Für seine Geräte duscht er kalt

Synthie-Nerd Valentin Bächi alias Micro Soul lebt ohne Internet und PC – dafür träumt er analoge Arrangements, die sich anfühlen wie ein heisses Bad nach dem Winterspaziergang.

Andere haben Kinder, er hat Synthesizer: Valentin Bächi inmitten seiner liebsten technischen Gerätschaften. Foto: Fabienne Andreoli

Andere haben Kinder, er hat Synthesizer: Valentin Bächi inmitten seiner liebsten technischen Gerätschaften. Foto: Fabienne Andreoli

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Es gibt Dinge, die üben auf uns Normalbürger gerade darum eine immense Faszination aus, weil wir sie kaum je zu Gesicht bekommen. Der Kiwi, Neuseelands flugunfähiger Nationalvogel, ist ein Paradebeispiel hierfür. Ein anderes ist die humane Spezies des Nerds. Keine Frage, Karikaturen davon begegnet man rege, sei es in Comics, Magazinen oder Sitcoms, «Big Bang Theory» ist gar randvoll davon. Doch haben Sie je einen in echt gesehen? Eben!

Allein schon deshalb, werte Leserinnen und Leser, lohnt sich die vor Ihnen liegende Lektüre: Hier lernen Sie nämlich einen solchen Nerd kennen – und sollte er Ihnen bis am Ende des Textes ans Herz gewachsen sein (wovon wir eigentlich ausgehen), können Sie ihn morgen Abend in Zürich live auf der Bühne erleben!

Da stiftet es sicher Sinn, den Begriff erst mal per Wikipedia zu definieren: «Positiv betrachtet ist ein Nerd ein Individualist, der durch Besitz hinreichender Fachkenntnisse einen entsprechenden Grad an gesellschaftlicher Anerkennung innerhalb der jeweiligen Szene aufweist.» Alles klar. Und irgendwie auch nicht, weil diesem akademischen Geschwurbel alles Emotionale gänzlich abgeht. Wie wärs deshalb damit: «Ich lebe enthaltsam, zum Beispiel dusche ich nur kalt, um den Organismus zu stärken. Kranksein kann ich mir finanziell nicht leisten, andernfalls könnte ich die Arztrechnungen meiner Synthesizer nicht mehr bezahlen.»

Kreative Faulheit

Diese Bemerkung macht Valentin Bächi etwa in der Hälfte unseres Gesprächs. Er sagt das ohne Gehabe, meint das ohne Ironie. Genauso wie er davor absolut ernsthaft erzählt hat, dass er auf Anraten aus dem Freundeskreis vor gut zwei Jahren erstmals einen Computer kaufte, dieser aber noch immer unausgepackt in der Stube stehe. «Natürlich weiss ich, dass Internetzugang wichtig wäre, oder dass ich mit dem Mac meine Sounds einfacher aufnehmen und arrangieren könnte als mit dem alten Mini-Disc», aber offensichtlich tauge er einfach nicht zum «Mausiker», wie ein Kollege die Gilde der Computermusiker augenzwinkernd nenne. «Um ehrlich zu sein: Ich war bislang schlicht zu faul, um mich ernsthaft damit zu beschäftigen, ich nutze die Zeit viel lieber, um kreativ mit den Soundgrätli rumzutüfteln.»


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Über diese analogen Synthies, Drum-Maschinen und Vocoder der Marken Fender Rhodes, Korg, Moog, Oberheim oder Roland, die bisweilen älter sind als er selbst, redet der 43-jährige Zürcher so, wie andere Menschen über ihre Kinder reden. Indem er etwa sein freudiges Erstaunen über eine unlängst entdeckte Fähigkeit des einen Instruments zum Ausdruck bringt. Oder sich über die Macken eines anderen mokiert. Beinahe ergriffen vom Soul der Klänge schwärmt. Und schliesslich en detail schildert, wie er mitten in der Nacht aufwacht und sich dann schlaftrunken an eines der «Örgeli» setzt, um die Melodie, die er eben geträumt hat, als Fragment und spätere Erinnerungsstütze einzuspielen und aufzunehmen. «Und das passiert mir im Fall erstaunlich oft.»

Kecke Störmanöver

Trotz dieser nächtlichen «Eskapaden» scheint Valentin Bächi genügend guten Schlaf zu bekommen. Ansonsten würde er kaum diese beinahe «yogische» und doch eigenartig erquickende Ruhe ausstrahlen. Die auch sein musikalisches Schaffen dominiert.

Ein Schaffen, das nun nach langer, langer Zeit wieder mal in ein wunderbares Album gemündet ist. Es heisst «Electreposité», und wie bei früheren Micro-Soul-Werken kann man auch die neuen neun Stücke nicht in diese oder jene gängige Stilschublade versorgen. Ambient? Chillout? Downbeat? Trip Hop? Alles da. Doch in diese Feelgood-Entschleunigung sind immer wieder kecke (und ja, nerdige!) akustische Ablenkungsmanöver eingearbeitet; sie erinnern an oldskoolige Game-Konsolengeräusche, an spooky Psychothrillersounds, an Botschaften einer extraterrestrischen Art.

Oder, um es mit einem Bild zu versuchen: Diese Musik fühlt sich an, wie wenn man sich nach einem frostigen Winterspaziergang in die heisse Badewanne legt?. . . und just in dem Moment, in dem man im wohligen Wasser einzudösen beginnt, dreht das Plastikentchen mal rasch durch und beginnt wie blöd zu spritzen und zu quaken.

Micro Soul, Plattentaufe, morgen, 20 Uhr, Helsinki Klub, Geroldstrasse 35. «Electreposité» (Nice Try Records 2018) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2018, 23:01 Uhr

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