Der schönste Familiengarten der Stadt

Ein Paradies am andern. Die Schrebergärten auf der Lengg sind ein Zürcher Idyll. Auch dank Rita Luchs, die manchmal die Böse sein muss.

Rita Luchs schaut auf der Lengg gemeinsam mit Hündchen Shani nach dem Rechten. Fotos: Doris Fanconi

Rita Luchs schaut auf der Lengg gemeinsam mit Hündchen Shani nach dem Rechten. Fotos: Doris Fanconi

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Das Idyll

Recherchen des «Tages-Anzeigers» (ein Telefon bei Grün Stadt Zürich) haben ergeben: Der wohl schönste Fleck Familiengarten liegt in der Lengg. Die Aussicht ist nicht so gewaltig wie in der Waid, dafür sind die Gärtnerinnen und Gärtner weniger abgelenkt, müssen nicht dauernd hoch und in die Ferne schauen. Auf ihre Gärten dürfen sie sich etwas einbilden: Jeder hat seinen ganz eigenen Charme, und doch fügt sich jeder einzelne in das grosse Ganze ein. Das sind 42 Parzellen, zwischen 150 und 200 Quadratmeter kleine Paradiese.

Die Regeln

Rita Luchs ist im Vorstand der Familiengärten Zürich-Ost und die Arealverantwortliche in der Lengg. Sie gibt es nur zusammen mit Shani, und das Hündchen zerrt an der Leine und knurrt, als Rita Luchs sagt, sie müsse manchmal «die Böse spielen». Aktuell gerade ein Auge darauf haben, dass alle die verbotenen Düngemittel entsorgen. Und ganz allgemein, dass die Pächter ihre Gärtchen pflegen, bewirtschaften und nicht verwildern lassen. Da ist dieser wunderschöne Fleck, auf dem der Löwenzahn kniehoch steht, mit einem alten Obstbaum in der Wiese und überwachsenen Beeten. «Geht nicht», sagt Luchs. Überhaupt hat sie viel zu tun momentan. Viele «ihrer» Gärtnerinnen und Gärtner sind über 80, und eine nach dem andern gibt den Garten auf. Das Ehepaar ganz hinten etwa, «Zur silbernen Hochzeit» steht auf der Bank vor dem Häuschen: beide gleichzeitig erkrankt.

Das Gärtchen

Rita Luchs’ eigener Garten ist schön gepflegt, im Gleichgewicht zwischen Wachsenlassen und Zurückschneiden. Über die Laube wächst eine Kiwipflanze, die Hoffnung für dieses Jahr. Eine einzige Kiwi gab es im vergangenen Jahr, die anderen sind alle erfroren. Seit 2006 ist das ihr kleines Reich, sie habe damals ein Jahr auf ihre Fläche gewartet, sagt sie. Sie wollte nicht unbedingt einen Garten, sie suchte mehr nach einem Balkonersatz für ihre balkonfreie Wohnung, in der sie damals wohnte. Erhalten hat sie einen Flecken Natur, «an dem sich die vier Jahreszeiten wunderbar ­erleben lassen». Heute steht und kniet sie sicher zehn Stunden pro Woche im Garten, jätet, pflanzt und erntet.

Das Gärtchendenken

«Gibt es hier fast nicht.» Auch hier ist Rita Luchs bestimmt: Sie führe den Laden so, dass es weder ein Gegeneinander noch ein Nebeneinander gebe – sondern nur ein Miteinander. Die Stimmung auf der Lengg gebe ihr recht, sagt Luchs. Es sei hier oben meist friedlich, man helfe sich gegenseitig und schaue für­einander. Luchs hat vorne bei der Beiz einen Marktstand eingerichtet, wer zu viele Gurken, Salate oder zu viel Rhabarber hat, bringt ihn dorthin. Mit dem ­Erlös aus der Pächterbeiz wird ein jährliches Fest organisiert.

Das Relikt

Im oberen Teil des Gartenareals stehen kleine rote Häuschen mit Fensterläden. Fast kitschig herzig, Schweiz wie aus dem Bilderbuch. Wie sollte es auch anders sein: Sie standen erst an der Landi 1939 und wurden dann auf die Lengg transportiert. Einmal zogen sie in den 60ern um: Früher standen sie dort, wo heute das Seewasserwerk steht.

Der Wandel

Das Image des Schrebergartens hat sich in den letzten Jahren radikal gewandelt. Vom Symbol des Bünzlitums hin zum grünen Luxus in der Stadt. Die Gärtnerinnen und Gärtner in der Lengg seien gut durchmischt, sagt Rita Luchs. Da sind zahlreiche Nationalitäten vertreten, Familien mit Kindern gärtnern, das Hilfswerk Heks hat seit drei Jahren eine Parzelle gepachtet, auf der Flüchtlingsfrauen ihr Gartenwissen aus der fernen Heimat einbringen können.

Das Wuchern

Verwildern lassen im klassischen Sinn: verboten. Was aber wuchert, sind die Ideen. Vor einigen Jahren begann Rita Luchs in ihrem Garten mit grünem Spargel, der ist heute sehr beliebt. Die Pflanzen faszinieren Luchs, man könne ihnen beinahe beim Wachsen zuschauen. Sie mag es, den Spargel im Sommer auswachsen zu lassen, dann wird er mannshoch und verästelt sich hundertfach.

Die Typen

Vorne beim Eingang gibt es ein Grüppchen, das in Konkurrenz gärtnert. Einer pflanzt, aber erntet nicht, er geht so einfach sicher, dass er nicht rausfliegt. Zwei haben riesige Rhabarberfelder angelegt. Wie viele Kuchen das wohl gibt? Viele haben ein Herz für Wildbienen und ein Bienenhotel montiert. Allen gemeinsam ist, dass sie den Frühling spüren. Kaum wird es ein wenig wärmer, strömen sie in ihre Gärten.

Der Tipp

«Die kalte Sophie abwarten», rät Luchs.

Erstellt: 08.05.2018, 19:31 Uhr

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