitglieder der verschiedenen Glaubensgemeinschaften, die in der Stadt Zürich ihre heiligen Orte besitzen. Muslime, Hindus, Jüdinnen, Orthodoxe, Freikirchlerinnen und auch Atheisten, die wohl am ehesten die Demokratie als ihren Glauben bezeichnen würden und die ganze Stadt als ihren Raum. Gemeinsam bilden sie den «Chor der gläubigen Bürger», unter ihnen auch Imam Mohammed Hakimi. Er rezitiert aus dem Koran. Eine Frau kritzelt derweil hastig noch ein paar Anmerkungen in ihre Textmappe, eine andere hat ihre Unterlagen bereits verlegt und durchwühlt auf der Suche danach Haufen von Mänteln und Schals.

3. Szene
Regisseur Malte Jelden sitzt auf den Gebetsteppichen mitten im Raum, neben ihm Autor Björn Bicker und Assistenten, umschlossen von vier Säulen. Jelden ist der Lenker. Mit leiser Stimme bittet er die Schauspieler und Sängerinnen, ihre Positionen einzunehmen, er ruft: «Licht!» Die Lampen blitzen kurz auf. Es wird Licht.

4. Szene
«Was glaubt ihr denn, wer wir sind?», singt der Chor der gläubigen Bürger. «Was wir glauben? Wo wir wohnen? Wo wir schlafen? Wo wir arbeiten? Wo wir beten? Wo wir uns zeigen? Wo wir uns verstecken? Wovon wir schweigen? Worüber wir sprechen? Leise? Freundlich? Niemals zu laut?»

5. Szene
Die Protagonisten sprechen einzeln. Als Zuschauerin kann man sie nicht klar einer Glaubensgemeinschaft zuordnen, nicht bestimmen, wer jetzt Muslimin ist und wer Hindu – es sind Männer und Frauen, es sind Junge und Alte. Als Mensch tut man es dennoch instinktiv.

«Was glaubt ihr denn, warum wir die Schuhe ausziehen? Warum wir nicht die Schuhe ausziehen? Warum wir euch bitten, die Schuhe auszuziehen? Warum wir euch nicht bitten, die Schuhe auszuziehen?», spricht eine Frau in roter Kleidung mit dröhnender Stimme. Sie redet zu den Zuschauerinnen und Zuschauern, sie spricht die Andersgläubigen an, sie sucht den Dialog.

6. Szene
«Lass uns ...», beginnt eine andere Frau ihren Satz, dann weiss sie nicht mehr weiter und bricht ab. «Lass uns darüber nicht sprechen», flüstert ihr die Souffleuse zu, sie sitzt nahe bei den Schauspielern, die noch immer aufgereiht nebeneinanderstehen. Dann schweigt sie wieder.

7. Szene
Während die Schauspielerin weiter­redet, verschiedene Perspektiven einnimmt und mit mehreren Zungen spricht: «Wir opfern Schafe! Wir nicht. Wir schneiden ihnen die Kehle durch. Das dürft ihr nicht! Wir stimmen darüber ab, ob wir ihnen die Kehle durchschneiden dürfen», gestikuliert Regisseur Jelden und schüttelt den Kopf. Einer der Schauspieler, ein älterer Mann, ist gemeint, aber er versteht nicht, was Jelden ihm zu tun bedeutet: Soll er seine Füsse zusammenrücken? Er rückt seine Füsse zusammen. Nicht? Soll er absitzen? Er sitzt ab. Nicht? Soll er näher zu seiner Nachbarin stehen? Er steht näher zu seiner Nachbarin. Wieder nicht?

Jelden nimmt sich schliesslich eine freie Mappe mit den Texten, klappt sie zu – und jetzt hat auch der Mann verstanden. Er schliesst seine Mappe. Jelden nickt zufrieden.

8. Szene
Die Frau in Rot stimmt zum Sologesang an – Gospel schmettert durch die Moschee. Derweil kniet jene Frau, von der man denkt, sie sei vielleicht Jüdin, nieder. Auf dem Gebetsteppich, der an manchen Stellen von den vielen Knien leicht abgewetzt ist, mit Blick nach Osten.

9. Szene
«Scheissminarette? Das sagt hier niemand. Hier stimmt man einfach ab», tönt es von der Bühne. «Wir können nicht mit einer Stimme sprechen, wir sind einfach zu viele.» – «Wir schweigen einfach.» – «Sünde in Zürich, das ist, wenn man falsch parkiert.» Reden die miteinander? Gegeneinander? Aneinander vorbei?

Glaubensfreiheit – das ist, wenn Angehörige verschiedener religiöser Gemeinschaften einander widersprechen dürfen.

10. Szene
Ein Gast der Moschee kommt die Treppe herunter, als der Imam singt. Er murmelt mit, versunken in seinen Gedanken. Dann verschwindet er wieder.

Autor Bicker erzählt nach der Probe, dass es anfangs für die Moschee nicht vorstellbar gewesen sei, das Theaterstück im Gebetsraum aufzuführen. Geplant war, dies im Café im oberen Stock zu tun. Dann habe man miteinander geprobt. Und plötzlich hiess es: Ihr dürft gerne im Hauptraum spielen.

Samstag, 3. März, 17 Uhr, Forum des Orients, Hafnerstrasse 41, Zürich. Weitere Austragungsorte: Shiva-Tempel, Kirche Maria Entschlafen, Israelitische Cultusgemeinde Zürich, Equippers- Friedenskirche, Dzemat der islamischen Gemeinschaft Bosniens Zürich, Citykirche Offener St. Jakob. Programm: www.theaterneumarkt.ch

Erstellt: 02.03.2018, 17:53 Uhr

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