Ein Zürcher kreiert ein neues Trendgetränk – aus einem Pilz

Ein trinkbarer Glückspilz soll der Sprängticka sein. Roger Schmid hat ihn nun von den Birken Lapplands in die Gläser Zürichs gebracht.

Roger Schmid mit seinem «Sprängticka»-Bitter. Fotos: Sabina Bobst

Roger Schmid mit seinem «Sprängticka»-Bitter. Fotos: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Roger Schmid per Mail mitteilt, dass er sich in einen Pilz verliebt habe, der in Lappland auf der Birke lebe – also natürlich nicht in einen einzelnen, sondern in eine Art, und dies auch rein platonisch, sprich wegen der «inneren Werte» –, da läuft im Kopfkino sofort ein kleiner Abenteuerfilm ab.

Er zeigt einen abgestumpften Zürcher, der auf der Suche nach Frische und Lebenssinn durch finnische Birkenwälder pirscht, beim Eindunkeln unglücklich stürzt und sich den Fuss verknackst. Da er keinen Handyempfang hat, kann er keine Hilfe anfordern, die Nacht verbringt er fröstelnd unter einem Baum. Als er am nächsten Morgen aufwacht, fühlt er sich körperlich und geistig wie neugeboren, die Schmerzen am Fuss sind weg. Beim Aufstehen entdeckt er dann auf der Rinde der Birke, unter der er geschlafen hat, eine Art schwarzes «Geschwür» – und spürt instinktiv, dass das eigenartige Naturobjekt «schuld» ist an seiner verblüffenden Genesung. Also macht er ein Foto, nimmt eine kleine Probe mit – und findet heraus, dass es sich dabei um einen Schiefen Schillerporling handelt, den die Volksmedizin als Chaga kennt und dem Wunderdinge nachgesagt werden.

Der Mailer und der Schreibende hatten schon früher miteinander zu tun gehabt. Wegen des Splattermovies «Blutgeil» (1993), den Schmid mitverantwortete, und an dem die Zürcher Justiz ein Exempel statuieren wollte – und in zehn Jahren Kosten von 500 000 Franken verursachte. Oder als er mit einem Kollegen die kultigen, in den 30er-Jahren entstandenen «Sun Koh»-Groschenromane ausgrub und neu auflegte. Anders gesagt: Dieser Mann, der hauptberuflich als Untertitelproduzent bei SRF arbeitet, hat stets eine gute Story auf Lager.

Schiefer Schillerporling. Foto: Tad Montgomery

So treffen wir uns in der Tamedia-Kantine, wo sich Roger Schmid die obige Filmfiktion anhören muss – und diese mit einem Lachen quittiert. «Marketingmässig wäre das sicher besser als meine Version... doch als Anhänger der ‹Radical Honesty›-Theorie bin ich der Wahrheit verpflichtet, und die geht anders.»

Er ist ein Birkenparasit

Nämlich so, dass er im November 2014 durch den Rosenhofmarkt schlenderte. Wobei ihm an einem Stand ein Elixier auffiel, dessen Beschrieb versprach, auf nachhaltig-natürliche Weise die körperliche Abwehr zu stärken. Da Schmid sein Immunsystem seit Jahren mit Echinacea-Tropfen und damit ebenfalls «natürlich» in Schuss hielt, war er interessiert – «zumal ich noch nie von diesem Chaga gehört hatte». Er kaufte eine Monatsration, obwohl ihm der Preis von 50 Franken eigentlich zu hoch war. Und bereits nach wenigen Tagen stellte er fest, wie viel energievoller er sich fühlte. «Ja, und dann ging die ganze Sache los.»

Was Schmid damit meint: Er fängt an, alles über dieses Chaga-Phänomen zu recherchieren – verknüpft mit der «verrückten Idee», dereinst eine Essenz herzustellen, die ebenso gut, aber günstiger sein würde als jene vom Rosenhofmarkt. Er lernt, dass der Pilz die physische und psychische Vitalität erwiesenermassen über Jahre hinweg zu steigern vermag. Dass er gegen Stress sowie beim Entgiften und Entschlacken hilft, was sich positiv auf Leberwerte oder die Haut auswirkt. Dass er bei der Behandlung von Diabetes oder Krebs erstaunliche Resultate erzielt. «All dies verdankt er der Birke, auf der er als Parasit hockt, deren Wirkstoffe er absorbiert und diese mittels biochemischen Prozesses in eine Substanz umwandelt, die vom menschlichen Körper aufgenommen werden kann», erläutert der Autodidakt. Weiter findet er heraus, dass die hochwertigsten Pilze im hohen Norden vorkommen (wo der Chaga oder Schiefe Schillerporling den onomatopoetischen Namen Sprängticka trägt) und dass man ihn als Pulver bestellen kann, was die Verarbeitung in einer Lösung vereinfacht. Kurz und gut: Der Weg ist geebnet, bald gehts in der heimischen Küche los mit Pröbeln und Tüfteln, erste Resultate stimmen zuversichtlich... und doch kommen dem 52-Jährigen Zweifel. «Mir war das plötzlich zu esoterisch, zu fest Heilund zu wenig Genussmittel.»

Der «Sprängticka Chaga Bitter» in der klassischen Variante «Infusion».

