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Ein Protokoll des Scheiterns

Unser Autor wollte eine Geschichte über «Kreatives Schreiben» schreiben. Dafür brauchte er einen Helden und einen Konflikt. Einen Helden hatte er, auch einen Konflikt – aber was für einen!

US-Autor Hunter S. Thompson hat bei Schreibstau mit der Schrotflinte seine Schreibmaschine beschossen, heutige Autoren stecken bei Versagen ihren Laptop in Brand. Foto: iStock, Getty Images
US-Autor Hunter S. Thompson hat bei Schreibstau mit der Schrotflinte seine Schreibmaschine beschossen, heutige Autoren stecken bei Versagen ihren Laptop in Brand. Foto: iStock, Getty Images

Er kratzte sich am Kopf, starrte zum Fenster hinaus, die Stirn in Falten gelegt. Das konnte doch nicht so schwer sein. Ausgerechnet er, der sich und seine Schreibe für originell hielt, wusste nicht, wie er das angehen sollte. Ein Text über das kreative Schreiben, kreativ geschrieben – das Konzept war prima. Astrein sogar, dachte Hunziker, astrein, das macht sich besser, das klingt literarischer, und literarisch ist gut, denn unter kreativem Schreiben verstehen die meisten nun mal literarisches Schreiben. Ein astreines Konzept, ja, aber das Konzept zum Konzept, das hatte er noch nicht und wollte es partout nicht finden.

In der Schule, da konnte man noch einfach drauflosschreiben, ohne seine Geschichte skizziert und durchdacht zu haben, da ging das. Aber das hier, das war anspruchsvoll, weil: anspruchsvolle Leserschaft. Zweimal anspruchsvoll so nah beieinander, das ist gut, das beweist Mut, dachte Hunziker. Hoffentlich sieht das die Leserschaft, dass das Mut ist und nicht Faulheit oder Unvermögen. Er brauchte also ein Gerüst, einen roten Faden, eine Story. Eine Geschichte zum kreativen Schreiben. Müsste ein Klacks sein. Damals hatte er Geschichten beim Denken, beim Schreiben, jedenfalls im Nu gesponnen. Ein Maurer, der zum Lego-Spielzeug wird und stirbt; suizidale Grossstädter, die sich in einem Kult sammeln, düstere, zynische, aber überraschende Geschichten. Weniger Adjektive, rügte sich Hunziker, nur Anfänger brauchen viele Adjektive.

Aber ihm war diese Unbeschwertheit abhandengekommen; je älter er wurde, desto weniger Geschichten fielen ihm ein. Desto höher wurden seine Ansprüche. War es nicht genau das, was die Kreativität eliminierte – die interne Zensurbehörde? Zu lahm, zu zahm, zu oft gesehen. Das schürt die Erwartungen. Und wer das Gefühl hat, er müsse etwas schreiben, was noch nie da gewesen ist, kann nur scheitern, oder?

Und just klopfte es an der Tür

Hunziker schlug sich die flache Hand auf die Wange. Reiss dich zusammen!, dachte er, gehen wir doch systematisch vor, also: Was brauche ich für eine gute Story? Einen Protagonisten, männlich oder weiblich. Oder ein anderes Gender, das würde dem Zeitgeist entsprechen. Würde aber auch viel Recherchearbeit kosten, so einfach lässt es sich ja nicht in das Abc von LGBTQ eindenken. Am einfachsten wäre er selbst als Protagonist, klar, aber auch am langweiligsten. Was erlebt er schon Spannendes? Andererseits, das wäre Fiktion, könnte alles passieren. Und just in dem Moment klopfte es an der Tür. Klopfen? Niemand klopft hier, dachte Hunziker. Vielleicht hatte er sich verhört und in der oberen Wohnung war nur etwas zu Boden gefallen. Doch es klopfte erneut, toc, toc, toc, diesmal lauter. «Aufmachen. Polizei.» Hunziker eilte zur Tür.

