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«Zürich ist für uns der richtige Vibe zur richtigen Zeit»

Snowboard-Pionier Jake Burton Carpenter sucht eine Wohnung an der Limmat. Im Interview sagt er, was ihn hierhin zieht.

Ab 2019 ist er nicht mehr nur zu Besuch in Zürich: Jake Burton heute vor einer Woche auf der Gemüsebrücke.
Ab 2019 ist er nicht mehr nur zu Besuch in Zürich: Jake Burton heute vor einer Woche auf der Gemüsebrücke.
Reto Oeschger

Irgendwas muss sie haben, unsere Stadt, jedenfalls in den Augen berühmter Menschen aus Übersee: Vor einigen Wochen eröffnete der kanadische Stilpapst, Verleger und Swiss-Designer Tyler Brûlé an der Dufourstrasse im Seefeld ein Café mit Kiosk, Accessoireladen und Hinterzimmerredaktion für sein Magazin «Monocle». Und letzten Mittwoch nun weilte Jake Burton Carpenter in Zürich – nicht, um seinen im Herbst 2017 an der Marktgasse eröffneten Flagship-Store zu besuchen, nein, «the Lord of the Board», wie man den Miterfinder des populären Schneesportgeräts augenzwinkernd zu nennen pflegt, wird mit der Familie 2019 hierherziehen – zumindest temporär.

Wieso verlassen Sie die USA?

Weil es da derzeit für liberale Menschen, zu denen wir uns zählen, wirklich kaum mehr auszuhalten ist. In einem Land zu leben, das jemanden wählt wie Trump, der verdammt noch mal verrückt ist, das fühlt sich ungut an. Hinzu kommt, dass meine Frau Donna, die bei uns als CEO amtet, dem Management mehr Verantwortung übertragen möchte. So wird das auch eine Art Testlauf (lacht).

Und warum gerade Zürich?

Wir lieben Österreich, wir haben dort viel Zeit verbracht, auch aus geschäftlichen Gründen. Darum möchten wir jetzt was anderes. Zürich ist durch den Flughafen international vernetzt, tolle Snowboardgebiete sind in vernünftiger Zeit erreichbar, es hat einen malerischen See, dessen Wasser so gut ist, dass man es trinken kann... Alles passt, diese Stadt ist für uns der richtige Vibe zur richtigen Zeit.

Sind Sie bereits fündig geworden?

Ich habe gestern in Zermatt meinen 100. Snowboardtag absolviert, heute sind wir nach Zürich gekommen, um uns das eine oder andere anzusehen. Wichtig ist, dass die künftige Wohnung in der Nähe des Opernhauses sein wird.

Inzwischen bin ich einfach dankbar, dass ich mir überhaupt noch Ziele setzen kann.

Ich meine gelesen zu haben, Sie seien früher ein Riesenfan von Grateful Dead gewesen. Das ist ein beachtlicher Kulturwandel.

(lacht) Nein, nein, ich bin überhaupt nicht der Operntyp. Doch uns gefällt das Gebäude, überhaupt diese Gegend mit dem schönen Platz. In dieser Gegend suchen wir derzeit.

Sie haben Ihren 100. Snowboardtag erwähnt, eine Marke, die Sie sich jedes Jahr zum Ziel setzen...

(unterbricht) Inzwischen bin ich einfach dankbar, dass ich mir überhaupt noch Ziele setzen kann.

Wir sitzen im Showroom des Burton-Ladens, rundherum hängen die Stücke der kommenden Winterkollektion; alles hier ist stolzes Zeugnis von einem erfolgreichen Business. Und doch wirkt der gebürtige New Yorker plötzlich verletzlich, seine Augen werden feucht, die Stimme zittert. Grund dafür, er macht kein Geheimnis daraus, ist eine Autoimmunkrankheit namens Miller-Fisher-Syndrom, die ihn im März 2015 heimsuchte.

Das erste Anzeichen: Er sah doppelt. Es kam der Tag, an dem er nicht mehr schlucken konnte, tags darauf bekam er die Augen nicht mehr auf, 24 Stunden später wurde er an die Lungenmaschine gehängt, weil auch die Atmung versagt hatte. Das Einzige, was noch einigermassen «funktionierte», waren seine Hände; sie ermöglichten ihm mittels Schreibstift und Zetteln eine Art Kommunikation. Burton war, wie er in einem Interview sagte, «gefangen im eigenen Körper» – all das, wenige Jahre nachdem er eine Krebserkrankung überstanden hatte.

Hatten Sie aufgegeben?

Nachdem ich in diesem Zustand sieben Tage und Nächte ununterbrochen wach gelegen hatte, konnte und wollte ich nicht mehr. Ein Arzt merkte das und fragte, ob ich selbstmordgefährdet sei, und ich schrieb: Ja, aber ich werde nicht 150 Menschen mit in den Tod reissen.

Burton im Juni 2018 beim Matterhorn. Foto: Reto Oeschger
Burton im Juni 2018 beim Matterhorn. Foto: Reto Oeschger

Eine Anspielung auf den Vorfall mit der German-Wings-Maschine, nehme ich an – ein ziemlich schwarzer Humor.

(lacht) O ja! Der Arzt erklärte mir später, der für Humor, Ironie und Sarkasmus zuständige Teil des Gehirns sei der am höchsten entwickelte. Das hatte ich nicht gewusst, überhaupt hab ich durch diese Krankheit enorm viel gelernt, auch über mich selbst. Ich bin nicht mehr der gleiche Mensch wie davor – und dies nicht, weil ich in gewissen Dingen noch immer eingeschränkt bin.

