Goldiges Glarus

Zurück in meiner Heimat, bin ich jeweils die schlechteste Version meiner selbst: ignorant und ungerecht mit jenen, die in Glarus geblieben sind. Was macht das Tal mit mir?

Glarus ist schön. Aber es ist niemand da, mit dem man sich darüber unterhalten könnte: Bänkli auf dem Gumen. Foto: Reto Oeschger

Glarus ist schön. Aber es ist niemand da, mit dem man sich darüber unterhalten könnte: Bänkli auf dem Gumen. Foto: Reto Oeschger

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Der Bahnhof Glarus hat zwei Gleise. Eines ist für die Züge nach Glarus-Süd: Es führt in den hinteren, enger werdenden Teil des Tals. Das andere Gleis ist für die Züge nach Glarus-Nord. Es führt ins Unterland, das sich Richtung Linth­ebene und Zürich hin öffnet.

Als Kind war es einfach, sich zu orientieren: Der Zug auf Gleis 1 fuhr weiter ins Tal hinein. Den nahm meine Familie fast nie. Der Zug auf Gleis 2 fuhr aus dem Tal hinaus. Den nahmen wir oft – immer dann, wenn wir nach Zürich gingen. Bereits eine Viertelstunde später in Ziegelbrücke, wo wir auf den Anschlusszug umsteigen mussten, verlor sich diese Einfachheit. Da waren nicht mehr zwei, sondern sechs Gleise. An der Hand meiner Mutter fragte ich mich: Wie weiss sie, welcher Zug nach Zürich fährt?

Daran denke ich, als ich in Ziegelbrücke stehe und auf den Zug warte – 20 Jahre später, in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Seit längerem wohne ich in Zürich. Alle paar Wochen gehe ich zurück ins Glarnerland, um meine Familie zu besuchen.

Ziegelbrücke ist ein Knotenpunkt, Ziegelbrücke ist auch mein eigener Knoten: Wenn ich in den Zug nach Glarus einsteige, der schon zehn Minuten vor Abfahrt dasteht, beginnt dieses Gefühl. Ich spüre einen Druck, es ist, als zöge sich etwas in mir zusammen. Als zöge ich mich selbst zusammen. Während der Fahrt – Niederurnen, Näfels, Netstal ziehen vorbei – wird der Knoten enger. Je näher ich Glarus komme, desto grösser ist die Beklemmung.

Meine Heimkehr verändert mich: Mein Blick verengt sich. Mein Herz schrumpft. Ich werde zu jemandem, den ich nicht mag. Und schaue mir dabei zu. Ich bin kleinlich, wenn ich in Glarus bin.

Warten auf den hohen Gast

In Glarus steigen mit mir zwei junge Frauen aus, sie sind offenbar zum ersten Mal hier. «Hättest du gedacht, dass du jemals in Glarus landen würdest?» Beide kichern. Am Bahnhof wartet eine Freundin auf sie – ihr Auto hat sie so nah wie möglich parkiert. Obwohl in Glarus praktisch alles innert kürzester Zeit erreichbar ist, verzichten die wenigsten auf ihr Auto. Bequemlichkeit ist etwas, das die Glarner beherrschen.

Ich gehe am Kiosk vorbei, an leeren Parkplätzen, am Restaurant Glarnerhof. Vorbei am Volksgarten über die einzige Hauptstrasse. Glarus glänzt. Die Fassaden sind sauber, die Wiese im Park ist gemäht, kein Stück Abfall liegt auf dem Boden, nicht ein Zigarettenstummel. Alles ist perfekt hergerichtet. Jederzeit könnte ein hoher Gast zu Besuch kommen – der es doch nie tut. Trotzdem will man vorbereitet sein. Es scheint mir mehr eine pragmatische Haltung denn eine freudige Erwartung zu sein.

Was mich erschüttert: Niemand bewegt sich, nichts bewegt sich, oder höchstens in der Endlosschlaufe.

Samstagmittag, und kein Mensch ist zu sehen. Es ist gar niemand da, der Dreck machen könnte. Es liegt nicht am sommerlichen Wetter. Es liegt an Glarus selbst: Die Stadt ist ausgestorben, obwohl hier und in der näheren Umgebung theoretisch über 12'000 Menschen leben müssten. Wiederbelebungsversuche wie die Aktion «Summer in the City» mit Blumentöpfen im Stadtkern und einer kleinen Bühne für musikalische Beiträge scheitern. Eben hat das Traditionskaufhaus Schubiger an zentraler Lage geschlossen, der Besitzer fand keinen Nachfolger. Kleinere Läden mussten zumachen, weil sie nicht mehr rentierten.

Trotzdem sind viele, die ich aus meiner Kindheit und Jugend kenne, hiergeblieben. Ich weiss nicht, was mich mehr deprimiert: dass ein Ort derart verödet oder dass es Leute gibt, denen es hier gefällt. Die zufrieden sind mit dem Leben auf dem Land, in dem Überraschungen keinen Platz haben. In dem sie nur ein Ziel verfolgen: sesshaft werden und bis an ihr Ende glücklich sein.

Warum denke ich dauernd, Glarus müsste anders sein, die Menschen hier müssten anders sein? Begegnete ich ihnen in Zürich, wären sie mir gleichgültig. Hier aber verhalte ich mich zu ihnen wie eine enttäuschte Mutter, deren Kind unter den Erwartungen geblieben ist. Das die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium nicht geschafft hat.