«Grüezi?»

«Grüezi. Sind Sie Herr Hunziker?»

«Das bin ich.»

«Sie sind hiermit verhaftet.»

«Verhaftet? Warum denn?»

«Wegen fahrlässigen Storytellings.»

«Fahrlässiges ... Soll das ein Witz sein?!»

«Leider nein. Ihre Story ist mies.»

«Meine Story ist …?», Hunziker seufzte: «Okay, sie ist mies.»

Sie war mies. Er wusste nicht weiter. Sollte er beschreiben, wie er im Gefängnis auf den passenden Einfall wartete? Wäre das kreativ? Wohl nicht. Nein, kreativ war spannend, mitreissend, war alles, was er jetzt gerade nicht aus dem Ärmel schütteln konnte. So viel wusste Hunziker. Zur Vorbereitung auf diesen Text hatte er nämlich extra eine Veranstaltung besucht, den Workshop «Kreatives Schreiben» im Kosmos. Die Storyteller-Experten Franz und Gabriela Kaperski hatten vor rund 40 Leuten referiert und zum Schreiben angeregt. «Was fördert die Spannung?», fragten sie in die Runde.

«Plot-Twist», rief jemand. Und Hunziker dachte: Ja. In «Lost Highway», da war ein Plot-Twist, einer erster Güte sogar. Den Plot des Films konnte Hunziker zwar nicht rekonstruieren, sofern das überhaupt jemand richtig konnte bei einem Lynch-Film, aber eines wusste er noch ganz genau und fand es toll: Mitten im Film wird die Hauptfigur plötzlich von einem anderen Schauspieler gespielt, ja war sogar eine andere Person, wenn sich Hunziker nicht täuschte. Warum gab es nicht mehr solcher mutigen Twists in Filmen? Hunziker dachte an einen Agentenfilm à la James Bond, in dem der Held schon nach wenigen Minuten stirbt und der restliche Film ohne ihn auskommen muss. Wäre auf jeden Fall überraschend. Oder eine Frau und ein Mann, die ein Abenteuer zusammen erleben, aber sich – Plot-Twist – nicht ineinander verlieben. Weil sie sich abstossend finden und unsympathisch. Was ja eigentlich viel plausibler ist. Tja, das wären gute Plot-Twists für einen Film, für ein Drehbuch. Aber nicht für diesen Artikel.

Mehr Gefühl, mehr Erfolg

Ebenfalls im Workshop genannt: das Geheimnis, die dunkle Vorahnung, der «Red Herring» (das blutgetränkte Messer, das gefunden wird), falsche Fährten, das Setting oder Emotionen (so, dass der Leser mitleidet). Davon ging Hunziker mittlerweile aus; dass der Leser mit ihm mitlitt bis hierhin, konnte aber nichts Positives darin erkennen. Mist, Hunziker hatte «mitleidete» geschrieben, peinlich, peinlich, zum Glück gab es das Korrekturprogramm. Was würde Martin Ebel von ihm denken? Jetzt musste etwas passieren.

Dring, dring. Nun läutete auch noch das Telefon. Nicola Brusa war dran, Verantwortlicher für die Tagi-«Bellevue»-Seite. Tamedia lanciere ein neues Print-Magazin, erzählte er ganz aufgeregt, und er, Brusa, werde Chefredaktor. Er habe vor, das ganze Magazin im Stile der «Bellevue»-Seite aufzuziehen, und fragte, ob Hunziker dabei wäre. Hunziker steckte sich den Zeigefinger der rechten Hand ins rechte Ohr und liess ihn kreisen. Hörte er richtig?

