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Himmlisch, diese Brücken!

Sie erinnern an «Metropolis» und «The Fifth Element»: die Skybridges von Zürich. Was sie mit einem venezianischen Gefängnis zu tun haben.

Die Passerelle am KPMG-Hauptsitz: Statt im ersten Stock wie üblich verbindet sie hoch oben die aufgesetzten Attikageschosse. Fotos: Urs Jaudas
Die Passerelle am KPMG-Hauptsitz: Statt im ersten Stock wie üblich verbindet sie hoch oben die aufgesetzten Attikageschosse. Fotos: Urs Jaudas

Den Badge lässig an den Sensor gehalten, schon gibt die Schiebetür mit einem leisen Sirren den Weg auf die Skybridge frei. 20 Meter Stahl und Glas, die hoch oben hinüberführen zum Nachbargebäude. Erst hiess es, nur in Begleitung der Sicherheitschefin dürfe sie betreten werden. Ein, zwei Schritte ins Licht, in die Wärme dieses langen Glaskörpers 25 Meter über dem Asphalt.

Warum eine Gebäudebrücke so fasziniert? Der profane deutsche Begriff muss einem unglücklichen Zufall geschuldet sein, einer fälschlichen Entlehnung aus dem Versicherungsjargon, die sich durchgesetzt hat. Im vorliegenden Fall liegt die Faszination wohl daran, dass die Skybridge am Hauptsitz des Wirtschaftsprüfers KPMG an der Badenerstrasse das Erste ist, was ins Auge fällt, wenn man aus dem Kino Houdini tritt. Wenn man also in die Sonne blinzelt nach zwei Stunden, sagen wir: Science-Fiction.

Skybridges gehören seit über hundert Jahren zum Inventar der urbanen Zukunftsfantasie: 1908 bevölkerten sie die Illustrationen in Moses Kings «Dream of New York», 1927 verbanden sie in «Metropolis» die monströsen Wolkenkratzer der gleichnamigen Stadt, 70 Jahre später sind sie in «The Fifth Element» Bruce Willis bei Verfolgungsjagden in seinem fliegenden Taxi im Weg.

Eine der UBS-Skybridges im Bankenviertel. An der nahen Bärengasse hat es vier.
Eine der UBS-Skybridges im Bankenviertel. An der nahen Bärengasse hat es vier.

Aber auch ganz ohne die Bilder von fliegenden Autos im Kopf: Skybridges haben etwas Erhebendes. Sie geben der menschlichen Ameise, die doch lieber ein Vogel wäre, eine Ahnung davon, wie es ist, den Raum in der dritten Dimension zu beherrschen. Warum sie gebaut werden? Um finanzkräftige Kunden zu beeindrucken! So scheint es zumindest in Zürich: Die UBS hat gleich drei solche Verbindungen nahe der Bahnhofstrasse, die Credit Suisse zwei, Julius Bär eine in Altstetten.

Die Vermutung, eine Skybridge sei ein Statussymbol ähnlich einer Rolex, verstärkt sich noch bei der höflichen Anfrage, eine solche Verbindung einmal betreten zu dürfen. «Schwierig bis unmöglich», «Nicht ohne Voranmeldung», die Brücken seien Teil des sensiblen Kundenbereichs, heisst es sowohl bei der UBS als auch bei der CS. Die beiden Banken sorgen mit ihren vier Passerellen an der Bärengasse für die höchste Skybridge-Dichte in der Stadt.

Warum gibt es Skybridges? Wohl, um finanzkräftige Kunden zu beeindrucken.

Immerhin dies: Im Archiv der CS ist zu erfahren, dass eine davon, eine geschwungene Brücke aus Stein, seit 1947 die Büros im neu gebauten Bärenhof mit dem Hauptgebäude verbindet. Sie erinnert an die Mutter aller Skybridges: den Ponte dei Sospiri, der den Dogenpalast in Venedig mit dem Gefängnis verbindet. Die zweite CS-Passerelle hinüber zum Orell-Füssli-Hof wurde in den Sechzigerjahren erstellt, was die retro-futuristische Form erklärt: zwei abgerundete Betonträger, darüber eine sich verjüngende Konstruktion aus Glas und Chromstahl. Zu gerne wäre man da mal durchspaziert.

Der freundliche Herr Arikan von der KPMG schliesslich macht es möglich. Aber eben, auch er will nichts falsch machen. Wie bei den Banken führt die Skybridge vom Hauptgebäude in den sensiblen Kundenbereich im Nebengebäude, deshalb: nur in Begleitung der Sicherheitschefin. Diese ist dann nicht abkömmlich. Die Begehung darf trotzdem stattfinden.

Die höchste Skybridge in Zürich über dem Kalanderplatz in der Sihlcity.
Die höchste Skybridge in Zürich über dem Kalanderplatz in der Sihlcity.

Das seltsam vertraute Gefühl, das sich beim Betreten der Skybridge einstellt: Es ist wie am Flughafen kurz vor dem Einsteigen, wie im Fingerdock. Nur geht es nicht runter, sondern geradeaus. Und statt der Hetze: Hitze. Zumindest bei der KPMG, wo die Strahlen der Frühlingssonne ausreichen, um die Luft im Durchgang auf hochsommerliche Temperaturen zu erhitzen.

Trotzdem ist die Gebäudebrücke bei den Mitarbeitern beliebt, nicht nur in der Teppichetage. Im Gang herrscht ein reges Treiben: Es werden Aktenschränke hindurch geschoben, man spaziert gemeinsam zur Pause auf die Dachterrasse. Einfach nur praktisch sei so eine Skybridge, sagt Herr Arikan. Im Winter ideal, um ins gegenüberliegende Gebäude zu gelangen, ohne eine Jacke anziehen zu müssen und nasse Schuhe zu bekommen. Eigenschaften, die jeder Büroangestellte zu schätzen weiss, nicht nur bei der Bank.

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