Eltern sind wie Räuber, Raser und Heiratsschwindler

Wer sich überlegt, ob er Kinder haben möchte, sollte sich vor allem Gedanken machen, ob er mit Eltern zu tun haben will.

Nur weil das Kind süss ist, ist längst nicht alles ausgestanden. Bild: Getty Images

Nur weil das Kind süss ist, ist längst nicht alles ausgestanden. Bild: Getty Images

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Man stellt sich ja unendlich viele Fragen, spätestens, wenn man weiss, dass das Leben als Paar bald zu Ende sein wird. Wenn man sich bewusst wird, dass ein Kind das Leben bereichern wird. Wie wird es sein, zu dritt? (Bei Zwillingen: Wie wird es sein, zu viert? Bei Drillingen …) Wie erzieht man ein Kind? Kann ich das? Was passiert mit uns als Paar? Wie soll es heissen? Wo soll es zur Welt kommen? Kaiserschnitt? Was, wenn es nicht herzig ist?

Eltern sind – und das schreibe ich als Elternteil – die übelste Sorte Mensch nach den Räubern, Rasern und Heiratsschwindlern.

Für eine der wichtigsten Fragen – sie geht einher mit der Grundsatzfrage, ob man Kinder will oder nicht – ist es dann zu spät. Sie lautet: Will man es in Zukunft regelmässig mit Eltern zu tun haben? Eltern sind wie Räuber, Raser und Heiratsschwindler: Man sollte ihnen aus dem Weg gehen. Das führt direkt zur Erkenntnis: Das Problem mit Kindern sind die Eltern. Also wir. Also: ich. ICH!

Nein, Kinder machen keine Freundschaften kaputt. Es sind Freunde, die Eltern werden, die Freundschaften kaputt machen. Es sind die, die sagen, «ihr versteht das nicht, ihr habt eben keine Kinder». Oder die, die behaupten, Eltern würden nur einem Einzelkind wirklich gerecht. Oder die, die mitten im Satz entzückt «jadudududu» rufen, auf dem Sofa zur Seite tauchen, weil das Kind halt einfach zum Knuddeln ist.

Sitzungen beginnen mit Geplauder über morgendliche Schmuserituale. Sprachlich durchaus versierte Leute sprechen mit ihrem Kind, als sässe, liege, wippe ihnen kein Mensch gegenüber, sondern ein Idiot.

Vorher/nachher ist manchmal eindrücklich. Menschen, die bis anhin als rational galten, nennen ihre Mädchen dann «Mäuschen» oder schlimmer. Väter, die in der Kantine ungefragt Videos vom Schlitteln teilen. Frauen, die Nähe und Distanz ganz selbstverständlich im Griff hatten, stellen ungefragt Säcke voller Umstandsmode ins Büro von schwangeren Kolleginnen. Männer, die sich gern als coole Hunde inszenieren, verschicken «Die 12 besten Tipps im Umgang mit Baby» (Tipp 1: Wenn die Windeln voll sind, wechseln) oder Links zu guten Blogs (überhaupt diese Betroffenheits-/Rechtfertigungs-Blogs!). Sitzungen beginnen mit Geplauder über morgendliche Schmuserituale. Sprachlich durchaus versierte Leute sprechen mit ihrem Kind, als sässe, liege, wippe ihnen kein Mensch gegenüber, sondern ein Idiot. Selber denkende, unabhängige und reflektierte Leute zitieren permanent Kinderarzt und Bestsellerautor Remo Largo – und lassen ihr Kind dennoch die ganze Zeit bei sich im Bett schlafen.

An all jene, die sich ertappt fühlen: Ihr seid nicht allein.

Das waren noch die Eltern, zu denen man vorhin einen Bezug hatte, die man vielleicht sogar mag oder mochte. Wenn man ein Kind hat oder mehrere, trifft man spätestens auf dem Spielplatz oder in der Krippe auf diese Sorte Mensch, die einen an der Menschheit zweifeln lässt – obwohl sie offensichtlich für deren Fortbestand mitverantwortlich ist. Da ist das Paar, das in der Öffentlichkeit so streitet, dass man sich nicht vorstellen will, wie es bei denen zu Hause zugeht. Der Vater, der mit seinem Sohn Jason Helvenglisch spricht, damit auch er trilingue ist (Deutsch, Schweizerdeutsch, Englisch). Die Mutter, die ihren quengelnden Kindern zur Strafe den Zigarettenrauch ins Gesicht bläst.

Sie verstehen die ganze Aufregung nicht? Dann haben Sie wahrscheinlich keine Kinder! Lets gou, Tscheisen!

Verweis

Falls Sie finden, das ist alles übertrieben, empfehlen wir Ihnen den aktuellen «Züritipp»: Der listet die persönlichen Kinderhotspots der Redaktion auf. Die besten Kinos, die besten Museen, die besten Restaurants.

Erstellt: 18.09.2019, 16:57 Uhr

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