Ein Herz für hohle Tiere

Hans Peter Walther präpariert in seinem Keller tote Katzen, Rehe und Vögel. Er tröstet Menschen, die ihm ihre Haustiere bringen. Und ärgert sich über jene, die «ausgestopft» sagen.

Umgeben von seinen Präparaten: Hans Peter Walther in seinem Atelier. Foto: Doris Fanconi

Umgeben von seinen Präparaten: Hans Peter Walther in seinem Atelier. Foto: Doris Fanconi

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«Zoologisches Präparatorium» steht auf dem weissen Schild gleich beim Eingang. Klingt geheimnisvoll, nach unterirdischem Labor und verbotenen Tier­experimenten. Hans Peter Walther kennt die Vorurteile, die am Beruf des Tierpräparators kleben. «Viele denken, Präparatoren seien schrullige, einsame Männer mit einem perversen Tick für tote Tiere.» Das sei Unsinn, erklärt er und öffnet die Tür zu seinem Reich. Tote Lebewesen zu konservieren, sei schon von antiken Kulturen gepflegt worden. «Bekannt sind beispielsweise die Menschen- und Katzenmumifizierungen der Ägypter.» Damals wurden Tiere ausgeweidet und ausgestopft. Beim Wort «Ausstopfen» zuckt Walther zusammen. Dieser Ausdruck sei immer noch weit verbreitet. «Dabei ist er total falsch. Präparatoren stopfen nichts aus.»

Hans Peter Walthers Geschäft befindet sich im Untergeschoss seines Elternhauses mitten in einem Wohnquartier in Alt­stetten. «Ursprünglich waren das Kellerräume», sagt er, «schon mein Vater übte das Präparatorenhandwerk aus. Als Kind schaute ich ihm oft über die Schultern.» Was er dabei sah, hat ihm so gut gefallen, dass er 1973 im väterlichen Betrieb den ersten Teil der Lehre absolvierte, den zweiten Teil dann im Naturhistorischen Museum in Bern.

«Viele denken, Präparatoren seien schrullige, einsame Männer
mit einem perversen Tick
für tote Tiere.»
Hans Peter Walther

Als der Vater einen Herzinfarkt erleidet und ein Jahr später stirbt, übernimmt der Sohn 1981 das Präparatorium. «Als ich mich damals selbstständig machte, existierten in der Schweiz noch über fünfzig zoologische Präparatoren. Heute bin ich in Zürich wohl der einzige, der das noch mit eigenem Präparatorium macht.»

Vierbeiner in erstarrter Pose

Walthers Atelier ist in vier Räume unterteilt. Diese sind vollgestellt mit Regalen, Tischen und Schränken. Hinzu kommt eine Unzahl an Dosen, Eimern, Behältern, Farben und Fläschchen, die überall herumstehen. Eindruck machen vor allem die präparierten Tiere. Sie sind im Atelier allgegenwärtig, glotzen mit leeren Augen von den Wänden. Wo der Blick hinfällt, Vierbeiner in erstarrter Pose: Eichhörnchen und Eulen, Murmeltiere und Maulwürfe, Igel und Vögel. Und doch sehen sie aus, als würden sie sich auf- und davonmachen, sobald jemand vergisst, die Tür zu schliessen.

«Ich liebe meinen Beruf», sagt Walther. Es sei für ihn immer wieder eine künstlerische Herausforderung, einem Tier den richtigen Ausdruck zu geben. Weshalb wird im Computerzeitalter eigentlich noch präpariert? Viele lebende Tiere, so Walther, bekomme man heute in Natura kaum mehr zu Gesicht. Da bleiben Grössenverhältnisse und Merkmale ungenau. «Ein Präparat hingegen erlaubt das eingehende Betrachten eines Objekts. Nicht zuletzt schafft das einen Bezug zum lebenden Tier, den kein Computerprogramm vermitteln kann.» Voraussetzungen für den Beruf des Tierpräparators seien eine ruhige Hand, Fingerspitzengefühl, künstlerisches Flair sowie umfassende Kenntnisse der Anatomie. Skalpell, Zange, Pinzette, Schere, Draht, Zange, Bleistift und Messer sind die Werkzeuge, die Walther für seine Arbeit braucht. «Ich kenne kaum einen Beruf, in dem man mit so unterschiedlichen Materialien in Berührung kommt», sagt er: Metall, Haut, Federn, Knochen, Holz, Gips, Holzwolle oder Chemikalien.

