Ein Leben im Zeitraffer

Was passierte in der Zeit zwischen der alten und der neuen Fotografie? Die Antwort im Fall von Mia Brunner Schwer lautet: ziemlich viel.

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Diese Geschichte handelt von einer Frau, die sagt, sie habe ihr Leben derart umgekrempelt, dass es fast zwei Leben seien. Wenn man Mia Brunner Schwer beim Erzählen so zuhört, dann entsteht der Eindruck, diese beiden Leben hätten zwei Geschwindigkeiten. Die erste Hälfte war rasant, die zweite langsam. Diese Geschichte handelt von einer Frau, die ziemlich genau in der Mitte ihres (bisherigen) Lebens einen Bruch herbeiführte.

Mia Brunner Schwer, 81 Jahre alt, empfängt zum Kaffee in ihrem Haus in Küsnacht. Der Blick aus dem Wohnzimmer reicht hinunter über den Zürichsee. Sie setzt sich in den Schaukelstuhl, zündet sich eine erste Zigarette an und erzählt aus ihrem Leben. Chronologisch, präzis, flüssig.

Brunner Schwer ist eine der 267 Menschen, die der Zürcher Fotograf Christian Schwarz für sein neustes Buchprojekt fotografiert hat. Unter ihr Bild, sie sitzt mit ihrem Hund auf dem Schoss in einem Plastikstuhl am Schwimmbad im Keller ihres Hauses, schreibt sie: «Früher habe ich Zeit vergeudet; ich war sehr ungeduldig und nie richtig im ‹Jetzt›.»

Dann halt mal Lehrerin

Das Bild, schwarzweiss, das Mia Brunner Schwer auf der Fotografie in der Hand hält, zeigt sie als Gymnasiastin. An diesem Nachmittag füllt sie die Lücke zwischen den beiden Bildern – gibt einen Abriss über ihr Leben.

Aufgewachsen ist Mia Brunner Schwer in Zollikon und Meilen in einer intellektuellen Familie. Ihr Vater war Professor für Pädagogik und Philosophie an der Universität. Nach der Matur ging Mia Brunner Schwer ans Oberseminar und liess sich zur Lehrerin ausbilden, weil sie nicht so recht wusste, was studieren. «Ausgerechnet ich», sagt sie, Mutter eines Sohnes, «die mit Tieren besser umgehen kann als mit Kindern.» Sie gab ein Jahr Schule, bevor sie das erste Mal heiratete. Die Ehe, nun, sie hielt nicht sehr lange. Das Ende, sagt sie, habe sie ziemlich abrupt herbeigeführt. Eben: die Ungeduld.

Mit dem Helikopter zur Arbeit

Nach der Scheidung begann Brunner Schwer in Basel Wirtschaft zu studieren, wechselte später an die Universität Zürich und fasste den Entschluss, sie müsse in die Luft. Sie nahm Flugstunden, flog eine Piper und absolvierte später als erste Frau in der Schweiz das Blindflugbrevet. Über die Fliegerei lernte sie ihren zweiten Mann kennen, «ein leidenschaftlicher Pilot», reicher Industrieller, Arbeitgeberpräsident. Sie heirateten, und er übergab ihr eine Aufgabe im Betrieb.

Es begann, was Mia Brunner Schwer heute als «komfortables Leben» bezeichnet. Man hatte Geld, besass Flugzeuge und Helikopter. Im Hause verkehrten regelmässig Politiker, Leute aus dem Showbusiness – und berühmte Fussballer. Letztere zum Ärger Mia Brunner Schwers, sie konnte wenig mit ihnen anfangen. Sie und ihr Mann pendelten mit dem Helikopter zur Arbeit, sie flog auch sonst ausgiebig Heli, aus Spass, machte Reisen und Gebirgslandungen. Irgendwann verleidete ihr dieses Leben, es passte nicht so ganz zu ihr. Die zweite Ehe scheiterte.

Der zweite Teil des Lebens müsste eigentlich viel mehr Platz einnehmen. Das Rasante fehlt ihm zwar – es gibt nicht mehr so viele verschiedene Stationen, aber die Stationen haben ein grösseres Gewicht.

