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Du bist, wie du tanzt

Heute beginnt das Festival «Zürich tanzt» und damit ein stadtweiter Seelen-Striptease. Wir interpretieren für Sie vier ungewöhnliche Tanzstile.

Bharatanatyam

Preise die Götter!

Bharatanatyam – ein Wort, dass direkt das Schublädchen Bollywood zu bedienen scheint: Sentimentalität, die auf Opulenz trifft und sich in einer unsäglichen Langsamkeit zu einem Klischee-Happy-End verdichtet. Dabei liegen die Wurzeln des Bharatanatyam rund 2000 Jahre weiter zurück: In hinduistischen Tempeln Südindiens betanzten und verehrten die Tänzerinnen die Götter. Bha – abgeleitet vom Sanskritwort für Emotion, Ra – die Musik, Ta – der Rhythmus, und Natyam – der Tanz. Mit diesen vier Elementen werden die Geschichten aus hinduistischen Mythen und indischer Literatur tänzerisch transportiert. Der Körper räkelt sich, zwei kleine Hupfer, die Finger sind gespreizt und überdreht. Dazu ergänzt das Rasseln der Glöcklein an den Fussgelenken die orientalischen Klänge. Unterstrichen wird dieser kosmische Tanz durch das traditionelle Tanzkostüm. Es besteht aus einem gewickelten Sari-Fächer, feinen Edelsteinbändern, Ketten und Armreifen. Damit der Pomp richtig zum Tragen kommt, wird bewusst vor schwarzem Vorhang getanzt.

Die Bharatanatyam-Seele

Tanzen muss für die Bharatanatyam-­Begeisterten mehr sein als plumpes Aerobic – es ist ihre spirituelle Suche nach der Vollkommenheit. Dazu gilt es, in die angstfreie Zone einzutauchen, die es ermöglicht, die ganze emotionale Tonleiter anzuzapfen und mit Finger und Blicken auf die Bühne zu bringen. Ein Bharatanatyam-Tänzer ist zudem ein Einzelgänger; die Aufmerksamkeit der Götter soll sich schliesslich nur auf eine Person richten.

Der Coolness-Faktor

So sehr die Tänzerinnen auch versuchen, die ethnologische Wichtigkeit von Bharatanatyam hervorzuheben, an ihrer Darbietung wird wohl immer ein bisschen billiger Bollywood-Kitsch kleben bleiben. Aber mal ehrlich: Die Preisung der Götter sollte so oder so über jeglicher Art von irdischem Coolness-Verlangen stehen. (saf)

Crashkurs «Zürich tanzt»: Sa, 15 bis 16 Uhr, GZ Wollishofen.

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Spiraldance

Finde zu dir!

Keine fixen Schrittfolgen, keine Formen und Regeln: Das ist Spiraldance. Der Tanzstil ist mehr als ein intuitives Bewegen zur Musik, kein normaler Ausdruckstanz. Es geht auch darum, die Impulse des eigenen Körpers bewusst wahrzunehmen und so den einen Teil seiner selbst zu erforschen. Quasi eine innere Entdeckungsreise zu machen, um sich besser kennen zu lernen. Klamotten, Styling: alles egal. Hauptsache, es ist bequem, um seinen Bewegungen freien Lauf zu lassen. Wer will, kann mit anderen Tanzenden in Kontakt treten. Die Lehrperson gibt Tanzthemen vor – Gefühle, Raumbezüge oder unerfüllte Wünsche beispielsweise – und bringt Bewegungsvorschläge ein, um das Ausdrucksrepertoire der Tanzenden zu erweitern. Getanzt wird zu allerlei Arten von Worldmusic, je nach Thema und ­Atmosphäre ausgewählt. Eine Art von Spiraltanz wird auch in neuheidnischen Bewegungen zelebriert, um Erde und Wiedergeburt zu preisen.

Die Spiraldance-Seele

Blender und Diven werden sich wohl kaum für Spiraldance begeistern lassen. Denn, wer sich diesem Tanz hingibt, der muss seine Maske ablegen, kann nichts verbergen. Diese Tanzenden sind bereit, sich ganz mit sich selbst zu befassen und dazu ihr Innerstes nach aussen zu kehren. Ihr Gewinn: Selbstvertrauen, das nicht auf Blendersprüchen und Diven­gehabe baut.

Der Coolness-Faktor

Wer in der geselligen Runde von seinem neuen Hobby Spiraldance berichtet, wird in Sachen Coolness nicht eben punkten. Diese ausladenden Bewegungen, dieses Transzendentale und diese Verbindung mit Geist und Natur bringt man unweigerlich mit einem Selbst­findungstrip in Verbindung. Die Person wird mitleidige Blicke ernten und früher oder später mit der Frage nach der Midlife-Krise konfrontiert werden. Doch: Ein überzeugter Spiraldancer nimmt das gelassen. Er tanzt für sein Wohlbefinden. Cool ist, wer das kann. (ema)

Crashkurs Zürich tanzt: Sa, 13.30 bis 14.30 Uhr, Dynamo.

