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Ein Scharnier à l'Avignon

In Zürich, zwischen Landesmuseum und Limmat, steht ein Haus, das nach der Kapelle auf dem Pont d'Avignon gebaut worden ist.

Bewegte Vergangenheit: Das Brückenhaus an der Walchebrücke. Foto: Ev Manz
Bewegte Vergangenheit: Das Brückenhaus an der Walchebrücke. Foto: Ev Manz

Wie waren doch im letzten Jahr das Landesmuseum und sein Neubau in aller Munde. Die ganze Stadt sprach vom Betonklotz, der das Tuffsteingebäude ergänzt, vom Bunkerzusatz zum Schloss. Und auch über den schmucken Musikpavillon in der Mitte des Platzspitzparks wurden schon viele Zeilen geschrieben. Zu Unrecht wurde ein Gebäude aber immer links beziehungsweise mit Blick vom See her rechts liegen gelassen: das Brückenhäuschen an der Walchebrücke, das viele nur vom Dim-Sum-Kauf her kennen. Diese Vernachlässigung erstaunt wenig, lenken doch die auffälligen weissen Beschriftungen, die Verkaufstheke mit Rollladen und die roten Hochtische aus Plastik in der warmen Jahreszeit von der Schönheit des Gebäudes ab.

Das gut 100-jährige Häuschen zeugt von der Idee, welche die Architektenbrüder Otto und Werner Pfister mit der Brücke über die Limmat von der Walche zum Hauptbahnhof verfolgten. So sollte der monumentale Flussübergang harmonisch mit der barocken Parkanlage verbunden werden. Der damals noch halb so lange Kleinbau mit dem auffälligen Torbogen in der Art des Heimatstil-Barocks sollte diese Scharnierfunktion übernehmen. Er diente als Kiosk, Toilette und Materialraum für den Parkunterhalt. Dabei haben sich die Gebrüder Pfister für den Bau ein bekanntes Vorbild gesucht: die Kapelle auf dem Pont d’Avignon, noch immer eine der Touristenattraktionen der französischen Stadt.

Zwei weitere Bauteile unterstützten die Scharnieridee zusätzlich. So standen an den Brückenköpfen einst je zwei mächtige Pfeiler mit Kapitellen des Bildhauers Hans Markwalder und seitlichen Leuchten, und an der Hinterseite des Häuschens markierte ein kleiner Säulengang den Übergang zum Park. Sie blieben auch erhalten, als die Gebrüder das Häuschen nach 20 Jahren auf die heutige Länge erweiterten, weil der Tramverkehr einen Transformatorenraum brauchte. 1958 aber fielen die Säulen allesamt dem Neubau der Brücke zum Opfer. Der jüngere Pfister, Werner, war damals bereits verstorben und Otto 79-jährig.

Doch auch heute zeugen noch einige Elemente von der Jugendstil-Idee des Häuschens. Beim Verweilen sieht man die reich verzierten Kapitelle der Torpfeiler oder das Ornament über dem Bogen. Das Schmuckstück verbirgt sich flussseitig. Durch den Speier in Kopfform ergiesst sich das Dachwasser direkt in die Limmat. Er deutet auf ein anderes Pfisterwerk hin: die kantonale Verwaltung an der Walche.

GPS-Koordinaten: 47.224327.8.322925

Diese Zürcher Häusergeschichte ist eine von über sechzig, die im Rahmen der TA-Kolumne «Bauzone» bereits erschienen sind. Jeden Donnerstag kommt eine dazu. Eine vollständige Übersicht mit allen Texten finden Sie hier auf der interaktiven Karte.

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