«Scheiss-Plot-Twist, viel zu unrealistisch», grummelte Hunziker. Der gewiefte Lesende würde sich nicht so leicht veräppeln lassen. Ein Schweizer Verlag, der 2019 ein Print-Magazin lanciert? Lachhaft. Er stiess einen tiefen Seufzer aus. Bereits einmal hatte er über Kreativität und Ideensuche geschrieben, 2012, ebenfalls im Tagi, schon damals hatte er die Selbstreflexivität zu Hilfe genommen und am Ende mit dem Misslingen geschlossen. Das war ja auch einfach, so einfach, wie einen subversiven Film mit dem Aufwachen aus einem Traum enden zu lassen. War alles nur ein Traum? Oder Wirklichkeit? War das gut? Oder schlecht? Wenn man sich das fragen musste, dann war der Fall doch klar, fand Hunziker: Es war schlecht.

Eine Story braucht einen Helden und einen Konflikt, so viel war klar. Hunzikers Story hatte einen Antihelden und einen Koloss von Konflikt, nämlich dass die Story nicht existierte. Dabei wäre es so einfach, geht es nach dem Autor Christopher Booker: Es gibt sowieso nur sieben «Basic Plots», darunter «vom Tellerwäscher zum Millionär» und die Komödie. So, wie es bisher lief, konnte Hunziker beides abhaken, er wähnte sich zwischen «das Monster überwinden» und der Tragödie.

Was hatte er sich nur eingebrockt. Er hatte sich vom grossen Hype anstecken lassen. Alle sprachen sie von Storytelling: wie wichtig das für Unternehmen sei, weil damit ihre Inhalte länger im Gedächtnis blieben. Storys für mehr Gefühle, mehr Engagement, mehr Erfolg. Aber Hunziker schwante, dass dieser Story-Wahn trügerisch war. War nicht kürzlich ein preisgekrönter «Spiegel»-Reporter aufgeflogen, weil seine Storys zu gut waren? Zu gut, um wahr zu sein. War das Karma? Ist es unfein, die Welt spannender oder logischer machen zu wollen, als sie ist? Na ja, fand Hunziker, Preise, ob erschlichen oder verdient, konnte er sich sowieso abschminken.

«Verfluchte Adjektive!»

An Geschichten, wollen Wissenschaftler herausgefunden haben, erinnert man sich bis 22-mal besser als an reine Fakten. Vielleicht war die Erinnerung wichtiger als die Realität? Würde ein Gedanke, wenn er stark genug ist, nicht eine eigene Wirklichkeit konstituieren? Waren Fiktion und Realität sogar gleichwertig? Hunziker wurde nachdenklich, und wäre nicht eine Klasse vor seinem Fenster durchmarschiert und hätte einstimmig «Loser» von Beck gesungen, wäre er wohl noch eine Weile nachdenklich geblieben. «I’m a loser, baby, so why don’t you kill me ...»

«Schnauze!», wollte Hunziker aus dem Fenster spucken, sein Mut reichte aber nur für ein an die Lehrperson gerichtetes «Könnten Sie vielleicht dafür sorgen, dass Ihre Kinder ein weniger passendes Lied anstimmen?».

Eine Geschichte in der Geschichte, das wärs, wie in «Garp» von John Irving. Aber er war schon bei über 8000 Zeichen, wo sollte er so rasch eine gute Geschichte herkriegen? Es müsste die kürzeste Kurzgeschichte der Geschichte sein. Und er hatte noch nicht mal eine Idee für die Hauptgeschichte.

Immerhin, einen Titel hatte er: Kreatives Schreiben – «epic fail». Nun könnte er die Geschichte über sein Scheitern als Geschichtenerzähler im Selbstmord enden lassen. Das wäre konsequent, aber auch pathetisch und elendiglich einfallslos. «Verfluchte Adjektive!» Hunziker schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch, zweimal, dreimal, dann auf die Tastatur. laöskdfjs ölaksdjf aldkf laksdjf. Er packte den Laptop, öffnete das Fenster und schmiss das Gerät ins Freie. «Schreib dich doch selbst, du Scheissgeschichte», rief er, und kaum hatte er gesehen, wie der Bildschirm beim Aufprall schlagartig erlosch, fühlte er eine Leichtigkeit wie selten.

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