Gast Nummer fünf

Das Wetter will noch nicht so recht. Da das Freibad Letzigraben aber bei jeder Witterung geöffnet hat, gingen wir eines kühlen Mittags trotzdem hin.

Noch verschwindet das gelbe T-Shirt des Bademeisters unter wärmender Kleidung. Foto: Andrea Zahler

Noch verschwindet das gelbe T-Shirt des Bademeisters unter wärmender Kleidung. Foto: Andrea Zahler

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Seit letztem Samstag haben sie geöffnet, die Zürcher Badis. Viel braucht es jetzt nicht mehr, bis sich rund um die Zürcher Gewässer und Pools die Massen drängen wie Seelöwen am Pier. Nur ein kleines Detail fehlt: die Wärme. Das Wetter ist noch nicht so bereit wie wir. Und die Zürcher sind auf jeden Fall wettersensibler als Seelöwen.

Man hätte ja wenigstens mit den ­Saisonkartenbesitzern rechnen können, jenen mit den Mietkabinen und dem bernsteinfarbenen Teint. Aber es gibt anscheinend auch für sie eine Temperaturuntergrenze.

15 Grad Luft- und 15 Grad Wassertemperatur in der Badi Letzigraben am letzten Montag liegen darunter. Fast ­keiner, der südlich des Nordkaps lebt, geniesst so was. So kam es, dass mehrheitlich Bademeister anwesend waren. Eingepackt in Windstoppern und Wollmützen, sahen sie aus wie Walfänger. «Sie sind der fünfte Gast heute», sagt der, der am Rand des Bassins steht und darüber wacht, dass die Nummer vier im Wasser nicht untergeht. Nicht mit ihm ins Gespräch zu kommen, wäre so seltsam gewesen, wie sich beim Spaziergang auf dem Mond nicht zu grüssen.

Ein Tag in der leeren Badi? Doch, das hat seinen eigenen Reiz.

«Immerhin Ostwind», sagt der Bademeister. «Der bringt in der Regel keinen Regen.» Mit zusammengekniffenen Augen blickt er über den Pool wie ein Seemann. Sieht zumindest so aus. Leider habe es nichts gebracht, die Badi Letzigraben und jene in Seebach in diesem Jahr schon am 1. Mai zu eröffnen, fügt er mit ernstem Ton an. «Pilotversuch missglückt.»

Pneuwechsel am Dienstvelo

Da könne er jetzt ja wirklich nichts dafür, entgegnet der Gast Nummer fünf. Der Bademeister fügt an, dass sie jetzt dafür Zeit hätten, die Dinge zu erledigen, die sonst liegen bleiben würden: Pneuwechsel am Dienstvelo oder neue Halterungen für die Besen am Häuschen mit den Mietkabinen. Angenehmer Zürcher Badialltag. Es bleibe ja auch von 7 bis 20 Uhr Zeit, so etwas anzupacken.

Denn die Badi Letzigraben und das Utoquai sind jene städtischen Badis, die bei jeder Witterung geöffnet haben. Von 7 bis 20 Uhr in der Hauptsaison vom 11. Mai bis am 15. September. Ganz egal, ob die Aussentemperatur nun 10 oder 35 Grad beträgt, ob es hagelt oder bläst wie an der Atlantikküste.

 «Die Hitze wird kommen», sagt der Bademeister. 

Für den Kiosk im Pavillon gilt das übrigens nicht. Der ist verpachtet und öffnet nur bei gutem Wetter. Es gab also weder saure Schlangen noch Pommes frites. Wie die roten Steck-Aschenbecher aus Metall mit der Werbung des «Blicks» und des «SonntagsBlicks» drauf erinnern sie aber daran, dass sich fast nichts so langsam verändert wie das Freibad. Das ist das Schöne daran.

Brennende Kälte

Und so zieht man irgendwann ganz allein seine Bahnen. Oder besser: seine Bahn. Der Selbstversuch des Schreibenden endet bereits nach 50 Metern, der Grund sind ein irrer Schmerz unter der Schädeldecke und brennende Kälte in den Fingern. Immerhin: Wer schwimmt, hat nun auch seinen persönlichen Aufpasser. Er läuft langsamen Schrittes den Beckenrand entlang, während man versucht, zu kraulen.

Erst vor ein paar Tagen sei eine Schwimmerin fast eine halbe Stunde im Wasser gewesen und mit blauen Lippen und steifen Fussgelenken wieder aus dem Bad gestiegen. «Gesund ist das nicht», sagt der Bademeister. «Aber das muss jeder selbst entscheiden.» Eingreifen tut er erst, wenn er sieht, dass etwas nicht stimmt.

Und so bleibt dieser frühe Badibesuch mehrheitlich eine Vorstellung von etwas, das noch bevorsteht. «Die Hitze wird kommen», sagt der Bademeister. Doch weil der Zürcher ein wetterfühliges Tierchen ist, das im Moment lebt, kann er sich noch gar nicht vorstellen, dass es in wenigen Tagen vielleicht schon so weit ist. Und dann den ganzen heissen Sommer lang. So gesehen, kann man diese Leere mitten in der Stadt auch einfach noch geniessen. Und dann versuchen, sie inmitten von schreienden Kindern, Cervelatrauch und eingeölten Fitnesskörpern wieder abzurufen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2019, 16:09 Uhr

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