Er hält die Fabrik am Laufen

Wenn «die Rote» trotz des kreativen Trubels reibungslos funktioniert, ist das Hauswart Alex De la Rosa zu verdanken.

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«Backstein» steht auf dem Schild. Ganz gross in eckigen Heavy-Metal-Lettern. Das Ding steht mitten in der Garderobe der Aktionshalle zwischen Kommoden, Stühlen, aufgerollten Teppichen. «Das müssen die Künstler irgendwann noch wegräumen», sagt Alex De la Rosa. Die Unordnung scheint ihn nicht zu stören. Er hat Erfahrung mit Chaos.

Seit zwei Jahren ist er Mitglied des Hauswartteams der Roten Fabrik. Der 28-Jährige ist da, wenn etwas nicht funktioniert, etwas fehlt, wenn Fragen auftauchen. Er sorgt gemeinsam mit fünf weiteren Leuten dafür, dass alles sauber ist und sicher. «Schliesslich wollen wir nicht, dass sie uns die Bude schliessen», sagt er ernst und fügt dann mit einem Grinsen hinzu, «aber wir sind keine Polizisten. Das ist immer noch die Rote.»

Heute führt er uns durch «die Rote», die nur wenige kennen. Dahin, wo man nur gelangen kann, wenn man die richtigen Schlüssel hat. De la Rosa hat sie, und jedes Mal, wenn er mit seinem Schlüsselbund klimpert und eine Tür öffnet, tut sich dahinter eine komplette Welt auf. Wie eben der Backstage-Bereich der Aktionshalle, des grössten Bühnenraums des Areals.

«Mit den Künstlern haben wir nichts zu tun. Wir kommen immer erst, wenn die Action vorbei ist.»Alex De La Rosa

Da, wo jetzt die Sachen dieses Künstlers stehen, wartete einst Nirvana auf ihren Auftritt. Vielleicht hat sich Kurt Cobain hier noch einen Joint gedreht? Ziemlich sicher hat sich King Buzzo von The Melvins vor diesen Spiegeln seine irren Locken geföhnt. Glamourös ist es nicht. Die Duschen und Toiletten sind klein, die Räume dunkel gehalten. Rock ’n’ Roll halt. Aber sauber ist es. Dafür sorgen De La Rosa und sein Team.

Ob er denn auch schon Spezialwünsche der Musiker erfüllen musste, die hier aufgetreten sind? «Nein, mit den Künstlern haben wir nichts zu tun. Wir kommen immer erst, wenn die Action vorbei ist», sagt De la Rosa und führt uns weiter in die Räume über der Aktionshalle, jenen Bereich, in dem seit sieben Jahren keine Action mehr stattfinden darf – aus Sicherheitsgründen. Am 11. Mai 2012 ist dort ein Brand ausgebrochen, seither verzögert ein Bau­rekurs die Instandsetzung.

Noch immer sind die Decken mit Stahlstützen gesichert, es liegen Glassplitter rum, und die Scheiben sind russverschmiert. Dunkel und leer dämmern die Räume vor sich hin. Nur De la Rosa kommt ab und zu hier hoch, um in den Zimmern nach Ersatzteilen zu suchen, wie beispielsweise Neonröhren. «Etwas Positives muss das Ganze doch haben», sagt er. Es sei ein Jammer, dass dies ­alles nicht genutzt werden könne. «Die vielen Künstlerinnen und Künstler hätten günstige Ateliers dringend nötig.»

Immer wieder fragt jemand nach irgendetwas. Er hat auf alles eine Antwort, bleibt ­immer gelassen.

Wegen des Brandes kann die Stadt derzeit nur 20 der 40 Ateliers in der ­Roten Fabrik vergeben – und es scheint, als würden die Mieterinnen und Mieter ihre Räume deshalb gleich doppelt nutzen. In den teils fünf Meter hohen Zimmern haben sie Galerien eingebaut, Bühnen errichtet, Zwischenwände erstellt. Von den Decken hängen Vorhänge, Seile, Trapeze.

Dazwischen sind Leute auszumachen, die an Kostümen nähen, an Konzepten arbeiten, ihren Film schneiden, drucken, malen, werken. Sogar dort, wo gerade niemand anwesend ist, steckt Leben drin. Im grossen Proberaum über dem Clubraum im Trakt A stehen Stühle kreuz und quer, als hätten die Leute den Raum verlassen müssen, damit er nicht vor lauter kreativer Energie explodiert.

Die Rote, das ist Vielfalt statt Monotonie. Hier findet man nirgends zweimal denselben Stuhl, und selbst das grosse Sitzungszimmer hat mehr Ähnlichkeiten mit einem Gewächshaus als mit einem Arbeitsraum. Mittendrin in diesem Gewusel ist Alex De la Rosa, den alle kennen und grüssen, den immer wieder jemand nach irgendetwas fragt. Er hat auf alles eine Antwort, bleibt ­immer gelassen. «Ich finde meinen Job einfach grossartig», sagt er, «und ich glaube, dass ich auch recht gut hierherpasse.»

Erstellt: 25.06.2019, 12:32 Uhr

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