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Ein Jahresgespräch mit meiner Stadt

Hohe Lebensqualität und O-Bike-Plage: Wie zufrieden können wir eigentlich mit der Stadt Zürich sein? Eine Beurteilung.

Nebst Höhepunkten gab es auch Tiefs – etwa die vielen falsch parkierten O-Bikes.
Nebst Höhepunkten gab es auch Tiefs – etwa die vielen falsch parkierten O-Bikes.
Samuel Schalch

Liebe Stadt Züri, nimm Platz. Ein Glas Wasser vielleicht? Ein Käfeli?

Zuerst einmal: 2017 warst du, waren wir die Stadt mit der zweithöchsten Lebensqualität weltweit. Schon wieder. Gratulation! Man muss seinen Leuten ja auch einmal sagen, wenn sie etwas gut machen, oder, wie in unserem Fall, sehr gut. Kommt im Alltag häufig zu kurz, alle sind absorbiert, Kostendruck, weniger Ressourcen. Darum gibt es diese Qualifikationsgespräche. Stichwort Wertschätzung.

Zweiter Platz also – das toppt bekanntlich nur der Erstplatzierte. Die Wiener. Vielleicht gelingt es uns, sie zu übertrumpfen? Mit einem Züri-Schnitzel statt Züri-Geschnätzletem? Nur so ein wilder Gedanke. Jedenfalls sollten wir weiterhin nach Grossem streben. Die Erfahrung zeigt: Im Kleinteiligen verheddert man sich schnell, der Fokus wird trüb. Es braucht die grossen Linien.

Was besonders erfreulich ist: Wir sind besser als Genf, Basel und Bern. Und der Rest der Schweiz. Da haben wir gute Arbeit geleistet! Es gibt ja immer diesen Druck, das kannst du dir vielleicht vorstellen, und den gilt es von seinen Leuten fernzuhalten. Ihr sollt unbehelligt arbeiten dürfen, das ist wichtig. Gerade aus wirtschaftlicher Sicht. Menschlich muss es aber auch stimmen, das vergessen viele – dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Einheit ist nötig. Gerade in Zeiten, die wenig rosig sind, und bei dir: oft grau. Nun gut.

Hauptsache, voraus

Ein weiterer Höhepunkt 2017 war sicher die andere Auszeichnung, auch wenn sie eher eine Nische betrifft. Die Zürcher Technokultur gehört neu zum immateriellen Kulturerbe der Schweiz. Toll! Nächste Stufe Weltkulturerbe? Wir bleiben dran.

Dann haben wir am Bezirksgericht entschieden, dass der Besitz von unter zehn Gramm Gras erlaubt sein soll. Das ist sicher gut, wenn wir eine Vorreiterrolle übernehmen – eigentlich egal, in welchem Bereich. Hauptsache, voraus.

Der Ruf einer Stadt lebt ja davon, die Erwartung von Progressivität, Innovation, Vision einzuhalten oder noch besser: zu übertreffen. Das kommt den Politikern ganz gelegen, wenn sie sich mit unseren Errungenschaften schmücken. Weiss aber jeder, dass wir, die Steuerzahler, diese Leistungen erbracht haben und nicht sie. Jetzt haben unsere Stadtpolizisten neu auch diesen Schnelltest, mit dem sie auf der Strasse eingesammeltes Gras auf seinen THC-Wert untersuchen können. Sauber, effizient, innovativ. Top.

Will jeder ein Nägeli sein?

Zu deinen Tiefpunkten. Die gibt es leider auch. 2017 ist die Zahl der kriminellen Minderjährigen erstmals wieder gestiegen, und zwar um über 13 Prozent. Wie konnte das passieren? Es geht vor allem um Körperverletzungen, die an grossen Sport- und Festveranstaltungen rapportiert wurden. Und Sachbeschädigungen wie Ladendiebstahl und Graffiti.

Wollen alle ein Nägeli werden? Meint man deshalb, Zürich habe eine blühende Künstlerszene? Dir muss klar sein, dass das nicht geht. Da muss ich auf den Tisch hauen. Es schadet dem Stadtbild, es kostet, es ist ärgerlich. Hässlich sowieso. Chaos pur. Du magst einwenden, das gehöre genauso zum urbanen Raum wie Lärm oder stockender Verkehr – nun, das ist Ansichtssache.

