Es ist wieder Kunstsaison

Auf dem Tessinerplatz beim Bahnhof Enge steht ein Jägerhochsitz. Was soll der da? Irritieren, sagt dessen Erschaffer Nicolas Vionnet. 

Wie kam der da hoch? Nicolas Vionnet auf seinem «Raubzeug» beim Bahnhof Enge. Foto: Andrea Zahler

Wie kam der da hoch? Nicolas Vionnet auf seinem «Raubzeug» beim Bahnhof Enge. Foto: Andrea Zahler

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Steht man auf dem Tessinerplatz vor dem Jägerhochsitz, knapp fünf Meter hoch und vielleicht 250 Kilogramm schwer, muss man ein bisschen lachen. Kurz nur, und nachdem man aufgehört hat, weiss man gar nicht mehr, warum man es überhaupt musste. Weil der Hochsitz gegenüber dem Bahnhof Enge ein überraschender Fremdkörper ist, vielleicht dem Wald entlehnt und vom Jäger geborgt?

Nach etwas längerer Betrachtung wirkt er gar nicht mehr so fremd. An seinen Sockeln lehnen Fahrräder, und aus dem hölzernen Gehäuse dringen die allgegenwärtigen Swisscom-Klingel- und Whatsapp-Benachrichtigungstöne. Manchmal auch ein Aufmerksamkeit heischendes Pfeifen, wie es Bauarbeiter oder Autofahrer machen, die dafür extra die Scheibe runterlassen. Der Hochsitz ist bestens ins städtische Umfeld integriert. Er gehört hierher.

Kleine Reviere, aber keine Leiter

Seit Ende Mai steht er da. Im Rahmen der Ausstellung «Gasträume 2019 – Temporäre Kunstinterventionen im öffentlichen Raum von Zürich» ist der Hochsitz eine von insgesamt 17 Installationen in der Stadt Zürich. Noch bis September sind sie auf verschiedenen öffentlichen Plätzen zu sehen. 

Der Künstler Nicolas Vionnet ist der Erschaffer von «Raubzeug», wie er den Hochsitz betitelt. Über seine Galerie Widmertheodoridis in Eschlikon hat er sich für die Teilnahme an der Kunstausstellung beworben. Der Tessinerplatz war sein bevorzugter Ort. Die Platanen auf dem Platz schienen Vionnet eine gute Umgebung für den Hochsitz, das Muster am Boden erinnerte ihn an abgetrennte Bereiche, kleine Reviere. Der Kontrast zum geschwungenen Bahnhofsgebäude gegenüber gefiel ihm.

In der Jägersprache bedeutet Raubzeug «alle Tiere, die selber nicht zum Wild zählen, die aber Nutzwild töten oder beeinträchtigen». Vionnet gibt die Definition von Wikipedia auswendig wieder. Unter Raubzeug versteht er auch den Menschen. Und das ist seine erste Antwort auf die Frage, warum jetzt mitten in der Stadt ein Jägerhochsitz steht. «Der Mensch ist selber eine Art Tier, obwohl er sich als zivilisiert sieht», sagt Vionnet. Diesen Widerspruch hat er in sein Kunstobjekt einfliessen lassen. Die alltäglichen, also zivilisierten Stadtgeräusche, die regelmässig aus dem Hochstand ertönen, stammen von einer installierten Audioanlage. Betrieben wird sie über eine Batterie, die sich durch die Solarzellen auf dem Dach auflädt. Viel technische Finesse auf einem scheinbar naturbelassenen Holzturm.

Vionnet hat extra eine Leiter mitgenommen, um auf den Hochsitz zu steigen und den Blick von oben zu ermöglichen. Eine Leiter aus Holz hätte eigentlich zu seiner Installation dazugehört, sagt er. Er musste sie weglassen. Zu gefährlich, weil Passanten sich dazu verleitet fühlen könnten, hochzusteigen, und womöglich aus Versehen die Stromleitung berühren würden. Und ursprünglich hätte der Sitz noch höher sein sollen. Das ging wegen des Baumes nicht, der gleich nebenan steht.

Hochsitz bleibt Hochsitz

«Nicht schlimm», sagt Vionnet. Die behördlichen Einschränkungen wirken wie eine Erweiterung seiner Kunst, die er als «irritierend und integrierend» versteht – ein leiser Kompromiss klingt da an. Irritierend, weil Vionnet oft etwas an einen Ort setzt, an dem es stört. Integrierend, weil seine Kunst nicht sofort als Kunst erkennbar ist. Ein Jägerhochsitz ist ein Jägerhochsitz. Auch auf dem Tessinerplatz. Hier soll er die Passanten und Passantinnen überraschen und erfreuen – das ist Vionnets zweite Antwort auf die Frage, was der Hochsitz bewirken soll. «Wir alle gehen oft mit geschlossenen Augen durch die Welt», sagt Vionnet. Gerade in der Stadt. Wenn die Leute kurz interessiert stehen bleiben und verwundert nach oben sehen, habe sich seine Absicht erfüllt.

Einige zücken beim Vorbeigehen tatsächlich ihr Handy, manche bleiben wirklich stehen, als sie Vionnet auf dem Sitz sehen. Hier oben wird man zum Beobachter, zum Späher. Man bekommt viel Macht zugestanden. Von hier oben erinnern Menschen an emsige Tiere, die sich unterschiedlich schnell und auf unterschiedliche Weise fortbewegen. Dann pfeift es aus dem Holzhäuschen, eine Frau schaut irritiert hoch. Sie muss kurz lachen.

Erstellt: 10.07.2019, 20:30 Uhr

Künstler und Lehrer

Nicolas Vionnet, 1976 in Basel geboren, hat seine Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel sowie der Bauhaus-Universität Weimar absolviert. Vionnet beschäftigt sich mit Malerei, Installation und Konzeptkunst. Im Weimarhallenpark in Weimar etwa hat er eine künstlich angelegte Raseninsel geschaffen. 2012 präsentierte er an der 3. Biennale für Junge Kunst in Moskau grossflächige, künstlich eingefärbte Grünflächen. Dafür verwendeten er und sein Künstlerkollege Wouter Sibum aus Rotterdam ein spezielles Kreidepigment. Vionnet lebt mit seiner Familie im Raum Zürich. Neben seiner Tätigkeit als Künstler unterrichtet er das Fach Bildnerische Gestaltung an einem Zürcher Gymnasium. (slm) www.nicolasvionnet.ch

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