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Glück auf Zeit

Viele Künstlerinnen wollen ein Atelier in der Roten Fabrik. Man arbeitet direkt am See, die Gemeinschaft stimmt, der Preis sowieso. Besuch bei zwei Auserwählten.

Passanten nutzen die gespiegelte Scheibe gern für Selfies: Martina-Sofie Wildberger vor ihrem Atelier.
Passanten nutzen die gespiegelte Scheibe gern für Selfies: Martina-Sofie Wildberger vor ihrem Atelier.
Reto Oeschger

Erst kam das Feuer, dann die Revolution. Nun ist in den Ateliers der Roten Fabrik nichts mehr wie früher.

2012 brannte ein Teil der Roten Fabrik, über ein Dutzend Ateliers stehen seither leer, verkohlt, unbrauchbar. Rekurse verhindern weiterhin eine Renovation. 2013 folgte der nächste Schlag: Die Stadt begrenzte die Aufenthaltsdauer in den subventionierten Ateliers auf fünf Jahre. Manche Künstlerinnen und Künstler hatten ihren Raum seit über 30 Jahren gemietet, durchschnittlich blieben sie 16 Jahre.

Diesen Frühling sind die letzten der Bisherigen gegangen, jene, die sich vor Gericht gewehrt hatten. Neue Künstlerinnen und Künstler haben die 33 Räume übernommen – im Wissen, dass nach fünf Jahren andere nachrücken. Die Endlichkeit ist mit eingezogen.

Der Platz reicht nicht immer

Bei Ilona Ruegg hockt die zeitliche Beschränkung im Hinterkopf, sie fühle sich ein wenig wie ein Artist-in-Residence, sagt sie. Seit zwei Jahren arbeitet sie in der Roten. Noch drei bleiben ihr. «Jedes Atelier ist auch ein mentaler Raum. Es braucht Zeit, bis man darin eine gewisse Intensität erreicht.» Diese Bindung gebe man beim Wegziehen wieder auf. Nicht ganz einfach, findet sie.

 Ungestört könne sie hier arbeiten, ganz für sich, «mein Hoheitsgebiet», sagt Ilona Ruegg. Bild: PD
Ungestört könne sie hier arbeiten, ganz für sich, «mein Hoheitsgebiet», sagt Ilona Ruegg. Bild: PD

Dabei ist die 70-Jährige Wechsel gewohnt. Ruegg lebte in Rom, Turin, Brüssel und Frankfurt, immer wieder fing sie neu an. 2012 kam sie nach Zürich. Von hier will sie nicht mehr weg. «Ab einem gewissen Alter schätzt man Beständigkeit.»

Zürich unternehme viel für seine Künstler, sagt Ruegg. Sie wolle nicht nur die hohle Hand machen. Daher hat sie sich mit anderen zusammengetan, um eine Kreativsiedlung zu gründen; einen Ort, wo Leben und Arbeit gemeinsam stattfinden. Als loses Vorbild dient die Künstlerkolonie an der Wuhrstrasse.

Was soll er bewachen und wen beschützen, dieser träge Hund? Er macht keine Angst, bleibt nur stehen, Stund um Stund. (slm)
Was soll er bewachen und wen beschützen, dieser träge Hund? Er macht keine Angst, bleibt nur stehen, Stund um Stund. (slm)
Urs Jaudas
Er wäre gerne Tarzan, schwingt sich von Ast zu Ast. Das passt zu ihm – diese Hast. Aber weil er dann stürzt, vom Baum, bleibt er für immer der traurige Clown. (slm)
Er wäre gerne Tarzan, schwingt sich von Ast zu Ast. Das passt zu ihm – diese Hast. Aber weil er dann stürzt, vom Baum, bleibt er für immer der traurige Clown. (slm)
Urs Jaudas
Es ist Zeit, zu gehen. Nicht, weil es zu laut ist oder zu voll. Ich hab nur keine Zigis mehr und frag mich, womit ich das Zeug rollen soll. (slm)
Es ist Zeit, zu gehen. Nicht, weil es zu laut ist oder zu voll. Ich hab nur keine Zigis mehr und frag mich, womit ich das Zeug rollen soll. (slm)
Urs Jaudas
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Als Objektkünstlerin, wie sich Ruegg nennt, hat sie es schwer auf dem Immobilienmarkt. Ihr Tun braucht viel Platz. Für ihre Werke verwendet sie reale Gegenstände, Radiatoren etwa, Jagdhochsitze, riesige Bohrer. Entsprechend gut gefüllt ist ihr Atelier. Fast 100 Quadratmeter misst es, eines der geräumigsten in der Roten Fabrik.

