Ein Leben lang

Unsere Autorin kennt das erfolgreiche Künstlerpaar Maria Thorgevsky und Dan Wiener seit 1989. Anlässlich des berührenden Stücks «Tejbele» suchte sie die beiden wieder auf.

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Jahrelang hatte ich nichts mehr von ihnen gehört. Und plötzlich teilen mir Maria Thorgevsky und Dan Wiener per Mail mit, dass sie im Theater Rigiblick spielen werden; «Tejbele» heisse das Stück, es sei eine Geschichte nach dem grossen jüdischen Erzähler und Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer.

Sofort tauchen Erinnerungen auf: Theaterabende, an denen ich den russischen Dichter Daniil Charms entdeckte. Oder den tschechischen Schriftsteller Karel Capek – stets von Maria Thorgevsky und Dan Wiener so meisterhaft in Geschichten verpackt, dass sie berührten. Dies wohl auch, weil unsere Beziehung über das Berufliche hinausgeht: Ende der 80er-Jahre waren wir nämlich Nachbarn. Eines Sommerabends hörte ich – das Küchenfenster war sperrangelweit geöffnet –, wie Wiener Klavier spielte und eine Frau dazu russische Lieder intonierte. Sehen konnte ich die beiden nicht, doch die Musik ging tief. Und so wartete ich sehnsüchtig jeden Abend auf das nächste und neue «Privatkonzert», das eigentlich eine Probe war.

Seit jenen Abenden sind rund 27 Jahre verstrichen. Thorgevsky rollt beim Sprechen ihr R immer noch wunderbar. Die beiden leben heute in Basel. Privat sind sie längst ein Paar und Eltern von Zwillingen. Als Künstler setzen sie auf do it yourself. «Maria führt Regie, schneidert die Kostüme, ich treibe Geld auf, suche Veranstaltungsorte und verschicke Ankündigungen», so Wiener. An Ideen mangelt es nie, über 30 Stücke hat das Duo im Repertoire: Kabarett, Theater, Musikproduktionen, Konzerte und CDs mit russischen Liedern, Erzählungen. In manchen Jahren waren Thorgevsky und Wiener 100, manchmal sogar 120 Tage pro Jahr unterwegs. Ohne die Hilfe von Marias Eltern wäre das unmöglich gewesen – sie haben jeweils auf die Kinder aufgepasst, wenn die Künstler­eltern auf Tournee waren. Von aussen empfand ich ihr Leben – als Paar privat und beruflich immer zusammen zu sein – als sehr anstrengend. Deshalb wollte ich von ihnen wissen: Wie funktioniert so etwas? Dan Wiener: «Wir streiten uns nur, wenn wir arbeiten. Aber das ist dann ein Zeichen, dass das Stück noch nicht gut ist. Es geht eben nicht, dass nur der eine das Stück gut findet und der andere nicht.» Maria Thorgevsky: «Wenn Dan mit mir auf der Bühne steht, ist er nicht mein Mann oder Lebensbegleiter. Ich nehme ihn dann nur in seiner Rolle wahr.» Wiener: «Für mich ist es eine Bereicherung, dass wir so viel zusammen auf der Bühne und im realen Dasein erleben.» Thorgevsky: «Im Vergleich zu andern, die vor dem Fernseher ein Bier trinken, haben wir immer so viele Themen, über die wir sprechen können.»Längst haben sich Thorgevsky und Wiener in der Theaterwelt einen Namen gemacht. Sie haben renommierte Auszeichnungen wie den Salzburger Stier erhalten. Ihre Tourneen führten sie rund um den Globus, von Griechenland bis nach Mexiko. Nur in der helvetischen Heimat harzt es gelegentlich. Der Fachausschuss für Tanz und Theater BS/BL wollte die Unterstützung für das Stück «Tejbele» zunächst verweigern. Innerhalb von zwei Tagen schrieb Dan Wiener das Gesuch total um und reichte ein neues Stück ein. «In dieses Stück baute ich all das ein, was ich in den letzten Jahren gesehen und gehasst habe: plumpe Regieeinfälle, naive Parodien auf das Wirtschaftsleben», sagt er, wobei er sich keine Mühe gibt, den wütenden Unterton zu verbergen.

Über die Strasse zur Liebe

Er wurde dann tatsächlich eingeladen, das Stück «Dog Eat Dog» vorzustellen. Als er den Bluff öffentlich machte, waren einige Mitglieder der Fachkommission sichtlich verärgert, andere fanden es auch witzig. Wiener: «Ich fand es sehr lustig.» Thorgevsky: Diese Aktion war an sich schon Kunst, ‹Tejbele› ist abgelehnt worden, wir sind alt genug, um zu wissen, dass man das Leben manchmal nicht so ernst nehmen darf.»

Interessanterweise war «Tejbele» ursprünglich nur für einen einzigen Abend gedacht. Es war eine Auftrags­arbeit. Sie handelt von einer jungen sitzen gelassenen Ehefrau (Tejbele) und einem verwitweten Hilfslehrer. Beide sind einsam. Da der Mann der verlassenen Frau aber noch lebt, kann sie nicht wieder heiraten. Ihre grosse Sehnsucht nach Liebe nutzt der Hilfslehrer schamlos aus. «Bei der Vorführung in Basel haben die Leute so viel gelacht, dass wir beschlossen haben, das Stück auszubauen», erzählt Thorgevsky – dabei ist es eigentlich eine ziemlich traurige Geschichte. Inzwischen haben die beiden es selbst in St. Petersburg aufgeführt, auf Russisch. «Für mich war es ein Abenteuer, nach so langer Zeit wieder einmal in meiner Heimatstadt zu spielen», sagt Thorgevsky. Für Wiener auch. Er durfte sich keinen Fehler in der Aussprache erlauben, auf Russisch, wohlverstanden.

Am Schluss unseres Gesprächs kann ich endlich die Frage stellen, die mich schon umtrieb, als wir noch Nachbarn waren – die Frage, wie Maria 1989 überhaupt in die Schweiz gelangte. Die Antwort ist profan. Ein Onkel arbeitete in Genf bei der UNO als Übersetzer. Über ihn knüpfte sie Kontakte zu Slawistik­studenten an der Uni Zürich, diese luden Thorgevsky an die Limmat ein.

«Um meine Reise zu finanzieren, bin ich als Strassenmusikantin aufgetreten», erzählt sie. Dabei wurde sie entdeckt und gefragt, ob sie an einen Anlass im Depot Tiefenbrunnen auftreten wolle. Dazu brauchte sie einen Begleiter – und stiess auf Dan Wiener. Bald war Thorgevsky klar, dass er mehr als der Partner für einen Abend sein würde. «Ich wusste innerhalb von 14 Tagen, dass ich meinen Begleiter fürs Leben gefunden hatte.»

Theater Rigiblick, Tejbele, 22. 3., 20 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2016, 19:11 Uhr

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