«Einfach das Lochergut, fertig»

Denise Obrist hat sich 1966 für eine Wohnung im Lochergut beworben, noch bevor es stand. Was ihr am Hochhaus gefällt – und was ihr fehlt. Ein Auszug aus «Lochergut – Ein Portrait».

Zufrieden: Denise Obrist (*1939) und Walter Gossweiler (*1942). Foto: PD

Zufrieden: Denise Obrist (*1939) und Walter Gossweiler (*1942). Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie ist es, in einem so grossen Haus zu wohnen? Haben Sie viel Kontakt zu den Nachbarn?
Walter Gossweiler: Die Leute, die wir kennen – meine Partnerin kennt natürlich noch viel mehr als ich –, mit denen haben wir einen super Kontakt.
Denise Obrist: Wenn Sie fünfmal in den Lift gehen, treffen Sie etwa viermal auf fremde Leute, die vielleicht hier wohnen, aber die Sie noch nie gesehen haben. Mit den Leuten, mit denen wir Kontakt haben, ist der Kontakt umso besser.

Auf Ihrem Laubengang, kennen Sie da alle?
Gossweiler: Ja, ja. Ich bin jetzt nicht der Typ, der mit allen «Sali, Ciao, Tschüss …» macht und die Wohnung Tag und Nacht offen stehen lässt. Ich bin auch mit den wenigsten Leuten per Du. (...) Dann beginnt das «Ah, he, hoi – ja, ja, komm in die Wohnung». Das mag ich nicht, und das gibt es bei mir nicht.

Wer bringt Ihnen diese Zeitungen?
Gossweiler: Eine Frau, die geht morgens um 6.30 Uhr runter. Ich habe eine Zeitung abonniert, und die anderen bringt sie mir dazu. Die liegen dann bei uns vor der Tür. Ich könnte im Prinzip im Pyjama raus, um die Zeitung zu holen.

Jeden Morgen?
Gossweiler: Jeden Morgen. Ausser am Sonntag. Dann muss ich sie selber holen. Es ist eine Nachbarin vom anderen Laubengang. Ein Goldschatz. Am Abend war ich dann verantwortlich für den «Blick am Abend». Um 16Uhr, wenn wir zu Hause waren, ging ich runter, holte vier «Blick» und verteilte sie.

Frau Obrist, Sie wohnen schon eine halbe Ewigkeit hier.
Obrist: Ja, seit dem Anfang. Seit 1966.
Gossweiler: Soll ich das Radio abstellen? Stört es? Obrist: Ja, ich würde es abstellen. Gossweiler: Das läuft bei uns den ganzen Tag.

Wie sind Sie zu dieser Wohnung gekommen?
Obrist: Mein Mann war Mode-Retoucheur und hatte ein Atelier im Niederdorf. Wir haben dann mitgekriegt, dass sie hier anfangen zu bauen. Bei meinem Mann musste es immer schnell gehen mit den Reklamen. Der Hauptkunde war zu dieser Zeit Jelmoli. Die haben ihm die Arbeiten gebracht, und er hat sie erledigt wieder zurückgebracht. Zwei Jahre haben wir dann mal noch in Schwamendingen gewohnt, aber von dort aus war der Weg viel zu weit. Dann waren hier die Wohnungen ausgeschrieben, und wir haben uns beworben.

Sie haben sich beworben, bevor das Haus überhaupt gestanden hat?
Obrist: Ja, ja. Es kam sogar jemand zu uns nach Hause nach Schwamendingen, um zu schauen, wie wir dort draussen wohnen. (...) Als wir die Wohnung besichtigen gingen, meinten sie, falls wir die Wohnung nicht nehmen würden, hätten sie bereits einen Ersatzmieter.

Eine «alle Nachbarschaft überragende Betonwohnburg»: So wurde das Lochergut 1965 in einem Beitrag des Schweizer Fernsehens charakterisiert. Foto: Samuel Schalch

Wie war das damals, in eine ganz neue, frisch erbaute Wohnung zu ziehen?
Obrist: Ohne Probleme.

Haben Sie etwas an der Wohnung verändert oder angepasst?
Obrist: Nein, gar nichts. Ich glaube, das durfte man gar nicht. So ging das. Jahr für Jahr ging vorbei.

Zu dieser Zeit war das Haus ja noch ein wenig umstritten. Wie war das für Sie?
Gossweiler: Darf ich Ihnen meine Meinung sagen? Ich bin in Zürich geboren und habe 30 Jahre in Affoltern am Albis gewohnt. Ich habe immer gesagt: «Ins Lochergut? Nie in meinem Leben.»
Obrist: Das ist mein Lebenspartner.
Gossweiler: «In dieses Ghetto bringt man mich nicht.» Das habe ich gesagt. Und wo wohne ich heute? Ich würde nirgends sonst mehr leben wollen. (...)

Wie konnten Sie ihn überzeugen, Frau Obrist?
Gossweiler: Das war ziemlich einfach.
Obrist: Ich kann nicht Auto fahren. Bei ihm, dort, wo er gewohnt hat in Affoltern am Albis, hatte er eine super Wohnung mit riesiger Dachterrasse. Es war die oberste Wohnung. Also wunderschön. Ich habe ziemlich am Anfang zu ihm gesagt: «Das musst du wissen. Zu dir kann ich nie kommen.» Erstens hätte ich es nicht bezahlen können. Zweitens war es viel zu weit weg, um einzukaufen. Obwohl die Wohnung viel schöner gewesen wäre, gab es also diese Gründe, die er auch kannte. Dann meinte er: «Gut, dann komme ich zu dir.»

