«Frauen werden nicht als Fussballfans wahrgenommen»

Sie gelten als Exotinnen in der Fussballwelt: die weiblichen Fans. Dabei wollten sie vor allem als selbstverständlich wahrgenommen werden, sagt Antje Grabenhorst.

«Fussball ist mein Leben, es ist meine Religion» – Trailer zur Wanderausstellung «Fan.Tastic Females» über weibliche Fussballfans in Europa.


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Frau Grabenhorst, Sie haben eine Wanderausstellung über weibliche Fussballfans in Europa kuratiert. Weshalb dieses Thema?
Die Idee ist vor neun Jahren auf dem europäischen Fankongress der Football Supporters Europe (FSE) entstanden. In einem Workshop wurde darüber gesprochen, was es heisst, als Frauen in der Fanszene zu sein. Viele berichteten von Sexismus, Ausschluss aus den Fanclubs oder dummen Sprüchen. Doch wurde da auch immer wieder der Wunsch geäussert, als weiblicher Fussballfan für selbstverständlich wahrgenommen zu werden. 2016 hat ein Projektteam diese Gedanken erneut aufgenommen. Im Zentrum steht die Idee, weibliche Fankultur in seiner Diversität zugänglich und sichtbar machen. Wir sind genauso Fans.

Werden weibliche Fans anders betrachtet als männliche?
Ja, Frauen werden oftmals gar nicht als Fans wahrgenommen. So werden beispielsweise Fachfragen nicht an sie, sondern an die Männer gestellt. Man traut ihnen nicht zu, eine Ahnung zu haben. Auch berichten viele von «Bullshit-Fragen»: Beispielsweise, ob sie denn die Spielregeln auch wirklich kennen würden, weshalb sie hier seien oder wo denn ihr Freund sei.

Haben weibliche Fans andere Bedürfnisse?
Nein, im Grunde sind alle Fans gleich. Einzig beim Wunsch nach sanitären Anlagen gibt es Unterschiede. Wir Frauen können uns nun mal nicht einfach an einen Baum stellen und uns erleichtern.

Sie selbst sind Werder-Fan – ein Club, der viele Frauen anzieht. Was macht Bremen richtig?
Einerseits hat es damit zu tun, dass Bremen als ehemalige Hansestadt weltoffen ist. Aber auch damit, dass der Verein sich Inklusion auf die Fahne geschrieben hat sowie sich aktiv gegen Diskriminierung positioniert. Doch auch hier ist nicht alles rosig: So machen beispielsweise immer noch Bierhalter mit sexistischen Sprüchen die Runde.

Was müssten Clubs ändern, um den weiblichen Fans gerechter zu werden?
Da gibt es viele Kleinigkeiten: Es wäre schön, wenn auch einmal Frauen in der Werbung platziert oder für sie nicht nur rosafarbene Merchandise produziert würde. Zudem ist es auch wichtig, dass die Clubs sich gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus positionieren und allfällige Vorfälle verurteilen. Dazu gehört, dass man den Ordnungsdienst für dieses Thema sensibilisiert. Auch wäre es wünschenswert, dass Frauen innerhalb der Clubs vermehrt Führungspositionen erhalten.

In der Ausstellung zeigen sie Mini-Porträts von Fanfrauen.
Ja, wir haben mit über 90 Frauen aus 21 Ländern gesprochen. Von der 14-jährigen Ultra bis zur 94-jährigen schottischen Dauerbesucherin ist alles dabei. Daneben zeigen wir auch Spielerfrauen oder solche, die Führungspositionen in der Uefa innehaben. Sie alle verbindet, dass sie das Fussballstadion als ihr Zuhause sehen.

Welche Geschichten haben Sie besonders berührt?
Während der einjährigen Produktion habe ich kein langweiliges Interview geführt. Besonders überrascht haben mich Erzählungen, die meinem Stereotyp nicht entsprochen haben. So habe ich beispielsweise in der Türkei Frauen getroffen, die bei den Ultras super involviert waren. Dagegen mussten weibliche Fans in Schweden eine eigene Frauenfussballfangruppe gründen, da sie zu den Ultras keinen Zugang erhielten. Und dann sind mir auch die Extrembeispiele geblieben wie jenes einer Vorsängerin in den USA, die bei jedem Match zuvorderst am Zaun steht.

Weshalb haben Sie sich für einen multimedialen Schwerpunkt mittels Videoporträts entschieden?
Wir hatten den Anspruch, eine Ausstellung zu gestalten, die gut transportierbar ist und so auch für wenig Geld an einem neuen Standort aufgestellt werden kann. Damit ermöglichen wir es den Fangruppen, «Fan.Tastic Females» zu sich zu holen. Mit der QR-Code-Technik können die Videos auf dem Smartphone gelesen werden, was es zudem ermöglicht, die Clips auch zu Hause nochmals anzuschauen.

Und wie haben die Männer auf die Ausstellung reagiert?
Ich habe oft gehört, dass sie überrascht sind, dass es so viele Frauen gibt, die sich für Fussball begeistern. Auch konnten einige zum ersten Mal nachvollziehen, wie herausfordernd es für Frauen sein kann, zu einem Spiel zu gehen. Doch ich möchte dieses Interview mit einem Blick auf die Frauen beenden: Mir ist wichtig, dass sie sich in der Ausstellung repräsentiert fühlen und sie da Vorbildern begegnen können, die zuvor vielleicht gefehlt haben.

Die Wanderausstellung ist noch bis zum 17.Februar beim «Park Platz» in Zürich zu finden. Mi-Fr, 16-21 Uhr; Sa, So, 13-21 Uhr; Kopfhörer und Smartphone/Tablet mitnehmen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.02.2019, 18:13 Uhr

Antje Grabenhorst

Die Kunst- und Medienwissenschaftlerin (29) hat die Ausstellung mitkonzipiert. In ihrer Freizeit engagiert sie sich in der Fanszene des SV Werder Bremer. (Bild: PD/Laura Kaufmann)

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