Die «Vagina-Monologe» kommen zurück

Roberta Spano und Justine Burkhalter bringen das Stück auf die Bühne der Roten Fabrik. Das Buch zum Stück beinhaltet 200 Interviews mit Frauen.

Die Zürcher Initiantinnen von «Vagina-Monologe»: Roberta Spano (links) und Justine Burkhalter. Foto: Reto Oeschger

Die Zürcher Initiantinnen von «Vagina-Monologe»: Roberta Spano (links) und Justine Burkhalter. Foto: Reto Oeschger

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Verborgen ist sie, im Untergrund, es ist kalt. Will man die Probe zum Stück «Vagina-Monologe» als Metapher verstehen, könnte man sagen: Ha, da seht ihrs! Frauen und das, was sie zu erzählen hätten, sollen verschwinden, sollen unsichtbar und ungehört bleiben. 

Es ist ein Samstagvormittag im Februar, zwölf Frauen stehen in Trainerhosen und dicken Socken in einem Kellerraum in der Nähe von Albisrieden. «Nimm doch den Modus, den du beim Wort Fotze auch hast», sagt die Regieverantwortliche zu einer der Schauspielerinnen – fast alle sind Laien. Sie meint: Bleib stark, empört, bei dir. Es geht gerade um die Begriffe, die gemeinhin für die Vagina benutzt werden, die Frauen sagen sie auf, rufen sie kniend, stehend, flüstern sie liegend. Pussycat, Puderdose, Fickhöhle, Fützli. So aneinandergereiht, klingt es derb und verklärt gleichermassen – weil es derb und verklärt ist. In dieser Ambivalenz erinnert es an die obskure psychoanalytische Madonna-Hure-Theorie: Jede Frau sei eine Heilige, und jede sei auch eine Sünderin.

Die Darstellerinnen üben für das Theaterstück «Die Vagina-Monologe 2019», das auf Interviews mit 200 Frauen beruht. Die New Yorker Autorin und Dramatikerin Eve Ensler hat 1996 den ersten Entwurf des Stücks geschrieben. Die Monologe wurden seither in über 48 Sprachen übersetzt und in mehr als 140 Ländern aufgeführt, in zwei Wochen nun in der Roten Fabrik. Die Gespräche handeln von Menstruation, weiblicher Sexualität, sexualisierter Gewalt, Geburt. Von Frauenangelegenheiten. Frauenangelegenheiten?

Spenden an Beratungsstelle

«Ich wurde von einem Mann gefragt, ob er sich die Aufführung auch ansehen dürfe», sagt Roberta Spano. «Man muss keine Vagina haben, um unser Stück zu schauen.» Spano, Jahrgang 1989, hat mit Justine Burkhalter, 1988, den Klassiker nach Zürich geholt. Das heisst: Die befreundeten Historikerinnen, die sonst «überhaupt nichts mit Theater» zu tun haben, inszenieren das Stück. Sie haben dafür zwei junge Frauen für die Regie engagiert, eine Grafikerin, eine Fotografin, die Schauspielerinnen gecastet und jemanden gefunden, der sich um die Website kümmert.

Alle arbeiten gratis und aus Überzeugung, einen wichtigen Beitrag zu leisten. Dafür, über Dinge zu sprechen, die schambehaftet sind, peinlich, als gruusig gelten. Die Botschaft soll sein: Wir machen den Mund auf. «Die monatliche Blutung etwa – viele Männer wissen gar nicht genau, wie die Menstruation abläuft», sagt Burkhalter. 

«Die angesprochenen Themen sind immer noch hochaktuell», finden die beiden Initiantinnen. «Das Theater schafft einen Einblick in Frauenrealitäten.» Und es gibt den Frauen eine Bühne. Jetzt sollen sie reden dürfen.

«Wir haben uns Sorgen gemacht um unsere Vaginas», sagen die Schauspielerinnen im Kellerraum. Unberührt, berührend.

Hinter dem Stück steht die internationale Organisation V-Day, der die Rechte gehören. V-Day macht verschiedene Vorgaben, an die sich halten muss, wer das Stück zur Aufführung bringen will: Es muss im Monat Februar stattfinden – wegen der Nähe zum V-Day, dem zum Vagina-Day umgedeuteten Valentinstag. Auf der Bühne sollen keine Männer stehen. Die Einnahmen sollen gespendet werden – in Zürich gehen sie an die Frauenberatung Sexuelle Gewalt. Weder am Stück noch an seinem Titel darf etwas verändert werden.

«Einerseits bedeuteten die Vorgaben gewisse Schwierigkeiten für uns», sagt Spano. Der Titel «Vagina-Monologe» sei nicht mehr zeitgemäss, man sollte heute «Vulva» sagen. Und könnte der Titel nicht auch abschreckend wirken? Andererseits: «So fühlt sich auch eine ältere Frauengeneration angesprochen.» Jene Feministinnen etwa, die das Buch damals gelesen haben und den stehenden Begriff «Vagina-Monologe» kennen. Wie die 73-jährige Frau, die mitspielt: Bei ihr steht das Buch seit über zwanzig Jahren im Regal. 

«Wir haben uns Sorgen gemacht um unsere Vaginas», sagen die Schauspielerinnen im Kellerraum. Unberührt, berührend. «Sie brauchen eine Art Gesellschaft. Sie sind von so viel Dunkelheit umgeben.» 

Jetzt stehen die Frauen noch dort unten. Aber bald schon auf der Bühne, im Scheinwerferlicht.

«Die Vagina-Monologe 2019», 20. bis 22.2.,20 Uhr, Aktionshalle, Rote Fabrik. vdayzurich.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2019, 16:16 Uhr

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