Denk an die vielen Touristen, die hierherkommen, weil sie die Schweizer Sauberkeit und Aufgeräumtheit so mögen, denk an unser Image. Wir müssen es p-f-l-e-g-e-n. Es geht nicht nur um uns. Hier erwarte ich von dir einen Zehn-Punkte-Plan, wie man diese ärgerliche Angelegenheit loswerden kann. Abgabefrist: am liebsten sehr bald, ­sicher aber demnächst.

Video: Kahlschlag am General-Guisan-Quai

Wegen Pilzbefall: Bäume wurden am Seeufer Opfer der Verdichtung. Video: Tamedia

Dann dieser elende Pilzbefall, der die Bäume an der Seepromenade geschwächt hat. 64 Bäume musstest du entfernen lassen! Nur damit keiner plötzlich umfällt und Leute erschlägt. Und alle haben laut aufgejault. Stell dir vor, jemand hätte sich an einen solchen kranken Baum gekettet! Hätte noch schlechtere Publicity gegeben. Und stimmt es eigentlich, dass die Schwächung auch mit einer Bodenverdichtung zu tun hat? Dichtestress in der Erde? Grosse Gefahr, dass das politisch ausgeschlachtet wird. Müssen wir im Auge behalten. Allgemein sollten wir hier schneller sein. Du weisst: Immer Lösungen anbieten, immer eine Perspektive aufzeigen. Sofort sagen, dass die Bäume ersetzt werden, dass Grünflächen unbedingt in eine Stadt gehören, auch wegen der Klimaerwärmung. Undsoweiter.

Punkt für die Zielvereinbarung

Ein Tiefschlag war sicher die ERZ-Affäre und dieses verborgene Kässeli, das macht uns doch lächerlich! Dazu noch diese leidigen Sonnenschirme, die bei jedem Sonnenstrahl und Luftzug zusammenklappen. Als wären wir keine Weltstadt, sondern ein Ort der Dilettanten. Eine Provinz.

Und kannst du mir bitte erklären, was du mit dieser O-Bike-Plage zu tun gedenkst? Allgemein sieht es in Sachen Velo und Velowege und Velodiebstahl sehr verworren aus. Kümmerst du dich drum – endlich? Bald ist Frühling, und die Leute möchten wieder auf ihre Räder steigen können, ohne angefahren, von den Fussgängern beschimpft oder von der Polizei gestoppt zu werden. Nehmen wir so in die Zielvereinbarung.

Punkto Kreativität konntest du sicher mit dem Aufruf an unsere Ausländerinnen und Ausländer via Briefpost auftrumpfen, sich einbürgern zu lassen – bevor die Bedingungen hierfür verschärft wurden. Man muss ja immer auch an die Linken denken, die durch solche Aktionen so etwas wie Stolz auf ihre Stadt empfinden können. Pragmatischer gesagt: Bürokratie kann auch Gutes bewirken. Manchmal vergisst man das, weil die Bürgerlichen immer so laut über fehlende Parkplätze und unsinnige Vorschriften klagen. Seit wann gehört dieser Jammersound eigentlich zu dir? Das neue Stadtrauschen?

Bitte ans HR wenden

Du zeigst zudem grosse Veränderungsbereitschaft: Das sieht man an den zahllosen Baustellen, die, sobald sie abgeschlossen sind, durch andere ersetzt werden. Man merkt: Hier gibt es Geld, hier investiert man in die Infrastruktur.

Das beruhigt. Auch gut ist, dass eine Reihe alter Politiker abgetreten ist: FDP-Stadtrat Andres Türler, CVP-Stadtrat Gerold Lauber, AL-Gemeinderat ­Niklaus Scherr, Lilo Lätzsch, die Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

Konfliktpotenzial gibt es sicher beim Flugplatz Dübendorf, wo der Bund vermehrt Businessjets zulassen will, die Anrainergemeinden Dübendorf, Volketswil und Wangen-Brüttisellen aber weniger Flugverkehr wünschen. Da sollten wir als Stadt dem Kanton beratend zur Seite stehen. Früher oder später sind wir ja auf die um uns angewiesen. Stichwort Agglomeration. Oder: Wachstum. Mit den rund 423 310 Einwohnern warst du auch dieses Jahr stark ausgelastet, aber gemessen an dieser Zahl, hast du dich gut geschlagen. Das zeigt: Du bleibst belastbar. Alles in allem: tipptopp. So. Das wärs auch schon. Möchtest du etwas hinzufügen? Nein? Sonst bitte ans HR wenden.

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