Kann er sich noch an sein erstes präpariertes Tier erinnern? «Vielleicht ein Marder oder ein Eichhörnchen, ich weiss es nicht mehr genau.» Seine kleinste Arbeit? «Ameisen. Dafür benötigte ich eine starke Lupe.» Wie viele Tiere präpariert er pro Jahr? «Ungefähr 200.» Grösstes Präparat? «Eine Kuh für die Expo, die den Kopf bewegen konnte und mit dem Schwanz wedelte.» Dafür musste er eigens ein Polyestermodell aus Amerika bestellen. Die Kuh lieferte ein Metzger. Hufe, Euter, Ohren, Teile des Schädels, an dem die Hörner sassen, mussten am Fell bleiben. Das wurde im Vorfeld genau besprochen. «Die gegerbte Haut habe ich dann dem Modell übergezogen. Die Näherei war eine Riesenarbeit.»

Nah am Original

Auf einem Karton liegt eine Katze. Sie sieht so aus, als würde sie schlafen. Das tote Büsi hat eine Frau vorbeigebracht. «Ab und zu fliessen Tränen, wenn der Besitzer seinen Vierbeiner vorbeibringt», sagt Hans Peter Walther. Kein totes Tier, auch wenn es noch so art- und kunstgerecht behandelt sei, wird je wieder wie ein lebendiges aussehen. «Mein Ehrgeiz ist, so nahe wie möglich ans Original heranzukommen.»Privatpersonen sind nicht die einzigen Kunden. Jäger, kleinere Theater und Museen sowie Schulen zählen genauso dazu wie die Werbebranche, die meistens spezielle Wünsche hat. Der ausgewachsene Löwe, der majestätisch sein Haupt in einer Ecke des Ateliers erhebt, ist ein solcher. «Löwenbräu wollte eine neue Biermarke lancieren und brauchte einen Löwen für die Plakatwerbung. Bei mir wurden sie fündig.» Das Tier stammt aus dem Plättlizoo im Thurgau, das Fell mit dem Kopf fand sich im Inventar von Walters Vater.

«Natürlich ist der Tod bei meiner Arbeit präsenter als bei jemanden, der im Büro einer Bank oder einer Versicherung seinen Job erledigt.»Hans Peter Walther

Tiere für die Ewigkeit – verändert sich da nicht die eigene Einstellung zu Leben und Tod? «Nein», sagt Hans Peter Walther, «natürlich ist der Tod bei meiner Arbeit präsenter als bei jemanden, der im Büro einer Bank oder einer Versicherung seinen Job erledigt.» Aber damit habe er nie Schwierigkeiten gehabt. Ihn plage seit einiger Zeit eine ganz andere Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören? «Ich werde in diesem Jahr 60 und möchte meinen Beruf demnächst an den Nagel hängen.»

Diesen Entschluss habe er schon mehrmals gefasst – aber kaum wolle er ihn in die Tat umsetzen, sagt Walther, klingle das Telefon und ein neuer Auftrag liege auf dem Tisch. Es falle ihm schwer, sich zu entscheiden, aber bis zum Pensionierungsalter weiterzumachen, sei für ihn auch keine Option. Er zuckt mit den Schultern und zeigt auf eine Tür. Dahinter wartet der nächste Auftrag: Tiere aus der Sammlung eines Primarschulhauses, die eine Auffrischung benötigen.

Erstellt: 13.01.2017, 08:46 Uhr

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