Diskrete Indiskretionen

Das Baur au Lac verfolgt seit 170 Jahren ein Ziel: anspruchsvolle Gäste äusserst verschwiegen zufriedenzustellen. Einige Anekdoten sind dennoch nach aussen gedrungen – etwa über Wagner, Sisi oder Chagall.

Hier fuhr einst Kaiserin Siss vor: Eingang des Baur au Lac. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Hier fuhr einst Kaiserin Siss vor: Eingang des Baur au Lac. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Stünden nicht manchmal die teuersten Automobile vor der Zufahrt Schlange, man würde das Baur au Lac am Bürkliplatz glatt übersehen. Das Nobelhotel fügt sich unauffällig ins Stadtbild ein. Dabei ist das 5-Stern-Haus eine der ältesten und besten Adressen der Stadt – und gehört zu den führenden Hotels weltweit. Herrschaftlichen Reisenden eine einmalige Qualität mit persönlicher Aufmerksamkeit zu bieten, war schon vor 170 Jahren das Ziel. Gäste konnten den Blick über den See geniessen und ihr ganzes Dienstpersonal mitbringen.

Diese Grundidee spiegelt sich bis heute im Bau. Während die Räume auf den ersten beiden Etagen grosszügig sind, hängt die Decke im dritten und vierten Stockwerk deutlich tiefer. Dort wohnten einst die Bediensteten. Inzwischen wurden einige Zimmer zusammengefasst, die Fläche etwas erweitert und die einstigen Bäder aufgehoben. Am ursprünglichen Grundriss hat sich aber bis heute nichts geändert.

120 Zimmer bietet das Haus, davon 27 Junior-Suiten (zwei grosse Zimmer) und 18 Suiten (ein grosser Raum). Jedes von ihnen hat eine Klingel. Das Personal klingelt immer zweimal, dann klopft es und meldet sich mit Abteilung und Namen an. Erst wenn sich bis dann niemand gemeldet hat, öffnet es die Tür.

Empörung beim Bau

Als der österreichische Hotelpionier Johannes Baur das Haus 1844 erbaute, empörte sich die Stadt. Ein Gebäude mit der Hauptfassade zum See zu errichten, galt als verrückt. Zudem gab es Hotels genug, allen voran das Stammhaus am Paradeplatz, das heutige Savoy Baur en Ville. Der Bau so nah am Wasser war riskant und teuer, doch Baur wurde bald für ­seinen Pioniergeist belohnt: Sein Haus wurde in den ersten Reiseführer über die Schweiz aufgenommen, und mit Franz Liszt und Richard Wagner nächtigten die ersten von vielen Künstlern hier.

Zum Geburtstag machte Wagner seinem Freund Liszt im Petit Palais ein besonderes Geschenk: Er sang den ersten Akt seiner «Walküre» – angeblich kreuzfalsch. Liszt begleitete ihn dazu am Klavier. Laut Wagner soll das Hotel danach vor Lebenslust förmlich gebebt haben.

Château-Lafite statt Tee für Sisi

Im August 1867 stieg Kaiserin Sisi im Baur au Lac ab. Sie wollte sich erholen, hatte Kräutertees eines Wiener Zuckerbäckers und Schwarztee im Gepäck und ver­köstigte sich anfänglich nur mit Eier-Soufflées und Olivenöl. Die Diät hielt sie aber nicht lange durch. Bald schon trank sie Château-Lafite oder Veuve-Clicquot-Champagner. Acht Monate später brachte sie ihre dritte Tochter zur Welt.

In der Hotelhalle soll sich Alfred Nobel 1892 mit seiner Sekretärin unterhalten haben. Eigentlich war er mit der Pazifistin nicht einig – und doch liess sich der Industrielle unter dem Glasdach überzeugen, den Friedensnobelpreis zu stiften.

Marc Chagall arbeitete ab 1965 in seiner Suite regelmässig an den Kirchenfenstern für das Fraumünster und kleckerte dabei ordentlich. Der Spannteppich war regelmässig voller Farbflecken. Um dennoch die Diskretion zu wahren und es den nächsten Gästen so angenehm wie möglich zu machen, wurde der Teppich jedes Mal herausgerissen und vernichtet – leider.

Erstellt: 09.03.2015, 18:40 Uhr

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