Auf dem Weg zum Kantonsspital, wo sich meine Mutter von einer kleinen Operation erholt, gehe ich an der Kantonsschule vorbei, die ich während sechs Jahren besuchte. Vor den Fenstern der Mediathek ist nun ein Weiher. Neu steht da auch das grosse Schild «Kanti Glarus». Auf dem Sportplatz hinter dem Schulhaus, wo wir Basketball spielten oder Weitsprung übten, ist eine Tafel angebracht: Für die Benutzung des Platzes braucht es eine Bewilligung. Bei Zuwiderhandlung erfolgt eine Busse. Heisst das, dass Kinder nicht einfach herkommen dürfen? Wofür soll der Platz sonst sein, wenn nicht fürs Spielen? In meiner Erinnerung waren die Buben im ­Sommer jeden Abend hier und spielten Fussball.

Gleich nebenan steht das Spital, es hat jetzt eine Tiefgarage. Das neu angesäte Gras neben den Weglein zu den beiden Eingängen wächst hüfthoch, Absperrbänder sorgen dafür, dass niemand in die Wiese tritt. Drinnen erzählt meine Mutter als Erstes, dass sie viele der Spitalangestellten kenne. Eine der Pflegerinnen kennt sogar auch mich: Sie ging in der Primarschule in meine Parallelklasse. Sie heisst jetzt nicht mehr, sagen wir, Alvarez, sondern Landolt. Meine Mutter zählt noch weitere Bekannte auf, die eben geheiratet haben oder frisch verlobt sind. Oder ein Kind bekommen haben. Oder eins erwarten. Und ein Haus kaufen möchten.

Das alles ist so voraussagbar, dass es eigentlich keine Neuigkeiten sind. Der Wunsch nach einer Familie – es scheint mir in Glarus das Einzige, wovon die Leute zu träumen wagen. Ein Traum, der sich von den Träumen der anderen nur in Nuancen unterscheidet, in der Farbe des Autos, der Gartenmöbel vielleicht. Weggehen, reisen? Gerne, aber nur für kurze Zeit. Zweifeln, hadern, scheitern? Später vielleicht, nach vielen Jahren Ehe. Aber daran denkt hier niemand, der Ende 20, Anfang 30 ist. Stattdessen posten sie auf Facebook professionelle Fotos der eigenen Hochzeit und des Babybauchs. Brüche im Leben, Abwege, Umwege? Nein. Ist doch gut, wie es ist.

Gerade das ist es, was mich so erschüttert. Niemand bewegt sich, nichts bewegt sich, oder höchstens in der Endlosschlaufe. Es ist, als wäre ich in einen Warteraum geraten. Nur fühle ich mich, als wäre ich die Einzige, die sich fragt: Was kommt noch?

Oder muss gar nicht mehr kommen?

In Zürich ist es ja nicht anders. Auch dort sehnen sich viele Menschen nach der ultimativen Erfüllung. Auch dort zelebrieren sie den Moment, von dem sie meinen, er habe ihr Leben nun für immer sicher gemacht und stabil. Nur mischen sich in der Stadt diese Leute mit jenen, die anders denken und empfinden. In der Stadt habe ich mehr Ausweichmöglichkeiten, es gibt Alternativen, verschiedene Normen nebeneinander.

In der Badi nahe der Linth sehe ich, was nach dieser Erfüllung kommt. Junge Paare essen zusammen Glace, cremen ihre Kinder ein, laufen ihrem Nachwuchs hinterher. Auf der kleinen Rasenfläche kommen sie gut miteinander zurecht, sie unterscheiden sich ja kaum. Sie mögen die Nähe zur Natur, sagen sie, die Berge, die gute Luft. Sie wollen, dass ihre Kinder so aufwachsen wie sie selbst. Sie wollen, dass sie zu den Lehrern kommen, die sie selbst von früher kennen. Sie wollen dort sein, wo die Nachbarn den Briefkasten leeren, wenn sie in den Ferien sind. Ich weiss es zwar nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie am Abend noch auf einen Drink ins Café City gehen und am Sonntag mit dem Auto ins Klöntal fahren, an den Bergsee. So, wie wir das früher gemacht haben.

Kein Widerspruch, kein Echo

Was danach kommt: Zufriedenheit. Diese für andere zu akzeptieren, fällt mir schwer. Ist sie nicht vor allem Genügsamkeit? Die Wiederholung von dem, was die Eltern schon praktiziert haben? Alles hat sich erfüllt, man hat sich eingerichtet, der Plan ist aufgegangen.

Diese Ruhe, die über Glarus liegt und auch in den Glarnern und Glarnerinnen ist, sie verstört mich. Nie gibt es Widerspruch, noch nicht einmal Echo. Und ich verstumme mit, sobald ich hier bin.

Gegen dieses Gefühl, das mich lähmt, wenn ich in Glarus ankomme, kann ich mich nicht wehren. Es gehört dazu. Es verschwindet erst wieder, wenn ich mit dem Zug in Zürich einfahre und die Leuchtreklamen sehe, den von Stromleitungen zerschnittenen Himmel. Wenn ich Menschen sehe, die ich nicht andeutungsweise kenne. Erst in Zürich atme ich wieder aus. Dann denke ich: Ich bin wieder da. Ich habe mich aus dem Glarnerland zurück-, ja, heimgeholt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2016, 23:18 Uhr

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