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Die unbekannte Langstrasse

Die Dokumentation «Zwischen 12 und 12» von 1971 wirft einen ungeschönten Blick auf den Kreis 4. Die Musik lieferte Jazzer Spoerri. Der Film wurde wieder entdeckt.

Szenen an der Langstrasse, anno 1971: Der Film von Gianni Paggi zeigt, dass früher vielleicht alles besser, aber nicht unbedingt alles schöner war. Bild: Screenshot «Zwischen 12 und 12»
Szenen an der Langstrasse, anno 1971: Der Film von Gianni Paggi zeigt, dass früher vielleicht alles besser, aber nicht unbedingt alles schöner war. Bild: Screenshot «Zwischen 12 und 12»

Im Plattenladen im Kreis 4 steht im Regal mit den Neuigkeiten eine Platte mit dem Titel «Zwischen 12 und 12 – 24 Stunden rund um die Langstrasse». Komponist: Bruno Spoerri. Jahr: 1971. Herausgeber: das englische Label Finders Keepers. Der Fund wirft Fragen auf. Insbesondere jene: Warum ist uns dieses Stück Zeitgeschichte bisher verborgen geblieben? Man munkelt, dass es diesen Film gar nicht gibt.

Auf der Platte ist auch der Regisseur vermerkt. Anruf bei Gianni Paggi. Er lebt noch in Zürich. Ja, er habe diesen Film vor 45 Jahren für das Schweizer Fern­sehen gedreht. Doch seine Erinnerungen daran seien sehr blass, er sei mittlerweile auch 76 Jahre alt. Im Lauf des Gesprächs kommen dann immer mehr vermeintlich verschwundene Erinnerungen an die Oberfläche.

«Von zwölf bis zwölf» – 24 Stunden Langstrasse (1971). Quelle: Youtube/ SRF Archiv

Paggi war damals beim Schweizer Fernsehen angestellt. Er begab sich ­zusammen mit dem Radiomoderator Max Rüeger an die Zürcher Langstrasse und «filmte einfach drauflos», wie er sagt. Seine Idee war eine Dokumentation über die verborgenen Winkel jenes Viertels, das er als zugezogener Tessiner bereits kannte. Denn «die meisten Italienisch Sprechenden in Zürich fanden ­zuerst im Kreis 4 Anschluss. Man traf sich in der Lugano-Bar.»

Der 40-minütige Film, der aus diesem Streifzug resultierte, lief 1972 an einem Wochentag zur Hauptsendezeit direkt nach den Nachrichten. Stapi Sigmund Widmer soll nicht erfreut gewesen sein über das ungeschönte Porträt dieses verruchten Winkels seiner Stadt. Ansonsten blieb der Skandal aus – trotz Alkis, Nacktaufnahmen in den Stripclubs und Joints in Studenten-WGs. Bald darauf verschwand der Film im Archiv. «Verrückt», sagt Paggi und lacht laut, «verrückt, ist dieses Werk nach 45 Jahren wieder aufgetaucht.»

Bild: Screenshot «Zwischen 12 und 12»
Bild: Screenshot «Zwischen 12 und 12»

Der Grund dafür ist beim Soundtrack von Bruno Spoerri zu finden. In den letzten Jahren hat der Schweizer Jazzer weltweit und besonders in Sammlerkreisen an Beliebtheit gewonnen. Beliebt sind vor allem seine frühen elektronischen Arbeiten aus den 70er-Jahren. Auch Rap-Megastar Jay-Z schien vom Schweizer Jazzer angetan, als er für sein letztes Album ein Stück von ihm benutzte – ohne ihn zu fragen, notabene.

Via England zurück nach Zürich

Das Label Finders Keepers veröffentlicht seit einiger Zeit bisher unbekannte Aufnahmen Spoerris. Und so fand diese ­Musik nach 45 Jahren und über den Umweg eines englischen Labels wieder ­zurück an den Ort, an dem sie einst entstanden war: in den Kreis 4. Als Neupressung und mit ausführlichen Notizen versehen. Darin ist von einer «obskuren Dokumentation» die Rede, «ironisch und leicht schizophren in seiner Bildsprache».

Ein Anruf beim Schweizer Fernsehen bestätigt: Dieser Film existiert noch, er wird bald digitalisiert und sogar bei Youtube hochgeladen. Das ist inzwischen geschehen; endlich kann man dieses Zeitdokument sehen.

Bild: Screenshot «Zwischen 12 und 12»
Bild: Screenshot «Zwischen 12 und 12»

Die Dokumentation beginnt in der ­damaligen Alkoholikerbeiz Schönau bei der Bäckeranlage, Männer versammeln sich an einem Tisch, traurige Gesichter. Sehr rasch wird klar, warum der Stapi nicht erfreut war: Hier wird nichts ­geschönt. Einer singt windschief «So ein Tag, so wunderschön wie heute». ­Spoerri nimmt das Thema in seinem ­Intro auf, taucht es zuerst in Melancholie und überführt es dann in einen drängelnden Funk. Es ist morgens um fünf, der Moderator sagt: «Den Nachtvögeln ist die Dämmerung Ende, dem Bürger ist sie Anfang.» Die Spannweite ist abgesteckt.

Vom Spunten gehts in die Wohnung italienischer Einwanderer, die gerade dabei sind, Spaghetti zu kochen. Von der Polizeiwache gehts später ins Revolution an der Zwinglistrasse, einem damaligen Treffpunkt für junge Zürcher Linke; vom «Lesbierinnen-Treffpunkt» schneidet Gianni Paggi zum «Füdlischuppen». Heute längst aus dem Strassenbild verschwundene Gestalten wie der Glaser aus dem Misox oder der Schrotthändler mit dem Leiterwagen haben im Film ihren Auftritt.

Bild: Screenshot «Zwischen 12 und 12»
Bild: Screenshot «Zwischen 12 und 12»

Vieles von damals ist aber auch heute noch im Quartier präsent: die Demonstrationen, die Boheme, die Frauen in den Clubs, die kleinen ausländischen Läden mit exotischen Produkten; die aufgebrachten Anwohner, die sich über den Lärm beklagen. Paggis Schnitte zwischen «Es Buurebüebli mani nid» und psychedelischen Exzessen sind ebenso hart wie effektiv. «Vieles war gestellt», sagt Paggi, «doch die Leute waren echt.»

Ein verworrenes Quartier

Bruno Spoerri, der für den Auftrag mit dem Orchester des Schweizer Radios arbeitete, komponierte die Musik anhand des filmischen Materials, das er am Schneidepult sichtete. Um die Musik ­abzustimmen, benutzte er eine Stoppuhr, wie er am Telefon erklärt. Es sind manchmal traumwandlerische, luftige Jazzstücke («Strip Bar»), manchmal hart mit dem damals angesagten Strassensound Funk operierende Teile («Little Italy», «Sirtaki Nights»).

Stets oszillieren diese meist sehr kurzen Stücke zwischen sanfter Melancholie und Variété-Vergnügtheit, wechseln Stimmung, Rhythmus und Textur innerhalb weniger Minuten. So bilden sie eine Art musikalische Entsprechung zum vielfältigen, schwer entwirrbaren Gewühl im Quartier, wie es damals gewesen sein muss – und teilweise heute ist.

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