Es weht ein herrlicher Geist

Die Olympischen Winterspiele interessierten mich nicht mal am Rand. Bis ein Kinderbuch meinen Sportsgeist auftaute: Ich muss jetzt Wintersport schauen!

Ob Eiskunstlauf, Skilift- oder Abfahrtsskifahren: Sport ist herrlich! Sei es in Ole Könneckes Kinderbuch oder während Olympia am TV.

Ob Eiskunstlauf, Skilift- oder Abfahrtsskifahren: Sport ist herrlich! Sei es in Ole Könneckes Kinderbuch oder während Olympia am TV. Bild: Illustrationen: PD

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Stell dir vor, es ist Olympia, und kein Mensch interessiert sich dafür. Kein Mensch bin ich. Mein Interesse am Wintersport ist mit den Jahren verblichen. Irgendwann war es weg. Ich habe noch ein Paar Ski im Keller, das wärs dann.

Seit Freitag um 14.09 Uhr brennt das Feuer der Olympischen Winterspiele. Sie finden in Südkorea statt, in einer Ortschaft mit Namen Pyeongchang. Das Wort musste ich beim Internationalen Olympischen Komitee (IOK) von der Internetseite kopieren, man kann sich das ja nicht merken. Es heisst übersetzt «Friede und Gedeihen» (Wikipedia). In Pyeongchang ist es momentan saukalt. Das passt: Mein Wintersportherz war jahrelang tiefgefroren.

Der Hund blocht die Piste hinunter wie ein Tier

Vor einer guten Woche, etwa 23 Minuten nach 12 Uhr, pöpperlete mein Wintersportherz plötzlich wieder. Reissendes Geschenkpapier liess meine Tiefkühltruhe der Emotionen einen Spalt breit aufspringen. «Skifahren ist ein herrlicher Sport», steht in Ole Könneckes «Sport ist herrlich». Der Hund blocht die Piste hinunter wie ein Tier, ein anderes Tier zwängt sich durch die Slalomstangen. Dann Eiskunstlauf, Eishockey oder Skispringen. Alles herrliche Wintersportarten, zeigt uns der deutsche Kinderbuchillustrator, der eines versteht: dass ihn Kinder und Erwachsene gleichermassen lieben. Weil die Tiere allerhand Sport treiben – und die Sprache dazu einen subtilen Witz transportiert.

Das Gefühl war so lange nicht mehr da, dass ich es zuerst nicht zu deuten wusste. Anfang der 90er-Jahre war ich ein begeisterter Wintersportfan. Mehr als nur interessiert, ich war passioniert. Ich dachte und redete in Sachen Wintersport ausschliesslich in Ausrufezeichen.

Alle herrlichen Wintersportarten zeigt uns der deutsche Kinderbuchillustrator Ole Könnecke.

Zum Beispiel Skispringen! Oder Bobfahren! Wie sie da diesen Kanal herunterschiessen, links, rechts, links, doppellinks! Die brauchen uhuere Gefühl in den Händen, um so ein Geschoss präzise wie ein Schweizer Automatikuhrwerk ins Tal zu pilotieren! Herrlich! Oder Eishockey! Wie Schach auf Eis, einfach simpel! Den Check fertigmachen! Mit dem Buebetrickli den Gegner mattsetzen. Herrlich!

Skifahren sowieso! Wenn die Schweizer noch schön zueche kamen. Herrlich! Curling auch! Allein diese Eleganz, wenn sie angleiten! Die Augen zusammengekniffen, das Spiel lesend, die Konzentration auf den Punkt und den Stein auf den Weg bringen, ihm einen leichten Dreh geben und dann mit dem Besen wischen! Ins Haus, aus dem Haus, aus dem Häuschen! Herrlich!

Mit Olympia kam der Fernseher

So also dachte ich Wintersport. Und dann kam der Winter 1994. Winterspiele in Lillehammer. Olympia machte alles nur noch intensiver. Setzte noch ein Ausrufezeichen drauf. Lillehammer 1994!! Norwegen!! Herrliche Spiele!! Der olympische Geist!! Über allem der olympische Geist!! Herrlich!!

Die Spiele führten in unserem Haus zu einem Umbruch. Ich feierte während der Spiele meinen 15. Geburtstag, und das schönste Geschenk gab es schon einige Woche zuvor. Die Winterspiele in Lillehammer waren der Grund, weshalb sich unsere Familie einen Fernseher anschaffte. Wir fuhren an einem schulfreien Nachmittag zu Eschenmoser und kauften uns eine mittelgrosse Kiste. Zu Hause sah das Ding dann viel grösser aus als im Laden. «Viel zu gross», sagte die Mutter. «Viel zu teuer!», rief der Vater, als er nach Feierabend im neuen Fernsehzimmer stand.

Wir sahen, wie Franz Heinzer in seinem Käseanzug dumm aus der Wäsche schaute.

Von Binge Watching war damals noch nicht die Rede. Auch wenn wir genau das machten. Nach der Schule schnurstracks nach Hause, vor die Kiste, Sport à gogo. Wir sahen, wie ein Hippolyt Kempf nordisch kombinierte. Sein ungewöhnlicher Name brannte sich in mein Gedächtnis ein (nicht so sein dritter Platz im Teamwettbewerb, da musste Wikipedia auf die Sprünge helfen). Wie Vreni Schneider die Goldmedaille gewann. Wie Urs Kälin im Riesen Zweiter wurde. Wie Franz Heinzer in seinem Käseanzug dumm aus der Wäsche schaute: Ihm war beim Start der Abfahrt der rechte Ski abhandengekommen. Wie Sonny Schönbächler in der «Trendsportart» Freestyle über die irre Schanze katapultiert wurde und im Flug noch allerlei Kunststücke vollführte. Wie Gusti Weder im Zweier (Gold) und im Vierer (Silber) olympisches Edelmetall holte. Olympisches Edelmetall!

Platz vier muss das Ziel sein

Jetzt blättere ich durch dieses Kinderbuch. Ich und der Wintersport, wir sollten es noch einmal miteinander probieren. Wie diese Eichhörnchen Ski springen, das sollte ich mir vielleicht mal in echt ansehen (am Montag um 13.50 Uhr springen die Frauen auf der Normalschanze). Oder die Abfahrt der Männer morgen in einer Woche morgens um drei, da haben wir schliesslich Medaillenchancen. Ich überlege mir sogar, in zwei Wochen um 13 Uhr einen Anlauf in Sachen Eishockey zu nehmen.

«Eishockey ist ein herrlicher, aber auch ziemlich ruppiger Sport», schreibt Ole Könnecke unter den Wolf, der sich in seine Ausrüstung zwängt. «Traurig, aber wahr: Manchmal prügeln sich die Eishockeyspieler. Wie gut, dass es beim Eishockey gleich vier Schiedsrichter gibt.» So eine Prügelei ist doch eine herrliche Sache. Spiel um Platz drei, Bronze, immerhin. 1994 schafften es die Schweizer nicht nach Lillehammer, dieses Jahr könnte der vierte Platz drinliegen, finde ich. Wäre doch herrlich!

Ole Könnecke: Sport ist herrlich. Bilderbuch. Carl-Hanser-Verlag, München 2017, 52 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 07:38 Uhr

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