Die Folge: Schmid testet neu Richtung Bitter – jenem Digestif, der einer «Medizin» am nächsten kommt. Und vor rund zwölf Monaten präsentiert er seinen «Amaro» schliesslich im J. B. Labat, dem führenden Spirituosenladen der Stadt. Das Verdikt: «Durchaus interessant, aber in dieser Form nichts für uns.»

Möglichst nah am Ursprung

Aufgeben? Im Gegenteil! Der Quereinsteiger und seine Helfer wechseln von «gewöhnlichem Alkohol» zu einem Bio-Knospe-Ethanol. Sie verwenden fortan das Pulver von wild wachsendem Chaga, der in Lappland über dem Polarkreis geerntet wird, wo die Temperaturen bis unter 40 Grad Celsius sinken. Sie optimieren die komplexen Herstellungsschritte, die sie – «Radical Honesty» – allesamt auf der Website dokumentieren. Dazu gehört unter anderem das (gemäss LSD-Entdecker Hofmann theoretisch unmögliche) Aufbrechen der Chitin-Zellwände – das ist die schwarze Aussenschicht des Chaga-Pilzes, in der sich viele der bioaktiven Stoffe befinden –, das durch das Gefrieren erreicht wird.

Vor allem aber versucht Schmid aufgrund des Feedbacks aus dem Freundeskreis, den Bittergeschmack seiner Spirituose zu perfektionieren – wobei er bewusst aufs Beigeben von Zucker verzichtet, um das Gebräu «so ursprungsgetreu wie nur möglich zu halten». Am Ende ist es geschafft: Die Leute von J. B. Labat haben den «Sprängticka Chaga Bitter» für gut befunden und ihn in ihr illustres Sortiment aufgenommen – sowohl in der klassischen Variante «Infusion» (500 ml, 32 Fr.) als auch in der inhaltsstoffreicheren «Essence»-Version (200 ml, 64 Fr.), die es auch ohne Alkohol gibt. Und wenn man hört, dass der «Sprängticka»-Shot in der Bar 63 bereits als Geheimtipp gilt, ist durchaus denkbar, dass der trinkbare Glückspilz seinen Hersteller mittelfristig zum pekuniären Glückspilz macht.


Video: Das grosse Zürcher Gin-Tasting

Der «Tages-Anzeiger» hat 14 Sorten getestet und im Video einen Sieger erkoren.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.01.2018, 15:43 Uhr

Averna ohne Süsse

Eine Ahnung von den kargen Wiesen Finnlands

Was erwartet man als geneigter Geniesser von einem Bittergetränk, hergestellt aus einem Heilpilz? 30 Prozent Alkohol soll das Zeug haben, heisst es auf der Flasche. Ebenso, dass die Pilze aus Finnland und das verwendete biologisch produzierte Ethanol aus Deutschland kommen. Wieso eigentlich Deutschland? Ist der Trinksprit der Eidgenössischen Alkoholverwaltung dafür nicht gut genug? Den verwendet hierzulande praktisch jeder, der Liköre oder Auszüge herstellt.

Zum Glück wirds derzeit früh dunkel. Und so schenkt man sich schon kurz nach 17 Uhr ein Glas ein. Besonders dickflüssig, das fällt sogleich auf, ist der tiefbraune Saft nicht. Er duftet, auch dies eher überraschend, nicht erdig, sondern erinnert viel mehr an das Zitrus-Wacholder-Aroma eines Gin. Kann das sein? Man schnüffelt nochmals – und der zweite Eindruck entspricht schon eher den Erwartungen: Im Hintergrund sind medizinische Noten auszumachen. Hat was von Averna, den man sonst zu dieser frühen Abendstunde geniesst.

Schliesslich wagt man den ersten Schluck. Der Antrunk ist jedoch anders als beim italienischen Apéritifgetränk nicht süss und klebrig, sondern knochentrocken. Offenbar wird bei der Produktion tatsächlich auf die Zugabe von Zucker verzichtet. Sprängticka wirkt auch am Gaumen wie ein Mittelding zwischen Gin und Averna. Ganz leicht brennt der Alkohol auf der Zunge, trotz des eher moderaten Prozentsatzes.

Das Getränk hallt nach, und plötzlich hat man diese Vision: Man glaubt, aromatisch die kargen Wiesen Finnlands zu erahnen, auf denen einsam Birken stehen. Vielleicht noch ein Glas mit ein, zwei Eiswürfeln probieren? Daniel Böniger

Artikel zum Thema

Und plötzlich kaufen die Hipster beim jüdischen Bäcker ein

Bellevue Eigentlich an einem Unort Zürichs gelegen, ist die Ma’adan Bakery eine kleine Erfolgsgeschichte. Mehr...

Der Vater aller Barbershops

Hier war die Rasur mehr als nur Bartpflege: Im Salon des kürzlich verstorbenen Robert Rosenberger weht noch der Geist der 1930er-Jahre. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Frauen suchen Männer für Sex!

Immer mehr junge Frauen registrieren sich auf der Webseite für flüchtige Begegnungen, um ungehemmt ihre wildesten Fantasien zu erfüllen.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Der missverstandene Imperialist

Von Kopf bis Fuss Lebensglück bis ins hohe Alter

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Trägt ein aufwändiges Kostüm: Ein maskierter Mann posiert bei einer Kundgebung des senegalesischen Präsidenten in Dakar für Fotografen. (21. Februar 2019)
(Bild: MICHELE CATTANI) Mehr...