Einen alten Kleinwagen versoffen

Wie ein paar Freunde edle Erbstücke aus dem Bordeaux degustierten und schon am brüchigen Zapfen des Château Latour 1970 fast verzweifelten.

Frisch aus der Kiste: Der Château Latour von 1970 vor dem Degustieren mit alten Freunden. Foto: Samuel Schalch

Frisch aus der Kiste: Der Château Latour von 1970 vor dem Degustieren mit alten Freunden. Foto: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das muss man haben: einen freakigen Götti, Junggeselle und Französischlehrer, der sein ganzes Vermögen in teuerste Bordeauxweine investiert – und irgendwann dahinscheidet. Weil der Rest seiner Verwandtschaft schon tattrig ist oder dem Blauen Kreuz nähersteht als der roten Traube, landen ein paar Holzkistchen beim Göttibuben. Doch der ist mit Bier und Chianti sozialisiert worden.

Das war vor über 30 Jahren. Der Bub hat die Kistchen ein paarmal gezügelt, sich ein dickes Buch über Wein zugelegt, aber nie viel von «Duft feuchten Tabaks, trockenem Leder, Trüffel oder Zedernholz» im ungeübten Gaumen verspürt. Der rassige Abgang von Wein aus dem Coop reicht ihm viele Jahrzehnte lang.

Bis die Saufkumpane von früher elitär wurden und ihren Wortschatz den Degustationsnotizen der Weinportale anpassten. Dank Google wurde auch dem Banausen klar, dass die immer wieder fluchend gezügelten Kisten im Keller ein kleines Vermögen wert sind. Als dann kürzlich Paddy, Lolly, Günti, Sugar, Pete, Claire und Mimi zu Besuch waren – alles Connaisseure –, kamen vier Flaschen auf den Tisch: drei Château Latour 70 und ein Mouton Rothschild 75. Und zur Absicherung – Stichwort Essig – ein Karton Donnafugata aus Sizilien.

Kiemenatmung und Modus «Weinpapst»

Doch wie kredenzt man Wein im Liebhaberwert von über 2000 Franken? Eine Umfrage auf Facebook ergab eine erschreckende Uneinigkeit. Von «wegschütten», «viel zu lange gewartet», «Essig» bis «ein Traum, ich möchte auch» reichten die Einschätzungen. Einer schrieb: «Dafür könntest du einen gebrauchten Kleinwagen kaufen.»

Noch krasser divergierten die Tipps beim Thema Dekantieren, Karaffieren und Öffnen: «Dekantieren mit Kerze», «auf keinen Fall dekantieren, er würde sofort zerfallen», «vor allem gut atmen lassen». Eine zusätzliche Internetrecherche – quasi die Assemblage eines Dutzends verschiedener Profitipps – ergab: Erst kurz vor dem Genuss über einer Kerze dekantieren. Und zwar bloss, um den Satz loszuwerden. Ja nicht zu lange offen stehen lassen. Alte Weine dürfen nicht zu lange atmen. Ein Experte schrieb vom «grossen Dekantierschwindel – überschätzt und unnötig».

Dann rückten Sugar, Mimi und Co. an – letzterer Enkel eines französischen Weinbauern und auch Französischlehrer. Alle brachten sie je zwei 25-fränkige Italiener oder Franzosen mit, wie man es bei Einladungen so macht. Bis sie die aufgereihten Premier Crus sahen – und gleich auf Kiemenatmung und Modus «Weinpapst» hochschnellten.

Wie filtern? «Ein feiner Frauenstrumpf», schlug jemand vor. «Auf keinen Fall, da hats Waschpulverreste drin», konterte der Vinologen­-Enkel.

Für die Gastgeber begann nun die demütigendste Phase. Kein Profizapfenzieher! Und wohl zu lange gewartet, den Schatz im Keller vor den Freunden jahrzehntelang verheimlicht. Sauber schnitten wir die Kapsel des ersten Château Latour weg, während die Köchin gut getimt den Braten aus dem Ofen holte. Der Zapfen war hart und schwarz, keine Spur von Fäule. «Kommt gut», freute sich Günti, bis er die abgebrochene obere Hälfte Kork am Zapfenzieher in der Hand hielt. Kein chirurgisches Geschick half, auch kein Instrument aus der Näh- und Werkzeugkiste. Wir mussten den unteren Zapfenteil mit dem Schraubenzieher in die Flasche stossen – wie früher in den Schullagern, wenn niemand einen Zapfenzieher für den Fusel zur Hand hatte.

