Die Stadt wäre ohne seine Architektur eine andere

Otto Streicher ist kaum bekannt. Dabei hat er Zürich mit seinen Bauten enorm geprägt.

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Er war keiner der Lauten, aber einer der Grossen. Und wahrscheinlich wird er sich, so bescheiden wie er gewesen sein soll, nicht einmal im Grab umgedreht haben, als man ihn jeweils mit dem gleichnamigen deutschen Planer verwechselte. Dabei ist Architekt Otto Streicher auf der Annaburg auf dem Uetliberg gross geworden und hat in der Stadt Grosses geleistet. So, dass die Stadt ohne ihn eine andere wäre. Denn Otto Streichers Spuren findet man heute, knapp hundert Jahre nach Beginn seiner Bautätigkeit, in Zürich überall. Das erstaunt wenig, war doch sein architektonisches Credo, städtisch und dauerhaft zu bauen. Dazu hatte Streicher eine zweite Leidenschaft, mit der er Stadtgeschichte schrieb.

Angefangen hatte alles 1920 in Oerlikon mit fünf Einfamilienhäusern, unter einem Walmdach zusammengefasst – gebaut im Auftrag der Allgemeinen Baugenossenschaft (ABZ). «Wohnkolonien sind das wirksamste Mittel, die ideellen Ziele der ABZ zu verwirklichen», schrieb Streicher 1918 in der ABZ-Broschüre «Unser Kampf gegen die Wohnungsnot».

885 Wohnungen für die ABZ

In den folgenden zehn Jahren plante Streicher 16 markante Siedlungen mit rund 885 Wohnungen für die ABZ: Ottostrasse – an der Südostseite der Josefwiese; Sihlfeld am Bullingerplatz – wo das Café du Bonheur unter gebracht ist; oder Kanzlei – direkt an die Seebahnstrasse angrenzend. Alle Siedlungen waren ähnlich angelegt, was der ABZ die Realisierung erleichterte und Kosten einsparte.

Otto Streicher hatte bemerkenswert klare und weitsichtige Vorstellungen von der genossenschaftlichen Art des Bauens: einfache, zweckmässige Grundrisse, in denen sich die Möbel gut platzieren lassen. Die Badewanne etwa plante er unter dem aufklappbaren Abwaschbrett. Ein Zimmer mit Erker gehörte bei fast jeder Wohnung dazu. Die Baumasse sollten zudem gut proportioniert, der Bau einfach und solide aus herkömmlichen, Jahrhunderte haltenden Materialien konstruiert sein. Und: Jeder Luxus sei zu vermeiden.

Nicht dass er an der Fassade mit dem Prinzip gebrochen hätte, aber immerhin war Streicher da zu Kompromissen in Form von «mässigem, wohlbedachtem Schmuck» bereit – etwa einer einladenden Haustür, einem hübschen Balkongeländer oder Wandmalereien. Der Putz ist meist in rötlichem, freundlichem Ton gehalten, was mitunter zu Debatten mit dem damaligen Stadtbaumeister Herter führte. Dieser hatte wenig Verständnis für den Anspruch nach Farbe im sozialen Wohnungsbau, wie in Lorenza Donatis Buch über Streicher nachzulesen ist.

Raum für Begegnung

Zentraler als der Bau waren für Streicher die begrünten Innenhöfe. In diesem öffentlichen Raum sollten sich Menschen begegnen, beim Wäscheaufhängen, beim Teppichklopfen oder beim Spielen.

In der zweiten Schaffensperiode wandte sich Otto Streicher den Geschäftsbauten zu. Er plante das Heilsarmee-Haus an der Ankerstrasse, das derzeit durch einen Ersatzneubau mit ähnlicher Rundung ersetzt wird. Dann wagte er den Sprung über den «minderen» Fluss und baute an der Sihlporte den EPA-Bau. Für Tilla Theus, die das Gebäude renoviert hat, verdeutlicht es Otto Streichers visionäres Denken. Er plante ursprünglich einen elfgeschossigen Turm in den Bau ein, um dem Platz einen Orientierungspunkt zu geben. Das war der Stadt aber nicht genehm.

«Einfach und streng, solid und gediegen in der Ausführung»Die NZZ zum Bau, in dem sich das Kino Rex befand

An der Bahnhofstrasse konnte Otto Streicher schliesslich seiner zweiten Leidenschaft frönen: dem Lichtspieltheater. In nur fünf Monaten erstellte er an der Ecke Beatengasse den Geschäftsbau mit dem Kino Rex, das er auch gleich selber betrieb und 1935 mit einer Gala und Paula Wesselys «Episode» eröffnete. Helle Beleuchtung sollte Besucher in den Raum mit 700 Parkett- und 500 Balkonplätzen locken, in dem H & M heute Kleider ab Stange verkauft.

Bezüglich Materialisierung war Streicher im nobleren Zürich angekommen. Die Fassade war aus Marmor, die Fenster waren metallen. Die Attribute zum Bau ähnelten indes jenen aus der Genossenschaftszeit: «Einfach und streng, solid und gediegen in der Ausführung», schrieb die NZZ nach der Eröffnung. Streicher hatte das Kino bis zu seinem Tod 1968 betrieben, 1975 wurde der letzte Film gezeigt. Die Form des Ursprungsbaus mit Rundung und damit ein Stück Otto Streicher wurden trotz Veränderungen bis heute bewahrt.

Die Kolumne «Bauzone» widmet sich ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder schrägen Häusern, die im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie unter bauzone.tagesanzeiger.ch.

Erstellt: 25.06.2019, 14:07 Uhr

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