Die neue «Quartierbewohnerin» von Hirslanden

120 Kilogramm Farbe hat Künstler Redl für sein neues Zürcher Werk «Lucia» auf eine Fassade an der Forchstrasse gestrichen – und einen versteckten Hinweis auf die Besitzer angebracht.

«Lucia», in deren Name das Licht steckt, reckt sich an der Fassade der Forchstrasse 41 gen Himmel. Foto: Sabina Bobst

«Lucia», in deren Name das Licht steckt, reckt sich an der Fassade der Forchstrasse 41 gen Himmel. Foto: Sabina Bobst

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Er überlegt kurz, dann sagt er: «Es ist ein Kampf. Ein epischer Kampf. Man wird zum Getriebenen, hat den Tunnelblick, ähnlich wie Fussballer beim Penalty, und wenn ein Fehler passiert, macht es dich so richtig fertig. Aber wenn es geschafft ist … das Gefühl ist unbeschreiblich.» So lautet Patrick Wehrlis Antwort auf die Frage, was denn der «Kick» daran sei, statt einer Lein- oder Bretter- gleich eine ganze Hauswand in ein Kunstwerk zu verwandeln.

Das nämlich hat der 50-Jährige, den man in der Graffiti- und Urban-Art-Szene unter dem Pseudonym «Redl» kennt, kürzlich getan, notabene bereits zum zweiten Mal in der Stadt Zürich: Nach «Melody», entstanden im Herbst 2017 beim Escher-Wyss-Platz (und bis heute eines der grössten legalen Wandbilder der Schweiz), durfte nun an der Forchstrasse 41 ­«Lucia» das Licht der Welt erblicken. Der eingangs erwähnte Kampf dauerte diesmal sechs Kunsttage à zehn bis zwölf Stunden, wobei Wehrli die ersten fünf mit Alex Hohl auf dem gemieteten Kran stand und an der Mädchenfigur arbeitete; sein Street-Art-Kumpan war ihm damals bereits im Kreis 5 zur Hand gegangen.

Farbrolle statt Spraydose

Da wir grad bei den Zahlen und Fakten sind: Die beiden Künstler vermalten für «Lucia» rund 120 Kilogramm deckende Dispersionsfarbe. Redl sagt, etliche Passanten, die beim Entstehungsprozess am Haus mit der exponierten Fassade in Hirslanden vorbeigegangen seien, seien überrascht gewesen, dass er und Alex Hohl zumeist mit der Farbrolle ans Werk gingen: «Street Art ist in den Köpfen der Leute halt eng verknüpft mit der Spraydose.» Die Dosen seien dann eigentlich erst bei den Finessen des «Murals» – so heisst ein Wandgemälde solchen Umfangs im Fachjargon – zum Einsatz gekommen, beispielsweise bei den Konturen des Gesichts oder den Haarspitzen.

Eine Art Anweisung, wie man das Motiv zu verstehen oder zu «lesen» hat, will Patrick Wehrli nicht geben, «ich mag meine Bilder grundsätzlich nicht erklären». Lieber spricht er darüber, wie aus einem ersten Bleistiftentwurf letztlich ein knapp 20 Meter hohes Gemälde wird. Und antwortet auf die Frage, wann er tatsächlich wisse, ob das Werk geglückt oder missraten sei: «Eigentlich erkenne ich das bereits an der finalen A4-Skizze.» In diese investiere er viel Zeit, er gehe die zu bemalende Wand mehrfach studieren und fotografieren, um die richtige Perspektive zu eruieren, zudem erstelle er Bildmontagen. «Klar, wenn wir mit dem Kran an der Wand arbeiten, ist das wie ein Close-up-Modus, deshalb müssen wir, auch im philosophischen Sinn, immer wieder einen Schritt zurücktreten, um das grosse Ganze zu sehen. Aber wenn wir keine groben Schnitzer machen, wissen wir vom ersten Farbtupfer an, dass es funktionieren müsste.»

In Zürich sind die Riesengemälde noch selten

Die Tatsache, dass es in Zürich im Gegensatz zu anderen Städten mit blühender Street-Art wie Berlin, Lissabon oder Miami (wo mit dem Wynwood Art District ein ganzes heruntergekommenes Quartier zur Open-Air-Graffiti-Galerie umgemodelt wurde) bis dato auffallend wenige Murals gibt, hat laut Wehrli nicht allein mit fehlenden Wänden zu tun. «Unsere Stadt war lange nicht parat für solche Werke, weder seitens der Behörden noch der Hausbesitzer … doch inzwischen ist es merklich besser.»

Damit wären wir bei der Frage, wie er überhaupt zum Auftrag gekommen ist, Hirslanden eine adrette neue (wenn auch nur zweidimensionale) «Bewohnerin» zu bescheren. Er lacht und sagt: «Den hab ich mir selbst beschafft.» Er fand heraus, dass das 1931 erbaute Wohn- und Gewerbehaus 2004 von der Stiftung PWG gekauft wurde – und machte deren Vertretern den Vorschlag einer Veredelung.

Redls Erstling auf Zürcher Boden: «Melody» beim Escher-Wyss-Platz.

Kornel Ringli, Kommunikationsverantwortlicher bei der PWG, betont, der Ausschuss des Stiftungsrates habe die Idee wohlwollend aufgenommen, «wir hatten einzig den Wunsch nach einem dezenten Hinweis auf unsere Stiftung». Dies realisierte der Künstler, indem er «PWG» auf dem untersten Buchrücken des Gemäldes verewigte – nicht also Logo, sondern als Schriftzug. Überhaupt sei er der Stiftung stark entgegengekommen, so Redl, weil er deren Arbeit, günstigen Wohn- und Gewerberaum zu erhalten, schätze und unterstützen wolle: «Ein Mural dieser Grösse kostet eigentlich zwischen 25000 und 30000 Franken, wir haben uns aber auf einen Unkostenbeitrag verständigt.»

GPS-Koordinaten: 47.363575, 8.557452

Alle Beiträge aus der Bauzone: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 04.06.2019, 13:54 Uhr

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