Jetzt begann das grosse Prozedere. Das Teesiebchen filterte beim ersten Dekantieren bloss die gröberen Zapfenteilchen aus dem edlen Saft. Äusserst positiv immerhin: Der Wein zeigte erstaunlich wenig Altersbräune und roch keine Spur nach Sherry oder gar Essig. Trinkbar allerdings war er nicht, weil noch immer feinste Zapfenteilchen obenauf schwammen. Die Gruppe einigte sich auf «filtern». Doch wie? Kaffeefilter hat ja seit Nespresso niemand mehr. «Ein feiner Frauenstrumpf», schlug jemand vor. «Auf keinen Fall, da hats Waschpulverreste drin», konterte der Vinologen­-Enkel. Worauf sich die Gesellschaft auf Küchenpapier in einem Trichter einigte.

Das verlockende Funkeln

Und so schütteten wir den Wein von der ersten Dekantierkaraffe durch den Filter in die zweite – sehr erfolgreich. Dunkel, voll und verlockend funkelte der Château Latour in der mundgeblasenen Karaffe, ebenfalls ein Erbstück.

Wir degustierten in eleganten Bordeauxkelchen. Die Freunde strahlten und überboten sich in deutschen und englischen Fachsprachfetzen: red berry fruit, strawberry, äusserst nuancenreich, rauchige Note, Pfeifentabak, Cassis (nicht der aus dem Tessin!), Leder, Asche, Tabak, Mineralien, Trüffel, Röstaromen, weisser Pfeffer, nur leichte Säure, äusserst komplex, keine Spur von feuchtem Keller. Kurz zusammengefasst: Sensationell für einen 47 Jahre alten Wein, der jünger wirkt als viele 15-jährige Tropfen. Da hatten die Weinmacher im Bordeaux ein Kunststück vollbracht.

Ein nationales Kulturgut

Auch der Zapfen des zweiten Latour zerbröselte elendiglich, obschon wir ihn schräg durchbohrten. Doch das Dekantieren, Karaffieren und Filtern von Satz und Korkenresten hatten wir nun im Griff. Auch diese Flasche war wundervoll, der Wein hatte noch seine volle Komplexität. Gemäss gängigen Degustationsnotizen soll man einen 70er-Latour bis 2040 geniessen können. Ein bisschen enttäuscht dagegen waren wir nach diesem Erlebnis vom 75er-Mouton-Rothschild, trotz Etikette von Andy Warhol. Er war flacher, weniger vielfältig, aber noch keinesfalls im Verfallstadium.

Latour und Mouton Rothschild sind zwei von fünf Premier Crus aus dem Médoc – neben Lafite, Margaux und Haut-Brion –, die 1855 für die Weltausstellung in Paris klassiert wurden und in Frankreich als nationales Kulturgut gelten. Das Château Latour an der Gironde-Mündung wurde im 14. Jahrhundert erstmals erwähnt. Die Rebfläche beträgt 65 Hektaren und ist zu 75 Prozent mit Cabernet Sauvignon bestockt, zu 20 Prozent mit Merlot, zu 4 Prozent mit Cabernet Franc und zu einem Prozent mit Petit Verdot. Eine einfache Formel für ein solches Kunststück.

Erstellt: 18.01.2018, 21:41 Uhr

Artikel zum Thema

Nicht nur der Wein allein

SonntagsZeitung Die Cité du Vin macht Bordeaux für Touristen noch attraktiver. Trotzdem lässt sich dem Thema Rebensaft leicht entkommen. Mehr...

So findest du den perfekten Wein

Wo es im November den besten Wein gibt und wie man selbst einen guten Tropfen erkennt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Gespenstische Stimmung: Ein Vogel fliegt während des letzten Vollmondes des Jahres über den Statuen der Katholischen Hofkirche in Dresden. (12. Dezember 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...