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Er kaufte als erster einen Laser und das änderte alles

Benedikt Loser war 35 Jahre lang ein besonderer Hausarzt in Zürich: «Ein Drittel kosmetischer Schnickschnack», sagt er, «zwei Drittel allgemeine Medizin.»

Benedikt Loser gab «Zickenimpfungen», stand einmal sechs Wochen unter Polizeischutz – und wird demnächst endlich die Garage aufräumen. Fotos: Doris Fanconi
Benedikt Loser gab «Zickenimpfungen», stand einmal sechs Wochen unter Polizeischutz – und wird demnächst endlich die Garage aufräumen. Fotos: Doris Fanconi

Die erste Begrüssung ist vielversprechend. Ein halbes Dutzend goldene Katzen und unendliche ihrer Spiegelbilder winken am Empfang unendlich freundlich. Die zweite Begrüssung nüchtern. Benedikt Loser ist ein Mann ohne Alter und mit festem Händedruck. Er trägt blondierte Haare, bläuliche Brillengläser, einen knallgelben Pullover, aber keinen Arztkittel. «Bitte nehmen Sie Platz.»

Das Sprechzimmer ist, wie alle anderen Räume im «Haus der Medizin und Schönheit» auch, mit Spiegelkacheln ausgekleidet. Loser rollt mit seinem Bürostuhl neben sein Pult, schlägt die Beine übereinander und steigt ins Gespräch ein: «Der ‹Tages-Anzeiger› hat bereits einmal über mich geschrieben. Ich sähe aus wie ein Zombie», erinnert sich Loser. Und lässt das mal einen Moment so stehen.

Das war 2011, der Text handelte von einer Ausstellung über das Altern. Benedikt Loser ist jetzt 70, hat seine Praxis verkauft, arbeitet noch bis Ende Jahr jeweils freitags und samstags und schaut, dass die Übernahme dann reibungslos klappt. Per Videokonferenz schaltet er sich auch an den anderen Tagen zu, falls Doktor Dormond seinen Rat braucht.

Es ist diese Gelassenheit, die typisch ist für Loser in diesem Gespräch, in diesem Rückblick auf 35 Jahre als Hausarzt. «Zombie» – und doch hat der Mann keinen Moment lang gezögert, für ein Porträt in dieser gleichen Zeitung zuzusagen. Schickte kurz darauf via Whatsapp die Terminbestätigung sowie einen TV-Sketch über Schönheitschirurgen. Riesenimplantate! «See you».

Vor 35 Jahren übernahm Benedikt Loser die Praxis von Doktor Häcki am Waffenplatz; sie war in erbärmlichem Zustand. «Vernachlässigt, heruntergewirtschaftet, eine Sauordnung», fasst Loser zusammen. Er schloss einen Mietvertrag über zwanzig Jahre ab, kümmerte sich fortan um die Hausbesitzer «wie um die eigenen Grosseltern». Er hatte ja Zeit: Zu Beginn habe er zwei Patienten pro Tag behandelt. Am Schluss war er sieben Tage die Woche in der Praxis, den ersten Termin vergab er um 6 Uhr, am Abend war Open End. Mittag machte er nie, er wollte schliesslich schlank bleiben. Daneben hat er «selbstverständlich» noch Familie, ist seit 30 Jahren verheiratet, hat einen Sohn. Und er besitzt ein Reisebüro.

Eine Praxis, sagt Loser, sei der einzige Weg für ihn gewesen. Er hatte sich zuvor an mehreren Spitälern abgemüht. Mit der Bürokratie, mit der Hierarchie, mit Strukturen, die ihn eingeengt hätten. Besser gefielen ihm die Praxisvertretungen, die er in der ganzen Schweiz gemacht hat, «selber managen, das wollte ich. Ich wusste alles besser und konnte alles besser. Ich war jung.»

