Die Zwergensiedlung im Monsterland

Lottervelos, zerlegte Einkaufswägeli, rostiges Grillgerät. Mad Max moderat in Altstetten, schreibt unser Autor nach seinem Rundgang durch das Basislager.


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Die Fahrt im Vierer nach Altstetten – das ist Gullivers Reise ins Land der Riesen. Toni-Areal, Elektrogrosshändler Otto Fischer, Engrosmarkt, Herdern-Gleisfeld und der antennen-bewehrte Swisscom-Komplex wie eine syrische Geheimdienstzentrale: alles überdimensioniert.

Lagerhallen, Lastwagen, Lärm – der Mensch als Randfigur. Eben darum wirkt bei der Ankunft das Basislager, dieses Hobbitdörfchen, dieser Asterixwinkel, diese Zwergensiedlung im Monsterland, so innig. Häuschen statt Hochhäuser.

Ferien auf Saltkrokan

Ein Rundgang soll es werden, Startort ist die Wirtschaft Transit. Sie verklammert das Konglomerat aus Kreativen und Kleingewerblern mit den Asylbewerbern, die nicht im engeren Sinn zum Basislager gehören, aber auf demselben Areal leben; mal für sich, mal mit Anschluss.

Die Wirtschaft hat leider grad zu. Die Tür ist unverschlossen. Die Frau dahinter sagt, man könne durchaus einen Kaffee bekommen, Ruhetag hin oder her.

Die sind nett im Basislager. Allerdings sind an diesem Nachmittag wenig Menschen da. Aufputzer von der Stadt. Bauarbeiter, die Steine abladen. Ein dicker Mann mit Laubbläser. Ein künstlerischer Metallwerker, nicht ganz so massig wie weiland der berühmte Luginbühl.

Sehr still ist es bei den Asylbewerbercontainern. In dem einen Innenhof, gebildet aus zwei Containerreihen, zeugt nur ein gelbes Kindervelo von menschlicher Existenz. Die durchgehenden Holzstege vor den Containern, das ist ein wenig wie Sommer in Schweden im Bungalow am See, der Kopf denkt: Ferien auf Saltkrokan.

Doch dann öffnet sich eine Tür. Eine afrikanische Frau mit ultrabuntem Kopfputz linst heraus, schlägt die Tür sofort wieder zu. Nordische Assoziation zu Ende, das ist Soweto. Die Container sind ärmlich. Um die Ecke sitzt ein junger Afrikaner. Er trägt Ohrhörer und schüttelt den Kopf, als man ihn fragt, wie es so gehe. Ob er die Frage gehört hat?

Wie eine Zooanlage

Der Flaneur fühlt sich instinktiv als problematisches Wesen. Das Camp ist als Zoo gebaut, als Durchschlenderanlage, es gibt sogar ein paar Wegweiserchen.

Die Kreativen, das Basislagervolk, sind das Gegenprogramm zu den Asylbewerbern, welche Verlierer des Lebens sind. Die Kreativen haben dieses vor sich. Sie mögen, wie es aussieht, eine gewisse Schrottplatzhaftigkeit: Lottervelos, zerlegte Einkaufswägeli, unsortierte Gartenmöbel, rostiges Grillgerät. Mad Max moderat in Altstetten.

So nebenbei ist das Basislager dazu ein Unkrautparadies. Brennnesseln überall. Brombeeren hat es auch. Freilich verzichtet der Rundgänger besser auf ein Pflücken, denn der Boden ist bekanntlich mit Altlasten durchseucht.

Fazit nach der Besichtigung der kreativen Container: Der schöpferische Gehalt schwankt. Es gibt Kunsthandwerk, The Loving Spoon verkauft Löffel mit Aufschriften wie «Cereal Killer», «Müesli-Vernichter». Pepe Hiller wiederum fertigt Designer Toys, herzige Holzfiguren.

Drohnenflug über das Basislager-Areal. Video: Emanuel Ammon (Aura)

Das erinnert an Weihnachtsmärkte. Doch gibt es andere. Solche, die ein höheres Kunstsinnen beanspruchen. Oder intellektuelle Deutungsmacht. Im Basislager wird gejazzt (Tschopp/Suhner/Seliner). Es wird Architektonisches ausgedacht (Hajnoczky/Zanchetta). Es wird an medialen Inhalten getüftelt (Fisherman. fm). Auch Theatermacher (Samuel Schwarz von 400asa) und Variétéleute (Beat Fuhrimann, Karl’s kühne Gassenschau) haben sich hier eingenistet. Viele Containertüren, viele Ideen.

Der Strichplatz als Nachbar

Am Ende geht es wieder heim. Der Weg zum Tram führt gleich nach dem Basislager beim Depotweg an einem Eisentor vorbei. Dahinter Zürichs Strichplatz. Vom Basislager kommt ein verhärmter Mann des Weges. Sicher ein Asylbewerber. Auf die Frage, was hinter dem Tor sei, sagt er: «No Deutsch.» Dann: «Sieben Uhr offen. Du dann kommen.»

Der Mann hält sein Gegenüber für einen Freier. Endlich begreift er doch die Frage – was ist hinter dem Tor? Er legt die Hände flügelartig an die Hüften, skizziert so den Minirock einer Prostituierten. Die Geste wirkt resigniert. Für den Asylbewerber bedeutet der Strichplatz gleich neben seinem temporären Zuhause, dass er ganz am Rand der Gesellschaft lebt. Der Mann nennt das Basislager «The camp». Das Lager.

Jeden Tag einige Geschichten mehr: Die Serie Im Huus widmet sich eine Woche lang dem Basislager in Altstetten.

(Erstellt: 20.10.2016, 17:21 Uhr)

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