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Die Welt ist voller Sigfrieds

Vor seinem Unfall war Roland Burkart Maler, seither ist er Zeichner: Der Tetraplegiker lässt uns jeden Freitag in das Leben von Sigfried blicken.

Seit zehn Jahren Tetraplegiker: Roland Burkart in seinem Atelier. Video: Samuel Schalch

Es gibt Parallelen zwischen Sigfried und Roland Burkart. Es ist die tägliche Herausforderung, den Alltag zu meistern.

Roland Burkart sitzt seit einem Unfall vor zehn Jahren im Rollstuhl. Er stürzte bei der Arbeit als Maler zehn Meter tief von einem Gerüst in einen Schacht. Diagnose Tetraplegie, Beine und Arme sind von der Lähmung betroffen. Er zeichnete schon vor dem Unfall – und danach schnell wieder. Zu Beginn der Rehabilitation im Paraplegikerzentrum liess er sich von der Kunsttherapeutin Farbstifte an die Hand kleben. «Schilf im Teich» ist das erste Bild, das entstand, aus der Schulter heraus.

Heute zeichnet der 36-Jährige mit einem Pinselstift mit Tusche. Es gibt diesen Film auf seiner Website, der zeigt, wie Burkarts Bilder entstehen. Wie er den Stift mithilfe des Mundes öffnet und ihn zwischen Mittel- und Ringfinger klemmt. Wie er zeichnet, obwohl er in den Händen kein Gefühl hat. Wie er das Papier mit dem Mund aufnimmt und in den Scanner legt.

Burkart erzählt, wie ihn das Zeichnen damals in der Reha ins Schwitzen gebracht hatte. 2015 hat er sein Studium der Illustration an der Hochschule Luzern abgeschlossen, im August des vergangenen Jahres erschien seine Graphic Novel «Wirbelsturm». Darin erzählt er die Geschichte Pietros, der nach einem Sprung im Schwimmbad in Nottwil wieder aufwacht. Die Geschichte ist aus Gesprächen mit anderen Tetraplegikern entstanden und enthält autobiografische Elemente. «Wirbelsturm» ist ein ruhiges, berührendes Buch.

Es ist der Strich, der einen Burkart ­sofort als Burkart verrät. So auch bei Sigfried. «Er ist mir passiert», erzählt der Zeichner von seinem Helden. Ursprünglich wollte er einen Streifen über Zürich aus Sicht der Reichen machen. «Ich habe eine Person gesucht und Sigfried gefunden. Der wurde mit der Zeit immer ärmer und immer älter.» Wohl, weil Bur­kart ein Gefälle zwischen der Person und der aktuellen Welt schaffen wollte. Sigfried, ein Senior von 66 Jahren, sei «im Alltag langsam gleich überfordert wie ich», sagt Burkart. Auch das zeigt der Film: Burkarts Alltag ist fordernd. Dazu gehört neben der Arbeit im Atelier auch die Therapie.

Aus dem Scanner aufs Bellevue

Auf Sigfrieds stösst Burkart überall. Im Bus, im Café, auf der Strasse, in der ­Zeitung: ältere Herren, die sich gemächlich durch unsere schnelllebige Zeit bewegen. Die sich für das Neue interessieren, ihm gegenüber aber stets etwas skeptisch seien. Daraus versuche er dann, seine Streifen zu entwickeln. ­«Zuerst musste ich mir den Streifen beibringen», sagt Burkart, er zeichne sonst mehr Cartoons. Das Neue für ihn: Eine Geschichte über mehrere Bilder hinweg entwickeln, sie auf eine Pointe zirkeln, das sei die Kunst. Von seinen Ideen fertigt Burkart grobe Skizzen an, die er später mit Pinselstift reinzeichnet. Wenn er merke, dass der Schwung stimme, wage er es auch mal, direkt zu zeichnen. «Diesen Schwung sieht man dann auch in den Zeichnungen, das gefällt mir.» Danach scannt er seinen Streifen ein, ­retuschiert ihn am Computer und hinterlegt ihn mit Farbe.

Und dann stolpert da jeden Freitag ein älterer Herr übers Bellevue. Er heisst Sigfried und ist ein typischer Burkart.

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