Ein Klotz ist plötzlich Kunst

Der Zürcher Tobias Brunner besass einen praktischen Granitblock, den er als Beschwerer nutzte. Jetzt ist dieser ein Ausstellungsstück geworden.

Auch wenns zieht: Tobias Brunners Granitblock eignet sich zum Beispiel hervorragend, um eine Tür offen zu halten. Foto: Urs Jaudas

Auch wenns zieht: Tobias Brunners Granitblock eignet sich zum Beispiel hervorragend, um eine Tür offen zu halten. Foto: Urs Jaudas

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Manchmal fehlt nur wenig, um einer Sache das nötige Gewicht zu verleihen. Im Fall der Ausstellung «Objects with Love» der Zürcher Designerin Connie Hüsser waren es gut fünf Kilogramm: Sie beschweren diese Woche die hundert Quadratmeter Ausstellungsfläche an der Design Miami in Basel, auf denen Hüsser 46 ihrer liebsten Objekte zeigt. 46 Objekte, die sie «mit Liebe ausgewählt, adoptiert, gesammelt, arrangiert und kuratiert» hat, wie es im Ausstellungsbeschrieb heisst. Nummer 4 ist das Objekt «5 kg», ein Granitwürfel mit gelbem Griff. Entworfen hat ihn Tobias Brunner (28), Industriedesigner in Zürich.

Dass diese Geschichte bei Connie Hüsser beginnt, ist kein Zufall. Sie entdeckte Brunners Designobjekt, das zuvor einfach ein Stück Stein war. Ein praktischer Beschwerer im Atelier, der immer dann zum Einsatz kam, wenn Tobias Brunner eine Hand fehlte: bei Klebearbeiten, wenn er das Atelier lüftete, wenn die Tür offen bleiben sollte, wenn er beim Fotografieren einen Reflektor fixieren musste. Immer dann war der Steinklotz da und schwer, ein praktisches Werkzeug. Brunner erhielt den Stein einst von seinem Atelierkollegen, einem Steinbildhauer – Kunstabfall, der im Moment, als Connie Hüsser durch das Bureau Brunner am Zürichberg schlenderte, um mit Tobias Brunner über seine Arbeiten zu diskutieren, von einem Moment zum nächsten selber Kunst wurde. «Ich zeigte ihr einen Stuhl, eine Lampe, Sachen, an denen ich seit Jahren arbeitete», erzählt Brunner. «Und dann frage sie: Was ist das?» Ein Beschwerer halt, ein Stein mit einem Griff. «Sie hielt es für herausragend.» Er solle den Beschwerer doch überarbeiten, sie wolle ihn dann in Basel zeigen.

Der umgekehrte Weg zum Design

So wurde aus dem Gebrauchsgegenstand ein Designobjekt. Und Brunner begann, sich Gedanken zu machen. Ihm kam Tony Smith in den Sinn, der bei jedem Gegenstand Prinzip, Form und Funktion in einen Zusammenhang stellte. Das Prinzip ist einfach: Ein Stück Stein, eine Masse, erhält dank eines Henkels eine Funktion. Die Form des Henkels beschäftigte Brunner dann eine Woche lang. «Ich war selber überrascht, wie schwierig es ist, einen Griff zu designen», sagt er. Da gab es viele Parameter, die er unterschätzt habe. «Erstaunlich, wie viele Versuche es brauchte, um sich der endgültigen Form anzunähern», einer Form, die logisch sein musste, funktional und seinem Anspruch an die Gestaltung genügen. Das sei eine interessante Auseinandersetzung gewesen, findet Brunner. Auch, weil die Entstehung des Beschwerers seinem «normalen» Arbeitsablauf entgegengesetzt verlief, da er sich die Gedanken über Gestaltung und Form von einem bestehenden Objekt aus machte.

«Gutes Design darf bescheiden ausfallen, soll aber im täglichen Leben ein Werkzeug sein, das seine Aufgabe erfüllt.»Tobias Brunner

Tobias Brunners Beschwerer ist ein Zufallsobjekt, das jemand entdeckt hat und das so einen (anderen) Wert bekam, als er selber ihm beigemessen hatte. Obschon es seiner Philosophie – oder seiner Idee – von gutem Design durchaus entspricht. Er finde «Werkzeuge fürs Leben» einen guten Ausdruck, um Design im Allgemeinen und gutes Design im Speziellen zu beschreiben. «Es muss nicht das Nonplusultra-Kunstobjekt sein», findet Brunner, «es darf durchaus bescheiden ausfallen, soll aber im täglichen Leben ein Werkzeug sein, das seine Aufgabe erfüllt und gleichzeitig Spass macht, wenn man es anschaut.»

Als Beispiele für solch gelungene Werkzeuge nennt er – «natürlich, ein Klassiker» – den Sparschäler Rex. Als «Masterpiece» bezeichnet er die Tischleuchte Tizio von Richard Sapper. Da stecke vor allem technische Innovation hinter dem gelungenen Design: Der Strom läuft über das Gerüst, es hat keine Kabel. Und dann ist da noch der Ulmer Hocker von Max Bill, simpel und überzeugend, entworfen aus einem Bedürfnis: eine portable Sitzgelegenheit, die auch noch kleiner Schreibtisch sein kann. Ein U aus Brettern, verbunden mit einer Querstange.

Manchmal braucht es etwas Grösseres, um einem kleinen Gegenstand das richtige Gewicht zu verleihen. Bei Tobias Brunner ist es der Kontext: Sein Beschwerer steht auf einer grossen Ausstellungsfläche inmitten kleiner Gegenstände von zum Teil ganz grossen Designern. Darunter zwei von Brunners persönlichen Stars: die Brüder Erwan und Ronan Bouroullec.

Der Beschwerer ist bis Sonntag, 16. Juni, an der Design Miami in Basel ausgestellt. bureaubrunner.ch; objectswithlove.ch; basel2018.designmiami.com

Erstellt: 14.06.2019, 16:12 Uhr

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