Diese Kunst wiegt schwer

Aus dem berühmtesten Zürcher Abbruchhaus wurde ein Betonteil, das dann zum Einsatz kommt, wenn andere Abbruchhäuser gewichen sind: ein Krangewicht.

Das Werk und seine Erschaffer: Michael Meier und Christoph Franz auf dem Krangewicht.

Das Werk und seine Erschaffer: Michael Meier und Christoph Franz auf dem Krangewicht. Bild: Andrea Zahler

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Was ist geblieben vom Nagelhaus an der Turbinenstrasse 12/14?
Wie viel wiegen 1100 Kilogramm Kunst?
Was verbindet Künstler mit ihrem Werk?

Auf alle dieser drei Fragen gibt es eine einfache Antwort, eine ausführliche und eine sinnliche ebenso. Das Zürcher Künstlerduo Michael Meier und Christoph Franz hilft, sie zu beantworten, Meier & Franz, die sich eingehend mit der Entwicklung von Zürich-West befasst und sich ihr künstlerisch angenähert haben. Nachzulesen im Werk «Der Durchschnitt als Norm» (Spector Books, 2018), klein aber fein; soeben ausgezeichnet als eines der schönsten Schweizer Bücher.

Was also ist geblieben vom ­Nagelhaus?
Nichts, lautet die einfache Antwort. Obwohl sich die Bewohner mit kreativem Protest (Resistance stand in denselben Lettern wie beim Hotel Renaissance nebenan an der Fassade) ebenso wie mit rechtlichem Protest (bis vor Bundesgericht) dagegen gewehrt hatten: 2016 wurde das Haus an der Turbinenstrasse 12/14 plattgemacht. Dank Meier & Franz hat ein Teil des Hauses als Kunst überlebt: Das Nagelhaus wurde in die Form eines Krangewichts umgegossen.

Resistance – bis zum Abriss und darüber hinaus: Das Nagelhaus an der Turbinenstrasse. Foto: TA

Wie viel wiegen 1100 Kilogramm Kunst?
Ziemlich genau 1,1 Tonnen. Oder, noch genauer: 1'100'000 Gramm. Neben Kies und Sand und Zement und Armierungseisen besteht dieses eine Krangewicht aber vor allem aus einer Idee. Ihr ­Gewicht ist so schwer, dass man es nicht wiegen kann. Und der Weg, wie aus Abbruchschutt ein Betonklotz wird, zuerst ­theoretisch, dann konkret, ist ziemlich lange.

Das Werk ist ein tonnenschwerer Anstoss, über die Stadtentwicklung nachzudenken. 

Meier & Franz haben diesen Weg recherchiert, verhandelt und koordiniert. So, dass am Ende ein Lastwagen voll ­Resistance-Bauschutt zu einer Sonderbehandlung kam. Er wurde dem Materialkreislauf entzogen, separat bei der Recyclingfirma aufgearbeitet, separat in der Form von Sand und Kies und Wasser und Zement als Transportbeton in die Elementbaufirma gefahren und dort zu Kunst gegossen: Das Werk unterscheidet sich nur minimal von «normalen» Krangewichten. Es ist ebenfalls Grau, es ist ebenfalls normiert, es ist ebenfalls mit Löchern versehen, damit sie angehoben und transportiert werden können, lediglich ein eingegossenes X macht es als anders kenntlich, markiert es als Kunst.

Das X als Differenzierungsmerkmal: Diese 1100 Kilogramm Beton sind Kunst. Foto: Andrea Zahler

Was verbindet die Künstler und ihr Werk?
Der Schnellzug Zürich–Olten ab 13.30 Uhr am Hauptbahnhof. Dort, auf dem Werkhof der Firma Stirnimann ist das Gegengewicht gelagert. Mitarbeiter der Kranfirma suchen es heraus, als Michael Meier und Christoph Franz an einem Nachmittag ihr Werk besuchen gehen, Sie heben es aus dem Stapel hervor, es kommt so etwas wie Freude auf, als das Teil an massiven Ketten heranschwebt. Dieses Teil hat schon in Oerlikon 1100 Kilogramm dazu beigesteuert, dass der Kran nicht kippte, wenn Armierungseisen herumgefugt wurden, Schalungsplatten oder Abflussrohre.

Das Wiedersehen ist von kurzer Dauer, Meier & Franz müssen weiter nach Bern, das Krangewicht wird am nächsten Morgen auf einen Lastwagen geladen und ins Luzernische gefahren. Um da die Kunst, das Werk weiterzuführen. Im Buch «Der Durchschnitt als Norm» steht über das Gegengewicht: «Die Wandlung eines ehemals vom Menschen bewohnten Hauses in einen industriell genormten Betonblock ist schon für sich genommen als ein kritisches Statement zur aktuellen Stadtentwicklung zu lesen.» Oder zumindest als tonnenschwerer Anstoss, über die Stadtentwicklung nachzudenken.

Jetzt hängt das Krangewicht von Meier & Franz in Littau über den Dächern. Es sorgt als Gegengewicht dafür, dass die Schweiz sich täglich ein bisschen verändert.

Aktuelle Ausstellung: Kunststipendien der Stadt Zürich 2019, Helmhaus, 13. Juli bis 8. September, Vernissage 12. Juli, 18 Uhr

Erstellt: 05.07.2019, 14:04 Uhr

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