Für sie gehen Männer die Wand hoch

Andréanne Quintal hat nicht nur das Trampolin im Griff. Die kanadische Artistin coacht derzeit die Fratelli Errani im Circus Knie – und sagt ihnen auch, wenn sie einen Trick lieber sein lassen sollten.

Von der Fünf-Meter-Trampolinwand lassen sich die Akrobaten im Zirkus Knie fallen und wagen gefährliche Sprünge. Die Choreografin und Artistin Andréanne Quintal erklärt, wie das geht. Video: Lea Blum

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In rasantem Tempo lassen sich die sechs Artisten nacheinander rückwärts aufs Trampolin fallen, um dann an einer Wand aus Plexiglas und Stahl hochzulaufen und in einer der eingebauten Fensteröffnungen zu verschwinden. Oder auf dem Dach der durchsichtigen Hauskon­struktion zu landen. Sie springen runter und wieder rauf, drehen sie sich um ihre Körperachsen, alle aufs Mal. Für den Laien ein gefährliches Durcheinander. Für die Fratelli Errani vom Circus Knie und ihre drei kanadischen Artistenkollegen vom Spicy Circus ist das, was sie in der Trampolinhalle Bounce Lab in Rüti gerade einstudieren, ein auf die Sekunde durchchoreografierter Kraftakt.

Der Kraftakt trägt die Handschrift der kanadischen Trampolinartistin Andréanne Quintal. Vom Boden aus dirigiert sie die Männer abwechselnd auf français québécois und auf Englisch. Sie wirkt ­geerdet, unprätentiös, natürlich. Nicht einmal das Fotoshooting bringt sie vor einen Spiegel. Und sie ist zufrieden mit ihrer Truppe. «Die Brüder legen eine gesunde Rivalität an den Tag und spornen einander zu Höchstleistungen an», sagt Coach Andréanne, wie sie in der Trainingshalle alle nennen. Die Bewunderung scheint gegenseitig. «Sie ist wunderbar!», schwärmt Maycol Errani. «Es ist das erste Mal in unserer Karriere, dass wir mit einer anderen Artistengruppe zusammenarbeiten», sagt Guido Errani, «und wir sind stolz darauf, dass es die Leute vom kanadischen Spicy Circus sind. Wir hätten keine bessere Wahl treffen können.»

Verliebt wie am ersten Tag

Die 32-jährige Quintal ist eine der weltbesten ihres Fachs. Als sie vor dreizehn Jahren ins Zirkusbusiness einstieg, war sie die einzige Frau, die sich an die Trampolinwand traute. Damals waren weltweit nur fünf, sechs Springer unterwegs. Im Cirque du Soleil, Cirque Eloize, Circus Krone, Flic Flac Circus.

Dann verliebte sich die Kanadierin in einen Schweizer. Vor sieben Jahren verlor sie ihr Herz im Weihnachtszirkus «Salto Natale» an den Novizen im Zirkusorchester, den Schwyzer Saxofonisten Jörg Sandmeier, ein langjähriges Mitglied der Pepe-Lienhard-Band. Das Paar ist seit fünf Jahren verheiratet und wohnt in Horgen. «Mein Mann», sagt Quintal, «ist der Grund, weshalb es mich nicht mehr auf Tour zieht.»

Die Errani-Brüder sind nicht die ersten Männer, denen Quintal die Trampolinwand näherbrachte. Sie hatte es schon mit einer 14-köpfigen russischen Artistengruppe zu tun, mit Chinesen, mit vielen verschiedenen Kostgängern. Da sei das Arbeiten mit den Erranis ein Leichtes. «Die Jungs lernen schnell, zollen mir Respekt, sind diszipliniert und haben keine Machoallüren.» Sie war gar überrascht, wie schnell die Brüder ihre Choreografie beherrschten. Sie seien dank ihren akrobatischen Grundlagen im letzten Jahr rasch auf ein hohes Niveau gekommen, sagt sie.

Von einer Trainingshalle träumte Andréanne Quintal als Teenager, heute trainiert sie darin die Errani-Brüder. (Foto: Sabina Bobst)

Die Übungseinheit geht zu Ende. Doch Wioris, der jüngste der Errani-Brüder, will noch einen Sprung versuchen, der ihm bisher nicht gelungen ist. Immer wieder versucht er den Aufgang zum Dach der Wandkonstruktion mit integriertem Salto. Coach Quintal weiss jedoch: «Heute wird das nichts mehr, das Problem liegt im Kopf.» Sie sehe es einem Artisten im Gesicht an, ob er einen Sprung wage oder nicht.

Auch wenn die Sprünge locker und einfach wirken, Trampolinspringer müssen waghalsig sein. «Es braucht viel Mut, sich aus fünf Metern Höhe einfach ­rückwärts fallen zu lassen», sagt die ­Artistin. Zudem ist der Beruf gefährlich, denn nicht immer trifft man das Trampolin, und im Zirkus gibt es keine Matten wie im Training. Oft gebe es Verletzungen, und man müsse schnell wieder fit sein. «Im Zirkus kann man sich nicht einfach abmelden und sagen: ‹Mir tut der Arm weh›.» Quintal kennt einige, die nach Verletzungen nicht mehr weitermachen konnten. Auch die Trampoline, die bei uns in den Vorgärten stehen, warnt sie, seien gefährlicher, als man denke.

Gefahren hin oder her, die Kanadierin liess sich nie davon abschrecken. Sie wusste schon mit vier Jahren, nach einem Besuch im Cirque du Soleil, dass sie in die Manege wollte. Zuerst folgte sie ihrer grossen Schwester ins Kunstturnen, doch bald gab es nur noch eines: das Trampolin. Später baute sie zusammen mit ihrem Vater eine fünf Meter hohe Holzwand. Durch ihre spektakulären Stunts im elterlichen Garten wurde der Teenager schnell zum Gespräch. Und bald nach der Highschool, mit 19, tourte sie mit einem professionellen Zirkus durch Kanada. Schliesslich wurde der Cirque du Soleil auf die Artistin aufmerksam und engagierte sie für Shows.

Doch Quintal zog es weiter. Zusammen mit einem Springerkollegen brachte sie die erste Trampolinwand nach Europa, die in dreissig Minuten aufgestellt war und nicht stundenlang zusammengenagelt werden musste. 2013 gab es die ersten Preise: Mit ihrer kanadischen Trampolingruppe holte sie sich den bronzenen Clown und den Publikumspreis beim 37. Zirkusfestival von Monte Carlo. Noch im gleichen Jahr gründete sie ihre eigene Trampolin-Company Spicy Circus und räumte weiter ab: Erste beim Golden Circus Festival in Rom, Erste beim Artistika International Festival in Brig, Publikumspreis beim Festival International de Cirque in St-Paul-lès-Dax in Frankreich. Letzterer bedeutet Quintal viel, denn «schliesslich ist es das Publikum, das die Tickets für unsere Shows bezahlt».

Nun, mit 32 Jahren, geht für die kanadische Artistin ein Traum in Erfüllung. Ihr Spicy Circus tourt mit dem Circus Knie durch das Land. «Auch wenn ich selber nicht springe, so freut es mich doch sehr, dass ich meine Nummer mit dem Schweizer National-Circus auf Tournee schicken darf.» Und bereits visiert sie ihr nächstes Ziel an: Mit ihrem Spicy Circus will sie vermehrt auch in der Schweiz auftreten.

Erstellt: 22.03.2017, 19:07 Uhr

Andréanne Quintal. (Foto: Sabina Bobst)

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