Wie würden Sie jemandem, der noch nie hier war, Ihre Wohnung beschreiben?
Obrist: Ich würde sagen: Es ist kein Luxus oder so.
Gossweiler: Nein, es ist absolut kein Luxus, aber man hat, was man braucht. Und natürlich, und das darf man auch sagen, kann man sich durch den Hauszins, den man hat, eher einmal etwas kaufen. Wenn ich 3000 Franken Hauszins zahlen müsste, könnte ich mir nicht dies und jenes kaufen. Das macht es eben auch aus. So kann man sich mal etwas leisten.
Obrist: Aber eben, was wir brauchen, das haben wir. Ich hätte schon gerne …
Gossweiler: Ich hätte gerne ein Zimmer mehr. Das wäre mein Traum gewesen.
Obrist: Ja, du hättest gerne ein Zimmer mehr, als Arbeitszimmer. So musst du alles «reinwursteln». Aber jetzt hast du dich ja daran gewöhnt.
Gossweiler: Ja, ja. Ja, ja.

Wie sieht es hier eigentlich in der ­Waschküche aus?
Obrist: Das geht super.
Gossweiler: Es ist das Paradies.

Im Lift sind mittlerweile Kameras eingebaut.
Gossweiler: Ich weiss nicht, ob die funktionieren.

Was halten Sie davon?
Gossweiler: Ja, also mich kann jeder filmen. Ich habe kein Problem, wenn mich jemand filmt.
Obrist: Ja, ich auch nicht.
Gossweiler: Ich habe nichts zu verbergen. Man hat auch noch nie etwas gehört über diese Videos.

Sie wohnen im 11. Stock. Was bedeutet Ihnen die Aussicht?
Obrist: Ja, sehr viel.
Gossweiler: Gold wert. Gold wert. Wenn es schön ist, sehen wir ja das ganze Limmattal bis in den Aargau runter, und hier auf dieser Seite sehen wir die Glarner Alpen. Was wollen Sie mehr?
Obrist: Ich könnte nirgendwo mehr ­wohnen, wo ich die nächste Hauswand anschauen müsste. Und überhaupt schätze ich diese Aussicht, und die Höhe passt mir auch ganz gut. Ich würde gar nicht ganz oben wohnen wollen. Dann ist alles so klein. In der Mitte, da ist es schön.
Gossweiler: Also, zwei Stöcke höher wäre nicht schlecht. Dann würde man den See sehen.

Was halten Sie vom äusseren ­Erscheinungsbild des Locherguts?
Obrist: Ja, es ist halt einfach so. Was will man.
Gossweiler: Ich finde es nichts Spezielles mehr. Von aussen ist es einfach ein grosses Hochhaus.
Obrist: Einfach das Lochergut. Fertig.
Gossweiler: Aber es passt in die Stadt. Und wenn wir die umliegenden Häuser anschauen … Wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir ja was für schöne Häuser.

Wenn Sie das Lochergut in einem Wort oder einem Satz beschreiben müssten, wie würde das lauten? Was genau ist das Lochergut für Sie?
Gossweiler: Ja, also, zuerst einmal: zentral. Das ist wichtig, vor allem auf das Alter hin. Ich sage jetzt sogar «wohnfreundlich». Was ich nicht wollte, wäre, hier Kinder zu haben.
Obrist: Ich auch nicht.
Gossweiler: Da muss ich ehrlich sein, da wäre es mir nicht wohl mit Kindern. Was rundherum läuft, was die Kriminalität angeht, da können weder Ihr zwei noch wir zwei etwas dafür. Wir sind halt in der Nähe der Langstrasse. Das darf man nicht vergessen. Sonst kann man nach Schwamendingen.
Obrist: Wir haben natürlich schon Glück hier in den Wohnungen. Auf unserem Stock gibt es keine kleinen Kinder mehr. Jetzt haben wir natürlich den Frieden.

Erstellt: 17.04.2019, 09:00 Uhr

Das Buch über das Lochergut

Die beiden Architektinnen Eveline ­Schneider und Raffaella Endrizzi wagen sich an eines der prägenden Zürcher Architekturprojekte: das Lochergut, gebaut 1963 bis 1966.

Kernstück ihres 220-seitigen Buches sind neben Plänen und Fotos vor allem 16 lange Gespräche. Mit heutigen und ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern, mit Künstlerinnen, Architekten und Städtebauexperten versuchen die beiden, das Lochergut erfass- und erlebbar zu ­machen. Oder wie es im Klappentext heisst: «Mit Wettbewerbseingaben, architektonischen Zeichnungen sowie Aufnahmen aus dem Stadtarchiv entsteht eine allumfassende Publikation, wie es sie über diesen Bau nicht gibt und längst überfällig ist.» (bra)

Artikel zum Thema

Der Gegenentwurf zur Europaallee

Jenseits der Bahnlinie bei der Kalkbreite war die Badenerstrasse lange Niemandsland. Nun boomt das Gebiet mit Bars, Restaurants und neuen Läden. Kommt das gut? Mehr...

Stadt hat Mietrechnung doppelt verschickt

8800 Zürcher Haushalte wurden zwei Mal aufgefordert, die Januar-Miete zu bezahlen. Die Stadt erklärt, wie das passieren konnte. Mehr...

So schmeckt das coole Südamerika

Mit dem Barranco ist die moderne peruanische Küche endlich richtig in Zürich angekommen. Die Beiz beim Bullingerplatz hält nicht nur für Karnivoren, sondern auch für Veganer viele Überraschungen bereit, Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...