Sondern?

Ich bin kreativer, spiritueller geworden.

Was hat Sie letztlich gerettet?

Medizinisch war es eine Behandlung mit IVIG, das ist eine umstrittene Immunglobulintherapie. Normalerweise macht man eine Injektion, ich bekam zwei, da mein Körper das erste Mal nur wenig reagierte. Doch wirklich gerettet hat mich die Familie, vor allem Donna. Ohne ihren Willen, ihre Kraft und ihre verrückte Liebe wäre ich nicht mehr da.

Was ist das Geheimnis dieser Liebe?

Die simple Erkenntnis, dass wir zusammengehören. Wir sind nicht perfekt, aber wir sind perfekt füreinander, um es mit einer bekannten Songzeile zu sagen. Es gab eine Phase, in der ich arbeitete wie gestört, in der ich Donna schlimm vernachlässigte, weshalb sie an meiner Liebe zu zweifeln begann. Es schien keinen Sinn mehr zu machen, wir wollten uns trennen. Doch das schafften wir nicht, also mussten wir einen Weg finden, der für beide passt, für beide gut ist. Und das haben wir hinbekommen.

Kennen gelernt hatten sie sich am 31. Dezember 1981 in einer Bar. Sie stand in der Schlange fürs Damenklo, er fragte sie, ob er ihr einen Drink spendieren dürfe. Kurz darauf haben sie geheiratet, sie haben drei Söhne zwischen 21 und 28 Jahren. Donna amtet seit 2015 als Geschäftsführerin von Burton Snowboards mit Hauptsitz in Burlington (Vermont), weltweit zählt die Firma 1000 Mitarbeiter. Unter Donnas Leitung, sagt Jake, habe sich die Philosophie geändert, die nachhaltige Produktion und gute Arbeitsbedingungen seien inzwischen zentraler als ein Wachstum um jeden Preis. Gleichwohl ist man in vielen Sparten Marktführer, hat mit dem dreifachen Halfpipe-Olympiasieger Shaun White den bekanntesten Snowboardprofi der Welt unter Vertrag, und auch etliche Cracks der nächsten Generation haben ein Burton-Brett an den Füssen.

Wie aber war das anno 1977, als Burton mit knapp 200 000 Franken, die er von der Grossmutter geerbt hatte, seine Firma gründete und in der Garage mit Tischsägen den von Sherman Poppen 1965 kreierten «Snurfer» – einen bindungslosen Monoski – weiterentwickelte?

Burton als junger Mann auf einer Testfahrt. (Foto: Burton Snowboards)
Burton als junger Mann auf einer Testfahrt. (Foto: Burton Snowboards)

Haben Sie auf Anhieb gewusst, was es braucht, damit ein Snowboard funktionieren kann?

Hätte ich es gewusst, hätte ich mir viel schlaflose Nächte und noch mehr verlorenes Geld erspart. Nein, es war das typische «Trial and Error», wir haben Dutzende untaugliche Prototypen gefertigt.

Trotzdem haben Sies geschafft. Was machten Sie besser als die diversen gescheiterten Konkurrenten?

Meine Pioniertat war, dass ich Snowboarding als Sport und Lifestyle etablieren konnte. Das gelang, als ich den Plan aufgab, in kurzer Zeit ganz viel Geld zu verdienen. Danach wollte ich beweisen, dass es klappt, weil ich sah, dass alles da war, damit es klappen kann. Es war wohl diese Leidenschaft... Und dass ich niemanden beschissen habe!

Wer erlebt, wie Burton im Gespräch binnen Sekunden vom Witz zu Tiefgründigem wechselt, wie er das Motto «Go Fun Yourself» verteidigt, obwohl er damals, als sein Sport noch in den Kinderschuhen steckte, schon «really good» gewesen sei, merkt: Trotz der 64 Jahre, trotz der Schicksalsschläge ist er ein hippiesker Lebenskünstler mit punkiger «Mach es selbst!»-Attitüde geblieben – was irgendwie nicht mehr so recht zur durch und durch professionell-kompetitiven Snowboardszene von heute passen will.

Entwickelt sich der Sport in die richtige Richtung?

Es ist immer noch ein weisser Sport; mir fehlt die ethnische Vielfalt, es gibt in den USA kaum junge Schwarze oder Hispanoamerikaner, die man boarden sieht, weil es nach wie vor zu teuer ist.

Ich wollte eigentlich eher auf das «No limits»-Denken ansprechen.

Unser Fahrer Kevin Pearce erlitt 2009 bei einem missglückten Trick schlimme Hirnverletzungen. Ich glaubte, dass nach diesem Unfall das Streben nach immer noch verrückteren Nummern aufhören würde, doch das ist nicht passiert.

Im Speziellen dafür verantwortlich sind auch Shaun White und Iouri Podlatschikov. Wie sehen Sie die verbissene Rivalität der beiden?

So verbissen ist die längst nicht mehr, da ist viel Respekt, aber auch viel Show. Wir verstehen uns bestens, Iouri trug beim Goldrun in Sotschi sogar meine alten Handschuhe. Als wir uns bei einem Rennen vor Olympia trafen, fand er die cool, also hab ich sie ihm geschenkt.

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