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Es geht nicht immer vorwärts

Wohin führt diese Rolltreppe? Diese Frage stellt das Bild von Fabienne Andreoli. Wir haben darauf eine ebenso endlose wie verstörende Antwort gefunden.

Taucht wieder auf, wer hier abtaucht? Rolltreppe und -fahrerin im Hauptbahnhof Zürich. Foto: Fabienne Andreoli
Taucht wieder auf, wer hier abtaucht? Rolltreppe und -fahrerin im Hauptbahnhof Zürich. Foto: Fabienne Andreoli

Das Konzept der reversiblen Reaktion: In der Chemie wurde es 1803 von ­Claude Louis Berthollet etabliert. Er beobachtete, wie sich an den Rändern eines ­Salzsees in Ägypten Natriumkarbonat-Kristalle bildeten, also Soda. Bis zu ­diesem Zeitpunkt ging man davon aus, dass chemische Reaktionen immer nur in eine Richtung ablaufen.

Obwohl wir wissen, dass es auch in die andere Richtung geht – meistens sind es doch Journalisten, die einen Fotoauftrag erteilen. Dieses neue Gefäss soll die Umkehrreaktion in der Zeitung fördern. Unsere Fotografinnen und Fotografen erteilen uns Journalisten einen Schreibauftrag. Die Frage also zur ersten Ausgabe der Serie «Umkehrreaktion»: Was passiert, wenn man einen Prozess einfach umdreht?

Es geht bei einem Experiment immer auch darum, unsere Fantasie und unser Vorstellungsvermögen ein bisschen ­herauszufordern. Hierzu ein sanfter Einstieg aus dem Alltag: die Rolltreppe, die nicht rollt.

Komplett verkehrte Welt

Weil sie, Variante 1, von neuerem Produktionsdatum ist und ohne Fahrgäste keine Motivation findet, zu fahren. Da macht man einen zaghaften Schritt drauf und wundert sich ob der sanften Beschleunigung. Führt die Rolltreppe nach unten, irritiert das Gefühl viel stärker, als wenn man beim Betreten der stillstehenden Treppe von unten nach oben schaut.

Weil sie, Variante 2, älterer Bauart ist und wieder einmal defekt. Selbst wenn wir realisieren, dass die Treppe nicht rollt und das auch so angeschrieben ist, oder wenn die Metallstufen erst gar nicht Fahrt aufnehmen wollen, fühlt es sich komisch an. Man muss sich überwinden, einen Schritt zu tun. Es ist, als würde einen eine unsichtbare Kraft ­zurückhalten, als hätten wir Magnete an unseren Füssen. Stehen wir auf Rolltreppen, haben wir offenbar tief in uns eine beinahe instinktive Erwartungshaltung. Und es braucht – oder bräuchte – mehr als einmal Runter- und wieder Hochlaufen, um das komische Gefühl hinter sich zu lassen. Und so steigen wir die Treppe hoch oder runter, und es stimmt ganz viel nicht.

Die Welt befände sich in einem Loop. Endlos.

Eine Umkehrreaktion ist das natürlich noch nicht – aber ein Einstieg, ein Heranführen an dieselbige. Gerade so, als würde die Rolltreppe langsam langsamer werden. Nun also fordern wir unsere Vorstellung noch einen Schritt weiter heraus. Das Schwierigste dabei: Wir bewegen uns durch den Hauptbahnhof. Aber nicht vorwärts. Rückwärts, denn um Punkt 12 Uhr erklingt dort jeweils der Gong. Nicht die Zeit, aber alles andere legt den Rückwärtsgang ein. Die junge Frau auf dem Bild, die im Shop-Ville unten ihren Plänen nachgehen wollte, wird ausgebremst. Die Umkehr setzt gerade ein, als sie schon fast unten ist. Die Rolltreppe zieht sie wieder hoch in die Oberwelt.

Etwas beängstigend ist die Vorstellung, dass an diese Rolltreppe, die unter die Innenstadt Zürichs führt, die ganze Welt gekoppelt ist, inklusive der Zeit. Wir sässen mit tiefen Augenringen am Schaltpult und bewegten unmotiviert den einen Schalter. Hoch, runter und wieder hoch. Manchmal wäre der Richtungswechsel ganz sanft, dann mal wieder ruppig. Jedenfalls befände sich die Welt in einem Loop. Endlos. Wissenschaftler würden sich die Köpfe über die Ursache zerbrechen. An eine Rolltreppe am Ursprung der Endlosschlaufe würde niemand denken. Ausser der Frau, die da rauf- und runterfährt. Sie steht da, als wären ihre Füsse magnetisch.

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