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Eine gefährliche Liebschaft

Als Züri-Tourist nach Basel? Darauf hatte unser Autor eigentlich gar keine Lust. Doch dann liess er sich richtiggehend verführen.

«Das fängt ja schon mal gut an», denke ich, als ich kurz vor 11 Uhr in Basel eintreffe. Das mag ironisch klingen, weil da oben im Lead steht, es habe mir eigentlich gestunken, nach Basel zu fahren, um da den Zürcher Touristen zu spielen, doch die Aussage ist genau so gemeint, denn: Sonne, 24 Grad, ideales Ausflugswetter! (Anmerkung: Um die Sache mit ein wenig Brisanz zu würzen, habe ich ein FCZ-Leibchen angezogen, allerdings nicht wie ursprünglich geplant das offizielle 2006-Trikot mit der Nummer 25 drauf – man muss das Unglück ja nicht unbedingt herausfordern –, nein, es ist bloss ein adrettes Retroshirt).

Was man über den Zolli weiss: Er wurde 1874 eröffnet und ist der älteste und Tierarten-reichste zoologische Garten des Landes und hat ein hervorragendes Renommee. Was man über den Zolli nicht weiss: Er ist ziemlich versext! Da schlendert man mir nichts, dir nichts zum Klammeraffenkäfig und liest unter der Überschrift «Verkehrte Welt»: «Affenmännchen sind für gewöhnlich an ihren Hoden und dem Penis zu erkennen. Doch Vorsicht, Klammeraffen bieten hier eine kleine Überraschung! Die Weibchen haben eine auffällig lange ­Klitoris. Das männliche Geschlecht hingegen ist klein. Suchen Sie unsere Männchen!» Ich habe in erster Linie ein «Parental Advisory: Explicit Lyrics»-Schild gesucht – vergebens!

Noch bunter treibens die Esel, sie zelebrieren ihr öffentliches Schäferstündchen derart relaxt, dass die Japanerinnen neben mir hysterisch zu kichern beginnen. Ich geb ihnen zur Beruhigung ein Gletscherminze-Ricola.

Steinenvorstadt! Endlich! Da wollte ich schon immer mal hin, wegen des «Monopoly». Wie auch nach «Chur, Kornplatz». Oder «Schaffhausen, Vordergasse». Oder «Lausanne, Rue de Bourg». Oder «La Chaux-de-Fonds». Oder «Vereinigte Bergbahnen AG».

Als ich in der Bar «fumare non fumare» tiefenentspannt am Cornet schlecke (einmal salzige Erdnuss, einmal Johannisbeer-Honigmelonen-Sorbet, es ist ohne zu übertreiben die beste Glace meines Lebens!), kommt mir unversehens in den Sinn, dass ich in Basel ja sehr liebe Verwandte habe (Moni und Peter, die ich hiermit herzlich grüssen möchte). Wie ich das auch im Bernbiet und in Luzern habe. Und in Olten zumindest mal hatte.

Und wenn ich akribisch jedes Ästchen meines Stammbaumes betrachtete, würde ich womöglich auch in St. Gallen oder Glarus oder Sils Maria oder Vevey oder Sessa noch Tröpfchen von verwandtem Blut ausfindig machen. Weil das in der kleinen Schweiz glaub einfach so ist, weil wir doch alle eine gemeine Sippe sind, die einen halt etwas verknorzter als die anderen. Dann kommt der Espresso und mit ihm die Einsicht, wie dumm doch mein Vorurteil gegen Basel war, bloss weil ich den FCB nicht mag. Notiz im Vademecum: «Nimm dir das zu Herzen, Dude!»

Auf einem Bänkli neben dem Spalentor eine weitere Notiz: «Bebbi, Stucki, Joggeli, Tinguely, Drummeli, Arty-Farty (herablassend für die Art Basel), Drämmli, Oberli(n): Erstaunlich viele wichtige Basler Dinge enden auf i (klanglich).»

Handyanruf von Kumpel D. Als sein Anliegen geklärt ist, frage ich ihn nach Basel-Tipps, schliesslich ist er als Aussendienstler ein exquisiter Schweizkenner. «Geh keinesfalls an die Feldbergstrasse!» – «Wieso?» – «Wenn in dieser Stadt etwas Schlimmes passiert, passiert es in acht von zehn Fällen da.» – «Was Compton für L.A., ist die Feldbergstrasse für Basel?» – «Treffend formuliert.»

Etwa eine Stunde danach gehe ich die Feldbergstrasse entlang. Sie wirkt verblüffend friedlich, mehr noch, sie erinnert mit ihren Krimskramsläden ein wenig ans Karoviertel in Hamburg. Und wie da hat es auch hier – einen Record-Store!

Wie vor jeder bisherigen Basler Attraktion, die ich heute gezielt oder spontan zu besuchen beabsichtige, stelle ich die berufliche Gewissensfrage, diesmal lautet sie: «Gehen Touris in Plattenläden?» Die Antwort ist ein freudiges «Ja», kurz darauf stehe ich im Plattfon Records (den, wie ich bei der Nachrecherche lesen werde, die englische Zeitung «The Guardian» 2014 zu einem der zehn besten Plattenläden der Welt kürte), und als ich ihn verlasse, besitze ich fünf neue Scheiben, darunter auch «El Ratón» von Clara! Y Maoupa, ich hoffe, damit meine DJ-Karriere nochmals neu zu lancieren.

«Es ist natürlich keine Street Parade, aber phasenweise sicher ganz originell.» Mit diesen Worten empfiehlt mir der Plattenverkäufer beim Adieu den Besuch der Basler Jungle-Parade, die just an diesem Samstag das Rheinufer entlangzieht. Eine Stunde später kann ich sagen: Recht hat er!

Ich hätte übrigens gern mitgetanzt, zum Beispiel beim Wägeli mit dem Footwork-Sound ein paar «Dribbles» oder «Skates» gezeigt, doch die riesige Marihuana-Wolke und mein Asthma – keine Chance. Darum tue ich das, was auch drei ältere Stuttgarter Parade-Besucher vor mir tun: Bier trinken und das knirschende Knie wippen.

Es kommt, wie es kommen musste: Irgendwann stehe ich vor dem berühmten Moischter (dem man hier Münschter sagt). Sofort suche ich nach passenden Adjektiven, um die schiere Schönheit zu würdigen, doch da spaziert Nationalrat Andreas Gross vorbei, und ich kann nur noch an die gescheiterte GSoA-Initiative und meine RS denken. Schade.

Plötzlich schreien mich drei Halbwüchsige an, in meinen Ohren klingt es so: «Congeli, Congeli, mach die schiss Zircher kliii!» Irgendwann check ich: Das FCZ-Shirt, hatte ich völlig vergessen! Ich muss lachen, sie lachen zurück, beidseits Daumen hoch (später im Zug werde ich notieren: «Die i-Liste um Congeli ergänzen.»)

Wie in Zürich herbsten auch in Basel die Bäume wegen der Sommerhitze dahin, wie an der Limmat hats heuer auch am Rhein unangenehm viele Wespen. Und doch spüre ich eine verführerische Anziehung (eine typische Zürischnure würde sagen: «Di Bitch hät mi flachgleit!») Wars das Cartoon-Museum? Das so zauberhaft ab dem Karren der Zeit gefallene Spalenberg-Quartier? Der majestätische Rhein? Keine Ahnung. Doch was ich weiss: Es ist eine gefährliche Liebschaft, wir müssen vorsichtig sein!

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