Nach ihrer zweiten Scheidung versuchte sich Mia Brunner Schwer eine Zeit lang in der Vermögensverwaltung, gab die Sache aber bald auf. Sie habe nach Sinn gesucht, sagt sie – gefunden hat sie ihn an unerwarteter Stelle. Sie ist ausgerechnet wieder bei der Schule gelandet. Diesmal als Bezirksschulpflegerin. Die FDP hatte sie für das Amt angefragt.

Als ihre Eltern ins Altersheim mussten, wurde Mia Brunner Schwer mit dem Alter konfrontiert und beschloss, sich in diesem Bereich «auf irgendeine Weise» zu engagieren. Zuerst betreute sie zwei alte Damen, kurz darauf liess sie sich in den Stiftungsrat des Alterszentrums Meilen wählen, übernahm später das Präsidium. Intensiv sei diese Zeit gewesen, erzählt Mia Brunner Schwer, aber sehr befriedigend.

Mit 62 und inzwischen parteilos gab sie das Stiftungspräsidium ab und verschrieb sich «voll» dem Tierschutz. Unter anderem war sie Mitgründerin und Präsidentin des Vereins Esel in Not, der sich um misshandelte, vernachlässigte und kranke Esel kümmert. Bis heute liegen ihr Tier- und Umweltschutz am Herzen.

Die dritte Ehe brauchte Zeit

Es gibt noch Hinweise auf das alte Leben. Mia Brunner Schwer ist eine Dame mit Stil und «finanziellen Möglichkeiten». Sie spielt Golf, auch mit 81 hat sie noch ein Handicap unter 10. Jeden Tag geht sie mindestens drei Stunden mit dem Hund raus. Entsprechend fit ist sie.

Vor zwei Jahren dann heiratete Mia Brunner Schwer zum dritten Mal. Ihren langjährigen Partner Koni Eberhardt, den sie für ihr «Umdenken» in der Mitte ihres Lebens mitverantwortlich macht. Die Standesbeamtin bemerkte, zwei so Alte habe sie noch nie vermählen dürfen. Sie 79, er 85. Sie, die eigentlich nie mehr heiraten wollte. Für diesen Entscheid brauchte es viel Zeit. Fast vierzig Jahre. Das wäre im ersten Leben der Mia Brunner Schwer schneller gegangen.

Erstellt: 12.05.2016, 10:04 Uhr

«Du liebe Zeit»: Ein Buch, das zeigt, wie die Zeit vergeht

Die Zeit, in der man das Leben noch vor sich hatte, war schwarzweiss. Heute, da man auf einen guten Teil seines Lebens zurückblicken kann, ist es farbig. So funktioniert ein grosser Teil der Bilder im neuen Buch des Zürcher Fotografen Christian Schwarz. Er hat in den letzten fast acht Jahren 267 Frauen und Männer fotografiert und bringt diese Fotografien nun im Bildband «Du liebe Zeit» heraus.

Das Konzept ist einfach: Die Fotografierten, alle «in ihrer zweiten Lebenshälfte», wie Schwarz es ausdrückt, halten ein Bild von sich in der ersten Lebenshälfte in den Händen. Was ist zwischen diesen beiden Bildern passiert? Diese Frage lässt das Buch offen. Im Vorwort schreibt Willi Wottreng: «Die Sensationen, die dieses Buch darstellt, liegen nicht im Moment, sondern in dessen Vorübergehen.» Ein Satz oder ein kurzer Text der Porträtierten gibt manchmal eine leise Ahnung von dem, was gewesen sein könnte.

Unter den Porträtierten finden sich unbekannte Menschen – Bartender, Serviertöchter oder ein Unternehmer und Playboy – sowie einige lokale Prominenz. Zum Beispiel Kabarettist Lorenz Keiser, Werber Frank Bodin, Hotelunternehmerin Ljuba Manz, Sängerin La Lupa, Schriftsteller Peter Bichsel oder Pjotr Kraska, ehemaliger selbst ernannter Monarch von Zürich.

Christian Schwarz: Du liebe Zeit. WOA-Verlag, Zürich 2016. 287 Seiten, ca. 78 Franken (bra)

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