«Er hat mich einmal beim Singen in den Hals gebissen»

Die Zürcher Band «The Hillbilly Moon Explosion» hat zu ihrem 20-Jahr-Jubiläum ein ganzes Album mit der Psychobilly-Legende Sparky Philips aufgenommen. Und einiges mit ihr erlebt.

Im Bandraum ist alles anders. Sonst steht bei «The Hillbilly Moon Explosion» Sängerin Emanuela Hutter im Vorder- und Bassist Oliver Baroni im Hintergrund. Foto: Reto Oeschger

Im Bandraum ist alles anders. Sonst steht bei «The Hillbilly Moon Explosion» Sängerin Emanuela Hutter im Vorder- und Bassist Oliver Baroni im Hintergrund. Foto: Reto Oeschger

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Der Übungsraum von Musikern gilt als verruchter Kreativort. Das sollte bei der Zürcher Rockabilly-Formation «The Hillbilly Moon Explosion» nicht anders sein, so die Annahme. Schliesslich füllen sie mit ihren Rhythmen aus Boogie, Rock und Country und dem erotisch angehauchten Gesang seit 20 Jahren Säle auf der ganzen Welt. Es ist Oliver Baroni, Bassist und Mitbegründer der Band, der die Illusion in den ersten Minuten des Treffens zerstört, obwohl man es ihm mit seinem englischen Akzent kaum übelnehmen kann. Auf dem Skateboard kommt der 48-Jährige angebraust und führt hinunter in den Kellerraum einer Genossenschaft in Zürich-Wiedikon. 20 Quadratmeter Spannteppich, angenehme Luft, helles Licht, ein Schlagzeug, an einer Wand säuberlich aufgereihte (Bass-)Gitarren und Verstärker. Einzig in einer Ecke eine Vitrine mit Alkohol, sonst kaum Rock ’n’ Roll.

Einen Übungsraum stellt man sich verruchter vor.
Oliver Baroni: Wir sind eben kaum da.

Tatsächlich?
Baroni: Einem Übungsraum siehst du an, wie die Band funktioniert. Je aufgeräumter er ist, desto häufiger sind die Musiker auf Tour. Kommt dazu, dass wir äusserst faul sind.

Neun Alben und faul?
Baroni: Wir sind zu faul, um gemeinsam zu üben. Vor einer Tournee sind wir vielleicht fünfmal hier. Es hat uns übrigens auch noch niemand hier interviewt.

Sängerin Emanuela Hutter und Frau der ersten Stunde sitzt derweil auf einem der Verstärker. Die 53-Jährige zupft an den Gitarrensaiten, dazwischen schaut sie mit ihrem typisch unschuldig-lasziven Blick auf. Sie will vor dem Gespräch erst den Fototermin hinter sich bringen. Baroni stellt sich dafür hinter den Bass. Danach setzen sich der studierte Musikethno­loge und heutige Onlinejournalist und die ehemalige Lehrerin aufs Sofa.

The Hillbilly Moon Explosion ist ein Zungenbrecher.
Baroni: Der Name ist tatsächlich viel zu lang und kompliziert...
Emanuela Hutter: … sodass er auf Festivalplakaten klein geschrieben ist, auch wenn wir die Headliner sind. Entstanden ist er aus den Namen unserer vorherigen Bands: Hillbilly Headhunter von Oliver und MD Moon von mir.
Baroni: Mit dem Namen wollten wir vom guten Liveruf der beiden Bands profitieren. Das konnten wir auch.

Dachten Sie damals, dass die Band 20 Jahre Bestand haben würde?
Hutter: Ich bin projektmässig eingestiegen, dachte, nach ein, zwei Jahren mache ich wieder Solosachen. Aber es ging musikalisch immer ein Stück ­weiter.
Baroni: Das hatte ich ganz vergessen. Die Idee war tatsächlich, jede Platte in anderer Besetzung herauszubringen. Ich kam aus einer Teenieband und war gewohnt, dass solche nach einigen Jahren auseinandergehen. Ich wollte einfach weiter meine Musik machen, aber mit einer Sängerin, die nicht vom Rock ’n’ Roll kommt. Emanuela kannte ich von einer gemeinsamen Spanien-Tournee, so kam es zur Zusammenarbeit.

So klingt «The Hillbilly Moon Explosion»: Ihr Song «Call Me». Video: Youtube/Clouds Hill Group

Die hat funktioniert.
Hutter: Nach einem halben Jahr hatten wir so viele Anfragen, dass wir eine Deutschland-Tournee hätten machen können. Weil ich gerade Mutter geworden war, gingen wir drei Jahre später, spielten aber bereits an den grossen ­Festivals. Fans sind für unsere Konzerte 700 Kilometer weit gefahren.
Baroni: Damals gab es in der ganzen ­Rockabilly/Psychobilly-Ecke kaum eine Band mit einer Frontfrau.
Hutter: Respektive die Frauen, die es gab, waren eher konservativ im 50s-Stil. An manchen Festivals war ich die erste Frau auf der Bühne, wurde gefragt, ob ich eine eigene Garderobe brauche. Ich hörte aber auch oft: Endlich macht eine Frau solche Musik und kommt nicht so klischeemässig daher.
Baroni: Obwohl: Du bist schon die Vorzeigefrau. Dein Foto zählt mehr als eines von mir und dem Kontrabass.

