«Du bist knapp auf der Filmkante»

Wie kommt man in die Filmszene? So richtig in eine Filmszene rein? Als Statistin – vielleicht. Ein Selbstversuch.

Die Kunst liegt darin, eine glaubwürdige Randfigur zu sein. Die Statistin bei der Arbeit.

Die Kunst liegt darin, eine glaubwürdige Randfigur zu sein. Die Statistin bei der Arbeit. Bild: Reto Oeschger

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Von Anfang an stand ich auf der Kippe. «Sie wollen als Statistin in unserem Film mitwirken?», fragte mich Filmproduzentin Claudia Wick von der Abrakadabra Films AG am Telefon. Ich sagte: «Sehr gerne.» Wick erklärte, dass es in «Sami, Joe und ich» um drei Teenagermädchen gehe, um ihre Träume und wie diese mit der Wirklichkeit kollidierten. «Wir brauchen tatsächlich noch Statisten, am liebsten Jugendliche. Wie alt sind Sie?» Zu alt, ein Teenager zu sein, dachte ich, murmelte: «32», und schickte noch während des Telefongesprächs das verlangte Porträtbild.

Zürich ist ein beliebter Drehort – bei einheimischen, aber auch bei internationalen Filmproduktionen. Darunter sind einige Klassiker zu finden.

Tage später erhielt ich die Bestätigung per Mail. Als Statistin für Szene 62 sollte ich an einem frühen Juliabend in einem Wohnquartier in Zürich-Affoltern sein und verschiedene sommerliche Outfits dabeihaben. «Bitte keine Kleider mit grossen Label-Aufdrucken tragen! Schriftfantasien und Sprüche oder Statements vermeiden.» Auf einem angehängten Flyer las ich die Altersangabe für weitere Statisten. Zwischen 15 und 35 durften sie sein, ich war im Rahmen und erleichtert.

Take eins bis fünfzehn

Mit einem Sack voller Reservekleider erschien ich um 17 Uhr am besagten Drehort. Neben Produktionsassistentin Tanja sass Michi, ebenfalls Statist. Tanja verteilte mitgebrachte Glaces an die 15 Crewmitglieder. Sie scharten sich wie Kinder um sie. Ich lehnte ab und versuchte, mich auf meine Nichtrolle vorzubereiten. Also stumm irgendwo zu sitzen und mich in eine Randfigur einzufühlen. Und, ganz wichtig: zu warten.

45 Minuten später ging es los, Szene 62. Schauspielerin Jana, eine der Hauptfiguren, sollte aus dem Wohngebäude kommen, versuchen, jemanden telefonisch zu erreichen, und dann davoneilen. Glaube ich zumindest: Die Szene bekam ich nie vollständig mit, weil ich Jana als Statistin kreuzte auf meinem Weg ins Gebäude hinein.

Anwohnerin auf dem Weg zum Briefkasten

Beim ersten Mal schickte mich die Regieassistentin zu spät los, ich erreichte die Tür erst, als die Kamera schon weg war. Ich bemerkte es sofort, ging aber weiter, visierte drinnen die lila Briefkästen an und tat so, als würde ich mein Postfach leeren. So wurde ich geheissen, so führte ich es folgsam aus.

Beim zweiten Take sollte ich von einem näheren Punkt aus starten. Während ich auf das Gebäude zuging, versuchte ich zu ignorieren, wie Jana rechts von mir herauskam und in ihr Handy sprach. Ich war eine Anwohnerin auf dem Weg zu ihrem Postfach und damit beschäftigt, rechtzeitig und so natürlich wie möglich die Sonnenbrille abzunehmen, bevor ich eintrat.

Hauptdarstellerin Jana verlässt neben der Statistin das Gebäude. Foto: Reto Oeschger

Beim dritten Take sollte ich viel weiter hinten starten, weil die Kamera nun von der anderen Seite auf Jana zukommen würde und ich später im Bild erscheinen sollte. Startpunkt war hinter einem grossen Gebüsch, wo Crewmitglied Lars mir und Statist Michi das Signal gab: «Bitte!» Ich ging links herum nach vorne zum Gebäude, und Michi fuhr rechts herum auf einem Velo zu den Fahrradständern. Und nochmals.

Variation im Einfachen

Beim fünften Take startete ich zwar hinter dem Gebüsch, aber weiter vorne. Beim sechsten: noch ein bisschen weiter vorne. Dort, wo ich voll in der Sonne stand. Beim siebten: noch viel weiter vorne. Mittlerweile war der Gang ins Haus wie mein wirklicher Heimweg und das Postfach von Frau Schmidheini mit den Werbeprospekten eigentlich meines.

Nach dem achten Take wurde ich lockerer und wagte es, in den Zwischenpausen auf meinem Handy Nachrichten zulesen. Und ich variierte den Moment, in dem ich die Sonnenbrille absetzte. Das Kleine, das mir blieb, wollte ich kreativ ausschöpfen.

Eine Welt aus Statisten. Foto: Reto Oeschger

Für die weiteren Takes wurde spontan eine Anwohnerin in die Szene eingebaut. Mehrmals rollte sie, nachdem Michi gestartet war, einen Abfallsack auf einem Wägeli am Gebäude vorbei. Kinder tauchten auf, blieben neugierig stehen und schauten zu. Mit dem Abfallsack vor einem Gebäude vorbeizuschlendern, wirkte wie eine grosse Aufgabe. Ichwar leicht neidisch auf diesen prominenten Auftritt.

Knapp auf der Filmkante

Beim zwölften Take spiegelten die Fensterscheiben, weshalb es für die Kameraleute schwierig war. Also nochmals. Ich realisierte: Eine unnatürliche Art, die Brille abzulegen, gibt es gar nicht.

Beim dreizehnten Take dachte ich: Und wenn das alles nur Show ist? Eine Inszenierung, damit ich denke, ich würde in einem Film zu sehen sein? Obwohl das, was ich tat, gar nichts war – keine Tätigkeit im eigentlichen Sinn.

Nach dem fünfzehnten Take war die Szene im Kasten. Ich schaute zu Lars, dem Crewmitglied. Er nickte und sagte, wir seien fertig. «Du bist eh nur knapp auf der Filmkante.» Ich nickte auch, wusste aber nicht, was das bedeuten soll. Bin ich drin oder draussen? «Sami, Joe und ich» kommt nächstes Jahr ins Kino. Bis dahin bin ich: in der Schwebe.

Erstellt: 26.08.2019, 12:32 Uhr

Wir Szenis: Filmszene (3/4)

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