Angenehme Mischung

Hitze und Hektik des Hochsommerabends wirken weit weg im hohen Raum. Ungestört könne sie hier arbeiten, ganz für sich, «mein Hoheitsgebiet», sagt Ruegg. Suche sie Gesellschaft oder Austausch, gehe sie einfach in den Ziegel hinüber. Dort treffe man oft auf andere Künstler. Ruhe ohne Isolation. «Eine angenehme Mischung.»

Momentan ist Ruegg mit dem Kopf aber gerade anderswo: in einer riesigen Felskaverne, herausgeschlagen aus dem Gonzen, einem Berg bei Sargans. Dort wird heute eine Gruppenausstellung («Unter Tag») eröffnet, Ruegg hat zwei Autos beigesteuert, die sich, eingepackt in silberne Hüllen, durch die 18 Meter hohe und 100 Meter lange Steinhalle bewegen. Gerade kommt sie vom Aufstellen zurück. «Faszinierend», sagt sie. Sie hat ihr Werk erstmals richtig gesehen. Für die Autos ist auch ihr Atelier zu klein.

Draussen läuft immer etwas

Während Ilona Rueggs Atelier an eine Werkstatt erinnert, sieht es bei Martina-Sofie Wildberger aus wie in einem Grafikbüro. Gestelle voller Bücher, ein Mac-Bildschirm, dazwischen viel freier Raum. Wildberger macht Performances. Ihr Thema: die Macht der Sprache. Material braucht sie dafür fast keines, abgesehen von den mit Worten bedruckten T-Shirts, die sie an ihren Aufführungen abgibt. «Im Atelierfindetvor allem Denkarbeit statt», sagt sie.

Die 34-Jährige gehört zu den ganz Neuen. Ende 2018 ist sie in der Roten Fabrik eingezogen, viereinhalb Jahre hat sie vor sich. Die Beschränkung auf fünf Jahre findet sie gut. «Sonst wäre ich ja selber nicht hineingekommen.»

Wilde Mischung von Leuten

Ihr Atelier liegt ebenerdig, nur wenige Meter vom See entfernt, ein Fenster geht Richtung Glarner Alpen, das zweite auf die Goldküste. Die Sommerstimmung flimmert ins Zimmer hinein. Draussen laufe immer viel, sagt Wildberger, die Kiesfläche dient als Kinderspielplatz und Nacktstrand, als Joggingroute und Flanierstrasse, abends feiern hier Teenager. «Alle möglichen Leute kommen zusammen. Das mag ich.»

Manche Leute kann Wildberger länger betrachten. Ihre Fenster sind von aussen verspiegelt, damit tagsüber niemand hineinschauen kann. Oft nutzen Menschen die Scheiben als Spiegel für ein Selfie, posieren und grimassieren, Performances der Selbstliebe. Sie rechnen nicht damit, dass gleich hinter dem Fenster jemand sitzt.

«Alle möglichen Leute kommen zusammen. Das mag ich», sagt Martina-Sofie Wildberger. Bild: Reto Oeschger
«Alle möglichen Leute kommen zusammen. Das mag ich», sagt Martina-Sofie Wildberger. Bild: Reto Oeschger

In den restlichen Ateliers seien motivierte, oft jüngere Künstler tätig, sagt Wildberger, das schaffe eine anregende Atmosphäre. Sie finde immer jemanden, um über die eigene Arbeit zu sprechen. Vom Rest der Zürcher Kunstszene, die sich gerade Richtung Altstetten verschiebt, befinde sich die Rote Fabrik ziemlich weit entfernt, sagt Wildberger. Diese Abgeschiedenheit (für Zürcher Verhältnisse) stärke den Zusammenhalt.

Wildberger hat sich der wohl unwirtschaftlichsten Kunstform verschrieben: Performances lassen sich kaum zu Geld machen, man kann sie weder an die Wand hängen noch ins Wohnzimmer stellen. Wegen der Unverkaufbarkeit ihrer Werke ist Wildberger auf Stipendien und Preise angewiesen. Momentan läuft es gut, sie habe viele Verpflichtungen, etwa wegen des Manor-Kunstpreises. Ohne das günstige Atelier würde es trotzdem nicht reichen, sagt sie.

Sehr viele Bewerbungen

Um ein Atelier in der Roten zu bekommen, braucht es auch Glück. Pro ausgeschriebenen Raum würden sich 60 bis 100 Interessierte bewerben, heisst es bei der Stadt. Schöne Räume, direkt am See, unschlagbar billig mit 90 Franken pro Quadratmeter und Jahr – das gibt es sonst nirgends. Eine eigene Kommission bestimmt, wer einziehen darf.

Eine Spaziergängerin streckt den Kopf durch das offene Fenster in Wildbergers Atelier hinein. Die Frau sieht sich ruhig um, nickt beeindruckt. Neidisch? In gut vier Jahren kann sie sich selber um den Raum bewerben.

Auf einen Rundgang durch die Rote Fabrik. Video: Sarah Fluck

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