Hier bestimmt der Zufall das Tattoo-Motiv

Im Zürcher Studio World’s End Tattoo gibt es für 100 Franken Farbe unter die Haut – unter einer Bedingung.

Ein echtes Sujet aus dem Kaugummiautomaten: Tätowierer Ianto Clarke hat eine etwas verrückte Idee aus den USA nach Zürich importiert. Video: Patrice Siegrist

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Ein bisschen Wasser (oder Spucke) haben ausgereicht, schon zierte ein Tattoo die kindliche Haut. Den dazugehörigen Kaugummi kauend, präsentierten die Kinder stolz ihre Abziehbildchen, die bereits kurze Zeit später wieder abblätterten und nichts als unversehrte Haut zurückliessen. Ausser im Sommer. Da verharrten hartnäckig noch bleiche Hautinseln in der Form von Adlern, Wölfen oder Einhörnern auf der gebräunten Haut.

Mit den Bildern, die ein neuer Kaugummiautomat in einem Keller im Zürcher Kreis 3 ausspuckt, verhält es sich etwas anders. Sie bleiben. Für immer. «Es ist eine lottery», sagt Ianto Clarke, Tätowierer im Studio World’s End Tattoo, mit englischem Akzent. Und so funktioniert sie: Für 100 Franken gibts einen Jeton. Mit diesem Jeton bekommt man eines von 100 Tattoo-Motiven, die auf einem Poster an der Wand aufgepinselt sind und in einer Kugel im Automaten schlummern. Welches es ist, entscheidet der Zufall, das Schicksal oder was auch immer. «If you like it, it’s a great deal», sagt Clarke. Und wenn nicht, Pech. So läuft das Spiel, das sind die Regeln.

Clarke lacht viel, wenn er über das neue Angebot spricht: «Tätowieren soll ja auch Spass machen.» Habe jemand erst einmal fünf, sechs Tattoos, sei das Verhältnis mit der Körperkunst entspannter, die Aktion richte sich daher eher an bereits tätowierte Kunden. Aber: «The lottery is for everybody.»

Ein Jeton, ein Motiv: Der Kaugummiautomat im Tattoostudio.

Seit er das Angebot vor rund zwei Monaten lanciert hat, haben einige das Spiel mitgemacht. «Maximal 15», sagt Clarke. Niemand habe bis jetzt einen Jeton gekauft und sich das Motiv dann nicht stechen lassen. Viele fänden die Idee cool, aber den Mut hätten schliesslich die wenigsten. Das sei jedoch bei herkömmlichen Tattoos auch so. «Mir sagten diese Woche schon 20 Leute, sie wollten ein Tattoo, und sie machten es dann doch nicht. And that’s okay.»

Wer zockt, der spart

Aber es gibt eben auch die anderen. «Einmal kam eine Gruppe vorbei», sagt der 33-Jährige, «und der erste, der am Kaugummiautomat gedreht hat, hat dieses Motiv erhalten.» Clarke zeigt auf dem Poster auf einen Totenkopf mit Schlange und lacht. «Er mochte keine Totenköpfe – und keine Schlangen.» Sein Glück: Die Gruppe durfte die Motive untereinander tauschen. «Ist man alleine, bin ich hart. Es gibt nur das Tattoo, das in der Kugel ist.» Der Schlangenverachter verliess das Studio dennoch mit einem Totenkopf – allerdings ohne Reptil, er war mit einer Blume geschmückt.

Wer will, kann sich das Tattoo auch direkt vom Plakat auslesen. Das ist aber teurer. Der Schlangen-Totenkopf kostet zum Beispiel 350 Franken, also rund dreimal mehr, als wenn man zockt.

Die Sujets sind nicht einzigartig. «Flash» nennt Clarke diese Art von Zeichnungen; Klischee-Motive im traditionellen amerikanischen Stil. Segelschiffe, Pin-ups, Totenköpfe, Adler – und vieles mehr, was man sich auf dem Oberarm eines US-Matrosen vorstellen kann.

Aus den USA hat Clarke auch die Idee dieser Lotterie. Richard Stell, ein älterer amerikanischer Tätowierer, hatte etwas Ähnliches in seinem Shop. «Früher waren die Schablonen aus Plastik, nicht wie heute aus Papier», sagt Clarke. «Stell hatte einen Sack voll mit solchen sogenannten Stencils. Dort konnte man sein Motiv rausziehen.» Und weil Clarke das Spass machte, entschloss er sich, die Idee zu importieren.

Dass sich in Zukunft nun viele Schlangen vor dem Studio im Kreis 3 bilden, glaubt Clarke nicht. «Es ist eine verrückte Idee.» Es gehe um den «Fun», um die «fucking lottery».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2017, 11:41 Uhr

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