Harmonisch fliessend, aber leblos

Einen abwechslungsreichen Freiraum wollten die Architekten auf dem Hönggerberg schaffen. Das gelang – etwas anderes missriet aber.

Knapp 500 Zimmer, kaum Studierende sichtbar: Das Student Village auf dem ETH-Campus.

Knapp 500 Zimmer, kaum Studierende sichtbar: Das Student Village auf dem ETH-Campus.

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Bei einer Einladung kann der Tisch noch so hübsch hergerichtet sein, das Fleisch auf den Punkt gegart, der Wein edel. Passen die Gäste nicht zusammen, gelingt der Abend selten. Ähnlich ist das Gefühl, wenn man durch die Studentensiedlung HWO auf dem ETH-Campus Hönggerberg streift. Alles richtig gemacht, und doch funktioniert alles zusammen nicht ganz.

Die Anlage mit knapp 500 Zimmern für Studierende begrenzt den Campus im Süden und war der erste Puzzlestein des Masterplangebietes Science City. Er sticht jedem, der von der Stadt her kommt, ins Auge. Das liegt an der beigen Fassade, die bedeutend mehr Wärme ausstrahlt als die umliegenden Schulgebäude. Speziell ist auch die Strukturierung. In Kombination mit den Fenstern gleichen die mit profilierten Keramikelementen besetzten Aussenwände tatsächlich einem Stoffmuster, wie es Tina Arndt und Daniel Fleischmann vom Büro Architektick geplant hatten.

Eine regelrechte Sogwirkung entwickelt die Anlage im Innenhof. Die drei Gebäude sind da harmonisch zueinander hin- und voneinander weggeschwungen. Daher kommt auch der Wettbewerbsname «Twist». Man hat fast den Eindruck, als reagierten die Häuser aufeinander, korrespondierten gar miteinander. Fast so, als wären sie einst eins gewesen und nun getrennt worden, weil ein Wasserlauf sich einen Weg durch den Stein gesucht hatte. Dazwischenstehend, wird man Teil dieses Flusses und des Wechselspiels zwischen den Gebäuden. Kurz: Man möchte bleiben.

Einen abwechslungsreichen Freiraum wollten die Architekten schaffen.

Einen, der zum Verweilen und Kommunizieren einlädt. Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss und grosse Fensterflächen sollen den Austausch und den Übergang von innen und aussen zusätzlich fördern. Gleiches gilt für die Lauben, über welche die einzelnen Wohngemeinschaften mit sechs bis zehn Personen zugänglich sind.

Wirkt überraschend leblos: Die Anlage auf dem Hönggerberg.

Mit den kostengünstigen Wohnungen hat die ETH Zürich in den letzten Jahren versucht, den Hönggerberg zu einem Ort zu entwickeln, wo Studierende aus der ganzen Welt nicht nur lernen, sondern auch wohnen, ihre Freizeit verbringen und soziale Kontakte knüpfen – leben. Sodass sich der Campus zu einem lebendigen Stadtquartier etabliert. Drei Jahre nach der Fertigstellung der HWO-Siedlung sind alle Zimmer vermietet, auf den Briefkästen stehen chinesische, deutsche, türkische und englische Namen.

Trotzdem wirkt die Anlage überraschend leblos. Ruhe und Anonymität dominieren, so, als würde über dem Fluss eine dicke Eisschicht liegen. Morgens verlassen Studierende einzeln und jeder mit Blick aufs Smartphone die Gebäude, einige Eltern hasten mit ihren Kindern in die Krippe, in einem der Arbeitsräume sitzen zwei Studenten vor ihren Laptops. Lärm macht einzig der Postbote, als er die Werbesendungen auf den Briefkästen stapelt. Auch abends sei im Hof nicht viel los, sagen die Studierenden unisono. Obwohl Sitzbänke und Tische bereitstehen; die Bewohner treffen sich selten, nicht einmal zum gemeinsamen Grillieren. Ausnahmen: Partys im Gemeinschaftsraum.

Nachjustieren wird schwierig

Dass die alltägliche Interaktion nicht stattfindet, merken auch die Studierenden. Die Siedlung sei zu isoliert, sagt ein angehender Baumaschineningenieur. Hinderlich sei auch, dass man sich nicht aussuchen könne, mit wem man zusammenwohnen wolle, und deshalb kaum gute Stimmung aufkomme. Die Wohngemeinschaften seien so gross, dass man sich lieber zurückziehe als das Zusammensein zu pflegen, sagt ein anderer. Ein dritter Ingenieur sucht den Grund in der Mieterzusammensetzung: «Das kann nicht funktionieren, wenn nur ETH-Studenten zusammenwohnen.»

Zurück zum Vergleich mit der Einladung: Für den perfekten Abend müsste man bei der nächsten Einladung auf eine bessere Zusammensetzung der Gäste achten. Dieses Nachjustieren wird im Fall des Student Village schwieriger. Selbst die Krippenkinder scheinen das Eis zwischen den Studenten nicht brechen zu können. Vielleicht bräuchte es mehr Anreize, damit Studierende miteinander in Kontakt kommen. Vielleicht aber ist den Studierenden von heute der digitale Austausch wichtiger als der reale. Da kann auch eine von aussen gelungene Architektur nicht helfen.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 02.04.2019, 16:28 Uhr

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