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Popping

Werde zur Maschine!

Der Name sagt schon alles. Popping ist bunt, knallig und verblüffend. Popping ist wow! Bei diesem Tanzstil tranformiert der Performer seinen Körper zur Maschine. Seine Bewegungsabfolgen sind zwar harmonisch, die Bewegungen aber abgehackt, unnatürlich. Der Robotermensch lässt grüssen! Zum Popping, einer Breakdance-Richtung, gehören auch das sogenannte Waving – Körperwellen – und das Locking – bestimmte Bewegungs- und Schrittabfolgen –, die überzeichnet getanzt werden. Boogaloo Sam hat den Stil Anfang der 70er-Jahre ent­wickelt, doch erst Michael Jackson hat ihn mit seinem Moonwalk weltweit bekannt gemacht. Popping funktioniert zu jeder Musik mit klarem Beat.

Die Popping-Seele

Für sich selber zu knallen, macht keinen Spass. Beim Popping zählt der Effekt, welcher der Tanz auf das Publikum hat. Deshalb ist die Popping-Seele eine, die gerne im Scheinwerferlicht steht. Doch wer mit seinem Tun auch Applaus ernten will, muss seinen Körper total beherrschen können. Also nichts für Koordinationstrottel oder Spastiker. Popping ist exaktes Timing der Bewegungen zur Musik. Sonst geht der Schuss hinten raus.

Der Coolness-Faktor

Wer nur schon ansatzweise diese Roboterbewegungen beherrscht, hat den Applaus auf seiner Seite. Das wirkt für das menschliche Empfinden so abnormal, dass man kaum wegschauen kann und stehen bleibt. Das funktioniert selbst bei eisiger Kälte, wie ein Teenager (im T-Shirt) diesen Winter auf dem Sechseläutenplatz gezeigt hat. Er performte Popping ohne grosse Show, aber richtig gut. Die Leute applaudierten. Musik und Outfit sind bei diesem Tanzstil Nebensache. Hier zählt nur der Effekt der Bewegung. Noch cooler wirkt das Ganze bei Tänzerinnen, denn sie sind in der Popping-Welt rar. Doch Popping hat eine Altersobergrenze: Ab 50 wirkt das Ganze aufgesetzt. Dieser Tanzstil ist etwas für Junge. Sorry! (ema)

Crashkurs «Zürich tanzt»: Sa, 15 bis 16 Uhr, Tanzwerk 101, Pfingstweidstrasse 101.

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Son

Entfache Feuer!

Durch eine würzige Zigarrenwolke lassen sich die Umrisse des Tänzerpaars erhaschen. Ein kleines Schrittchen links, ein kleines rechts. Sie: die Locken wild und frei. Er: den weissen Filzhut schräg im Gesicht, darunter der Schweiss auf der Stirn perlend. Son repräsentiert den Eintopf Kubas: Gitarrenklänge Spaniens vermischt mit Afrikas Trommelrhythmen, Frankreichs Melodieaufbau mit dem Feuer der Karibik. Die Geburtsstunde des Son findet sich in den 20er-Jahren in einer dieser winzigen Bars in Santiago de Cuba. Po an Po, Arm an Arm wird im guten Anzug und im Kleidchen zwischen den Holztischchen herum­gewirbelt.

Aber Son ist nicht einfach Salsa – oh nein! Es ist das Cora-son, das Herzstück, gar der Ursprung dieses Tanzes, den jedes Zürcher Pärchen, das etwas auf sich hält, einmal im Kurs zu erlernen versuchte. Damit dieses kleine Son-Feuer Kubas zu einem weltumspannenden Brand wurde, brauchte es diesen einen Kinohit: «Buena Vista Social Club» – stellte den sinnlichen Dreierschritt mit den weichen Bewegungen 1999 dem Rest der Welt vor.

Die Son-Seele

Son-Tänzer haben keine Mühe sich von den On-Beat-Rhythmen zu verabschieden und sich befreit den feinen Trompeten- und Gitarrenmelodien hinzugeben. Die Tanzenden stehen auf klare Ansagen. Ich führe – du folgst. Klar kann die Folgende, mit einem heissen Blick und einer sanften Handbewegung, den Mann beeinflussen. Das Schlusswort gehört dann doch ihm und seiner Zigarre.

Der Coolness-Faktor

Wer den weissen Anzug ausfüllt oder in High Heels nicht wie eine soeben geköpfte Gans herumläuft, kann mit Son punkten. Manch eine eingetrocknete Beziehung wird unter dem neu gefundenen kubanischen Feuer zum Glühen kommen. Eines ist klar – cool ist, wer verführen kann und sich dabei aber nicht den schwingenden Po verbrennt.(saf)

Crashkurs «Zürich tanzt»: Sa, 13.30 bis 14.30 Uhr, Salsarica.

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