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Ein Rückblick auf die Mutter all unserer Szenen

Zum Ende der Sommerserie gibt es Einblicke in die einstige «Szeni»-Szene, Mutter aller Zürcher Szenen.

Kühl, aber cool: Das «Röschti», so der Kosename des Rohstofflagers I im Kreis 5, gab es von 1997 bis 2000.
Kühl, aber cool: Das «Röschti», so der Kosename des Rohstofflagers I im Kreis 5, gab es von 1997 bis 2000.
TA

Böötler und Blüttler, Kugeln- und Schwertkämpfer, Cinéasten und Philatelisten, Muckis und Gnossis: Es war ein abwechslungs- und oft lehrreiches ­Szene-Panorama, das hier in den letzten Wochen ausgebreitet wurde; eine Art geistige Sommerbrise, welche das Hirn mal erfrischte und mal kitzelte. Das soll auch in der Schlussrunde so sein, wo es um jene Szene geht, die man in dieser Stadt zuallererst mit dem Begriff assoziiert – nämlich um die «Szeni»-Szene, die sich fürs selbstreferenzielle Abfeiern in In-Bars, -Clubs, -Restaurants oder an hippen Events trifft.

Gleichwohl gibt es Unterschiede. Punkt 1: Diese Mutter all unserer ­Szenen wird hier vorab retrospektiv abgehandelt, nur so kann man ihre hemmungslos sinnenfrohe Blütezeit skizzieren, die rund zwei Jahrzehnte zurückliegt. Punkt 2: Anders als bei den bisher vorgestellten Szenen kennt die «Szeni»-Szene keine Regelwerke, Kataloge oder definierten Verhaltensregeln; es existieren einzig ungeschriebene Gesetze, die jedoch ­stetig angepasst oder erneuert werden. Mit der Folge, dass man sich dem Phänomen immer nur annähern kann, ­ultimative Wahrheiten gibt es nicht . . . ausser der, dass sich kein Zürcher «Szeni» jemals «Szeni» geschimpft hätte – oder schimpfen würde.

Blütezeit, die

In den 60er- und frühen 70er-Jahren gingen in Zürich immer mehr Bars und Musikclubs auf, statt von Szenegängern redete man dazumal aber noch von Halbstarken oder Hippies. In den späten 70er- und frühen 80er-Jahren kamen Danceclubs und Discos auf (siehe auch: «In-Lokal»); es tanzten Popper, New-Waver, Breakdancer. Die eigentliche Szene, die den Begriff prägte, etablierte sich aber erst ab Ende der 80er-Jahre, wozu auch die nonkonformen ­illegalen Bars ihren Teil beisteuerten.

Popper am poppen. Quelle: Instagram

Die Blütezeit der Zürcher «Szeni»-Szene kann man wohl an der Epoche von 1992 bis 2006 festmachen. 1992 übernahm Fredi Müller mit Partnern das Kaufleuten und machte es zum freigeistigen Feiertempel, in dem auch Nischenformate wie das sonntägliche «Chillout» Platz hatten, an dem sich vielleicht 100 Nasen im riesigen Saal auf ausgelegten Kissen verlustierten.

Der Niedergang des «Nach uns die Sintflut»-Zaubers begann 1998 mit der Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes. Als 2000 das Tanzverbot an Feiertagen aufgehoben wurde, spülte die Kommerzialisierung noch existente ­illegale Bars weg, und mit dem Ende der Dachkantine 2006 fiel (dramatisch gesprochen) die letzte Bastion dieser Ära. Etliche «Szenis» und deren Jünger stiegen ins Gastro- und Nightlife-Business ein, die Szene wurde durchlässiger, ­heterogener; die elitäre Radikalität der Boom-Phase erreichte sie aber nie mehr.

In-Lokal, das

«Bögli» (Café Regenbogen), «Flämli» (Club Flamingo), «Pasa» (Club Pasadena), «Kauf» oder «Kafilüüte» (Kaufleuten), «Röschti» (Club Rohstofflager I), «Laby» (Club Labyrinth) – typisches Merkmal vieler Zürcher In-Lokale, die in der Blütezeit von der Szene frequentiert wurden, war der Kosename, mit dem wohl eine besondere Nähe zum Ausdruck gebracht wurde. Man findet das auch heute noch; bekanntestes ­Beispiel ist der bloss «Zukki» genannte Club Zukunft. Dass aber nicht jeder ­Szeneschuppen zwingend ein Pseudonym braucht, zeig(t)en die Dachkantine, das Gonzo oder die Gamper Bar.

Tanzwütige im Club Rohstofflager an der Josefstrasse in Zürich. Foto: Archiv TA
Tanzwütige im Club Rohstofflager an der Josefstrasse in Zürich. Foto: Archiv TA

Sprüche, die

Das Pendant zu diesen Kosenamen ­waren gewisse Szene-Sprüche, die zum Teil Kultstatus erlangten: Der vielleicht bekannteste war «Haued ab, ihr huere Arschlöcher», mit dem Yves Spink den Gästen seiner «MassiveUrsivePrimitive»-­Events zu verstehen gab, dass sie sich auf den Heimweg machen sollten. Ähnlich populär war das Begrüssungsritual, bei dem «Szeni» A «Szeni» B affektiert fragte: «Und, zwäääääääg?» Worauf B ebenso gekünstelt antwortete: «Immer biz Stägeli uuf, Stägeli ab», dazu tat er mit den Fingern so, als würde er eine imaginäre Treppe rauf- und runtersteigen. Auch ein Hit: «Machemer es Skirenne?» Das galt als Einladung zu einem Koks-Sniff-Duell. Solchen und ähnlichen Jargon findet man heute noch in der Onlineversion des «Züri-Slängikon».

«Machemer es Skirenne?» Foto: TA Archiv
«Machemer es Skirenne?» Foto: TA Archiv

Haltung, die

Menefreghismo, der italienische Begriff für die expressive Gleichgültigkeit, kombiniert mit einem nicht zu bändigenden Hedonismus – das war (natürlich in den Augen von Nicht-Zugehörigen) die zur Blütezeit gängige und oft als borniert taxierte Haltung eines «Szeni».

Drogen, die

Grundsätzlich galt (und gilt) das Motto «anything goes», wobei jede Szene-­Epoche wieder andere Stimulanzen ­bevorzugt/entdeckt. Klar aber ist: Der Drogenklassiker war und ist «Coci».

Gästeliste, die

Wer es in zwei, drei Zürcher Clubs auf die Gästeliste schafft, meint, wichtig zu sein. Wer generell auf den «ewigen ­Listen» steht, ist wichtig. Der echte «Szeni» indes braucht das nicht, der kommt einfach rein – immer, überall.

Ein echter «Szeni» kommt problemlos an ihm vorbei: dem Türsteher. Foto: Sophie Stieger
Ein echter «Szeni» kommt problemlos an ihm vorbei: dem Türsteher. Foto: Sophie Stieger

Leggins, die

Das Markenzeichen von Kaufleuten-­Inhaber und Szene-Guru Fredi Müller waren Leggins. Ein Modetrend ist daraus aber dennoch nie geworden.

Szenen-Gott Fredi Müller: die Leggins müssen Sie sich leider dazu denken. Foto: Peter Lauth
Szenen-Gott Fredi Müller: die Leggins müssen Sie sich leider dazu denken. Foto: Peter Lauth

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