«Irgendwann war da die Idee, das unmöglichste Rockabilly-Duett aller Zeiten zu kreieren.»

Wie viel von der Grundidee ist über die Jahre geblieben?
Baroni: Das Experimentieren für jede neue Platte. Eine Platte haben wir zwei mit Locals in Amerika aufgenommen, was dem Grundkonzept entsprach. Seit wir vor zehn Jahren zu einem französischen Label gewechselt haben, spielen wir alle Songs als Band ein (Anm. d. Red.: mit Gitarrist Duncan James und Drummer Sylvain Petite) .
Hutter: Eine Zeit lang haben wir zum Beispiel mehr loungigen Sound gemacht. Aber da hat uns auf der Bühne das Harte gefehlt.
Baroni: Als Bassist willst du manchmal einfach ins Brett fahren.
Hutter: Man traute uns anfänglich auch nicht zu, hart Eingespieltes live umsetzen zu können. Aber das können wir.

Heisst das, Sie stehen lieber auf der Bühne als im Studio?
Baroni: Ja, und nein. Auf der Bühne fühlt es sich an wie Soul Clashing. Wir sind da schon privilegiert. Es ist die unmittelbarste Form von künstlerischem Feedback. Aber Einspielen macht auch Spass, besonders dann, wenn die Basics sitzen. Dann ein bisschen Riffs drauf ganz nach dem Motto: Let’s go crazy.

Baroni geht zur Vitrine und schenkt sich einen Whiskey ein.

Baroni: Will noch jemand einen?

Nein, danke. Aber Sie sind doch ein bisschen verrucht.
Baroni: Ein bisschen schon.

Ihre Band ist weltweit bekannt, eben kommen Sie von einer Tournee aus den USA zurück. Warum kommt Ihre Musik im Ausland besser an als in der Schweiz?
Hutter: Sie kommt hier schon an, und das Publikum ist grossartig. Wir haben nur selten in der Schweiz gespielt.

Warum?
Hutter: Wir hatten das Booking in ­Frankreich, deshalb kamen aus dem Ausland mehr Anfragen. Nun wird es hoffentlich etwas anders, weil wir auch in der Schweiz einen Promoter haben. Verglichen mit vielen Schweizer Bands, gehen wir den umkehrten Weg.

Wie reagiert das amerikanische ­Publikum?
Hutter: Ihnen gefällt enorm, wie ich singe, gerade weil ich nicht aus dem Blues oder Gospel komme.
Baroni: Sie hören auf die Stimme.
Hutter: Das Exotische gefällt ihnen. Oft habe ich gehört, dass ich authentisch sei und mein Gesang sie berühre. Das freut mich und zeigt mir, dass es sich gelohnt hat, die Musik zu machen, die ich will. Dafür habe ich auf vieles verzichtet.

Zum Beispiel?
Hutter: Zeit für mich. Bin ich nicht auf Tour, bin ich für die Familie da.

Mit dem Duett «My Love for Evermore» an der Seite von Psychobilly-Legende Sparky Philips haben Sie 2011 einen Klickhit gelandet. Wie kam es dazu?
Baroni: Sparky war mein Teenager-Idol. Irgendwann war da die Idee, das unmöglichste Rockabilly-Duett aller Zeiten zu kreieren. Das Schöne war, dass er uns schon kannte.
Hutter: Sparky war total Fan von meinen Lovesongs. Also fragten wir ihn an.

Das Duett mit Sparky Philips. Video: Youtube/Renaud S

Er gilt als eher unberechenbar. Wie ist es, mit ihm zu singen?
Hutter: Wir haben uns gern, ergänzen uns. Aber er ist impulsiv. Einmal hat er mich an einem Konzert in den Hals gebissen. Und er braucht Pflege.

Das heisst?
Hutter: Ich musste ihn schon zum Socken­kauf begleiten.
Baroni: Er kann den Flieger verpassen oder das Hotelzimmer fluten. Musikalisch ist er aber professionell.

Ihre neueste Platte haben Sie ganz mit Sparky eingespielt. Warum?
Baroni: Da war dieser Demand der Fans nach mehr von Emanuela und Sparky. Sie spüren die Verbundenheit zwischen euch, einige haben sich ja den Songtext des Duetts tätowiert. Doch es ist das ­garagigste Album geworden.

Wie viel Zürich steckt noch in Ihrer Band?
Baroni: Ich habe immer in Zürich ­Musik gemacht. Mein erster Bandraum war im GZ Riesbach. Nur ein Song über Zürich fehlt noch.
Hutter: Einiges, denn ich lebe hier. Obwohl: Der einzige Hillbilly von uns vieren bin ich. Ein Landei, in Thurgauer Büezerkreisen aufgewachsen.

Hillbilly Moon Explosion, Sa, 27.4., 21 Uhr, Escherwyss, Hardstrasse 305.

Erstellt: 26.04.2019, 10:47 Uhr

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