Hier trifft sich die Zürcher Pétanque-Szene

Viele Boulomanes spielen auf der Josefwiese im Kreis 5. Beim Plauschturnier erzählen sie von ihrer Faszination für das Spiel.

Absolute Konzentration im Licht der untergehenden Sonne: Leo kurz nach dem Werfen seiner Kugel. Fotos: Reto Oeschger

Absolute Konzentration im Licht der untergehenden Sonne: Leo kurz nach dem Werfen seiner Kugel. Fotos: Reto Oeschger

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Sie tragen Schiebermütze, trinken Rotwein und ziehen hin und wieder an der Gauloise. Einer der älteren Herren erzählt vom Nachbarn, ein anderer lacht, dazwischen klacken zwei Kugeln aufeinander. Pétanque, das Spiel der französischen Art de vivre.

An diesem Freitagabend kommt die Szenerie auf den Kiesplätzen der Josefwiese dem Klischee ziemlich nahe. Vor dem wöchentlichen Turnier werfen sich Männer über 50 ein, manch einer raucht dazu, statt Rotwein gibt es Bier. Das also ist die Zürcher Pétanque-Szene.

Voll ausgerüstet mit Bier und Kugeln.

Auch, aber nicht nur. Yvonne ist gewissermassen die Antithese: eine 42-Jährige, voll auf das Spiel fokussiert. Klar, auch sie geniesse die Atmosphäre auf dem Platz, die heute unschlagbar ist: Noch scheint die Sonne, es ist nicht mehr heiss, aber noch warm, vom Kiosk wehen Grillduft und Jazzklänge herüber, auf der Wiese treffen sich Freizeitsportler, Familien und Freunde.

All das blendet Yvonne aus, wenn sie spielt. Und sie spielt oft: Fast jeden Tag komme sie nach Feierabend hierher, wirft Kugel um Kugel, «wie eine Verrückte», sagt sie. Das Training zahlt sich aus: Wenn sie leicht in die Hocke geht und ihre Boule fliegen lässt, trifft kurz darauf fast immer Metall auf Metall.

«Ab einem gewissen Niveau ist Pétanque mentaler Hochleistungssport.»Yvonne

«Mich faszinieren das Streben nach Präzision, das Lesen von Boden und Gegner, das Zusammenspiel, die Wahl der Strategie», sagt sie. Simpel seien beim Pétanque nur die Regeln, das Spiel komplexer, als es aussehe. Dazu komme, dass ein offizielles Turnier den ganzen Tag und bis in die Abendstunden dauern könne. Das sei körperlich anstrengend – und vor allem geistig: «Ab einem gewissen Niveau ist das mentaler Hochleistungssport», sagt Yvonne.

Pétanque liegt im Trend

Angefangen hat sie vor sechs Jahren auf dem Kanzleiareal, hat irgendwann auf die Josefwiese gewechselt und sich beim Pétanque-Club Zürich (PCZ) angemeldet. Der PCZ wurde 1968 gegründet, als der französische Arbeitersport aus Frankreich und über die Romandie in die Deutschschweiz kam und hier auch andere Schichten für das Spiel begeisterte. Heute boomt Pétanque in Zürich. Vor zwei Jahren hatte der PCZ noch rund 130 Mitglieder, aktuell sind es 159 – und es kommen laufend Anmeldungen dazu.

Wenn Yvonne ihre Kugel wirft, trifft sie fast immer.

Der Eindruck, dass vorwiegend Männer spielen, trügt nicht – nur jedes fünfte Mitglied ist eine Frau. Dass das Spiel für viele Neben- und die Geselligkeit Hauptsache ist, dieses Vorurteil lässt sich aber kaum halten: Ein gutes Drittel aller Mitglieder ist lizenziert, kann also bei Ligaspielen und offiziellen Turnieren mitmachen. Yvonne ist im achtköpfigen Team PCZ 1, das im Frühling in die Nationalliga B aufgestiegen ist. Und im Juni hat sie mit zwei weiteren Frauen den dritten Platz an der Schweizer Meisterschaft geholt.

Ob mit Lizenz oder ohne: Heute, beim Plauschturnier, können alle mittun. Yvonnes Spielpartner ist Achim, ein gross gewachsener 48-Jähriger. Die Aufgabenteilung ist klar: Achim ist Pointeur und legt die Kugeln möglichst nah ans farbige Cochonnet. Und Yvonne zielt als Tireuse auf die Kugeln der Gegner. Während des ersten Spiels schlagen rundum Kugeln dumpf auf Kies oder prallen mit einem Klacken auf bereits liegende Boules. Yvonne und Achim treffen auf die Geschwister Vanessa und Leo – und gewinnen gleich mit 13 zu 0. «Eine Fanny», sagt Yvonne, ein Sieg zu null.

«Was steht’s?» «10:9!» Bis 13 geht die mène (Aufnahme).

Vanessa und Leo nehmen es locker. Sie sind dem PCZ erst vor wenigen Monaten beigetreten. Mit Pétanque in Berührung gekommen sind sie aber schon viel früher – bei ihren Eltern. Trotzdem musste der heute 36-jährige Leo zweifacher Vater werden, bis er vom Fussball zum Boule wechselte.

Jetzt kann Leo fast nicht mehr ohne. Zwar spielt er nicht so häufig wie Yvonne. Trotzdem versucht auch er, ­ein-, zweimal pro Woche auf den Platz zu kommen. Für ihn sei das ein Ausgleich zum Job und zur Familie. Wenn er spiele, sei er ganz bei sich, könne er alles ausblenden. «Das hat schon fast etwas Sakrales», sagt Leo.

Die Konzentration vor dem Wurf

Pétanque sei ein egalitärer Sport, das gefalle ihm. Hier seien sie alle vertreten und könnten mitmachen, vom Professor bis zum Arbeitslosen, vom Plauschspieler bis zur Ligaspielerin. «Im Moment vor dem Wurf sind wir alle gleich», sagt Leo. Dann konzentriere man sich, das habe einen Wert. «Das erfordert eine absolute, fast zen-buddhistische innere Ruhe.»

Die Szene zelebriert nicht nur das Spiel, sondern auch das Beisammensein.

Nach vier Partien hat es eingedunkelt, auch Vanessa und Leo konnten zwei Spiele für sich entscheiden. Das Turnier haben aber weder sie noch Yvonne und Achim gewonnen. Was bleibt, ist der Eindruck, hier seien alle befreundet; es wird geschwatzt, geraucht, getrunken. Jetzt gönnt sich auch Yvonne ein Bier.

Erstellt: 03.08.2019, 07:24 Uhr

Wir Szenis: Les Boulomanes (2/4)

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