Er ist auch noch Psychiater

Ende der 90er-Jahre fand er dann zu seinem «Hobby», wie er es nennt. Damals kamen die Ultraschallgeräte auf, unter den Hausärzten im Quartier herrschte schnell Einigkeit, dass nicht alle ein solches Gerät anschaffen müssten. Loser kaufte sich stattdessen einen Laser, es war einer der Ersten in der Stadt. Sein Hobby baute er noch etwas aus, er spritzt Filler und Botox, er zieht Fäden unter die Haut, um diese zu straffen, und er lasert Haare weg, Hautunreinheiten und Veränderungen ebenso. «Ein Drittel kosmetischer Schnickschnack», sagt Loser, «zwei Drittel allgemeine Medizin.»

Die Art, wie Benedikt Loser spricht, passt nicht richtig zum Rest. Zum knalligen Pullover, zu den alten Swissair-Sitzen in den Wart- und Behandlungszimmern, zu all dem Schnickschnack in der Praxis, der sich bereits im Lift ankündigt. Loser spricht ruhig und nüchtern, am Telefon baut er sofort Vertrauen auf: Man stellt sich einen erfahrenen, grauhaarigen Hausarzt vor.

«Ich habe Krankheiten gesehen, die andere bloss noch aus dem Lehrbuch kennen»: Benedikt Loser geht in Pension.
«Ich habe Krankheiten gesehen, die andere bloss noch aus dem Lehrbuch kennen»: Benedikt Loser geht in Pension.

Das ist Loser eigentlich auch, wenn er aus seinem Leben als Quartierarzt, diesem «Auslaufmodell», erzählt. Da ist nichts schrill und knallig. Im Gegenteil. Das beginnt bei der Anamnese der Gesellschaft: «Viele sind psychisch auffällig.» Als Hausarzt werde man immer mehr auch zum Psychiater. Zumal, wenn man, wie Loser, keine Berührungsängste kennt. «Krasse Geschichten und Dramen» habe er mitbekommen, sagt Loser regungslos.

Er meldete sich in den 90er-Jahren während des Jugoslawienkrieges als Asylarzt. Schlimm sei das gewesen, in welchem Zustand die Menschen bei uns angekommen seien, gesundheitlich, hygienisch, psychisch. «Ich habe Krankheiten gesehen, die andere bloss noch aus dem Lehrbuch kennen.» Er nahm sich unbequemer Patienten an, und er pflegte immer eine deutliche Sprache, machte sich damit manchmal unbeliebt. Das reichte bis hin zu Morddrohungen. Einfach dahergeredete, ernst zu nehmende – und drastische: Während sechs Wochen stand Loser unter Polizeischutz, die Kantonspolizisten begleiteten ihn jeden Abend auf einem anderen Weg nach Hause.

Das sei ein Teil der Arbeit, sagt Loser, «aber da gibt es natürlich auch recht erheiternde Momente». Etwa, als ein Patient eine Zeckenimpfung wünschte, aber von der «Zickenimpfung» sprach. Oder als Loser einem Walliser Bauern riet, seiner Leber zuliebe nicht mehr so viel Alkohol zu trinken. «Ich trinke nie Alkohol», antwortete der, «nur Wein aus dem eigenen Rebberg.»

Dreissig Jahre zu früh geboren

Seine Diagnose der Welt da draussen ist denn auch keine bittere. Im Gegenteil: Die Gesellschaft werde lockerer, sagt Loser, der auch nichts Schlechtes daran finden kann, dass die Leute vor ihm schon das Internet nach einer Diagnose gefragt haben. «Wir werden freier und sozialer, heute gibt es viel mehr Leben.» Das bringe am Anfang das eine oder andere Problem mit sich, kulturelle Differenzen, die im dümmsten Fall bedeuten, dass Doktor Loser eine Zeit lang unter Polizeischutz nach Hause muss. Für ihn ist das eigentlich ein weiteres Zeichen, dass er «dreissig Jahre zu früh geboren wurde».

Es werde ihm nicht langweilig ohne Praxis, verspricht er: Er will herumfliegen, sich verstärkt den Mineralien widmen und daraus Schmuck fertigen. Und er will endlich seine Garage aufräumen.

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