«Ich bin auf nichts stolz»

Was aus Dieter Meier sonst noch hätte werden können: Der Künstler über fiktive Biografien und sein reales Lebenswerk.

Das Original, umringt von seinen Kunstfiguren: Dieter Meier in der Galerie Baviera im Kreis 4. Foto: Reto Oeschger

Das Original, umringt von seinen Kunstfiguren: Dieter Meier in der Galerie Baviera im Kreis 4. Foto: Reto Oeschger

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Es ist ein bisschen wie in einem lynch­esken Fiebertraum: Erst ist da überall Dieter Meier in junger und älterer Version, der einen von schwarzweissen Fotos anblickt, cool, grimassierend, durchgeknallt, und plötzlich sitzt Dieter Meier real im Raum und spricht über die ­Lebensläufe ebendieser meierschen Kunstfiguren: «Der Versicherungsvertreter wurde Science-Fiction-Writer. Ein anderer, der Möbelverkäufer war, hat die Sekte ‹Das Feuer Gottes› gegründet. Dieser Mann da drüben startete als gutbürgerlicher Student, geriet aber auf die schiefe Bahn und musste abhauen. Oder der Herr dort, der war Trapezkünstler, der mutierte zum Basler Original, das im Fussballstadion Würste verkaufte.»

Wie gesagt, eine kleine Grenzerfahrung. Doch auch smarte, typische Meier-Kunst: fantasievoll, hintersinnig, selbstironisch . . . und ein wenig narzisstisch. Entstanden sind die frühen Fotos 1973 für eine Ausstellung im Strauhof. Als er die Bilder vor Jahren wieder in den Händen gehalten habe, so Meier, sei ihm die Idee gekommen, das Werk zu «vollenden». Also inszenierte er 40 Jahre später alle Charaktere noch einmal, zusätzlich entwickelte er die «Psychogramme» zu vollständigen Biografien weiter, die unter den Fotos hängen. Das Endresultat heisst «30 Possible Beings», es ist ab heute in der Galerie Baviera zu sehen.

Würden Sie gerne mit einer Ihrer Kunstfiguren tauschen?
Nein, ich bin zufrieden, der zu sein, der ich bin.

Das klingt fast nach Lebensbilanz. Schwingt dieses Thema bei den «30 Possible Beings» mit?
Es schwingt insofern mit, als ich mir über meine eigene Entwicklung sehr bewusst bin. Und weiss, dass vieles mit Zufall zu tun hatte.

Wie meinen Sie das?
Ich habe meine berufliche Entwicklung nicht kontinuierlich gesteuert. Vielmehr habe ich Dinge, die auf mich zugekommen sind, gepackt und versucht, daraus etwas zu machen. Oft auch ohne zu wissen, wieso ich es machte. Wie 1969, als ich auf dem Heimplatz fünf Tage lang einen riesigen Haufen Schrauben in Säcke abfüllte, ein völliger Leerlauf.

Sie wissen nicht, wieso Sie das taten?
Inzwischen schon. Ich musste das tun, weil ich mein Dasein manifestieren wollte. Aber auch, um mich, utilitaristisch gesprochen, nicht in eine sinnvolle Position zu geben, sondern etwas Sinnloses zu machen.

Eine radikale Haltung.
Ich hatte unglaubliches Glück, in einem sehr offenen Elternhaus aufzuwachsen, in dem ich viel Geborgenheit empfangen durfte. Dieses Empfinden hat mir früh die Sicherheit gegeben, auch das Stolpern oder die Niederlage als wichtigen Teil des Lebens sehen zu können.

Dennoch finden sich in Ihrem Leben definitiv mehr Siege als Niederlagen.
Ich bin auf nichts stolz, was ich gemacht habe.

Sie meinen das als Witz?
Ich sehe mein Tun als zufällige Konstellation meines Daseins und der Schnitt­linie, in die ich irgendwie hineingelaufen bin. Was dabei entstanden ist, würde ich aber niemals mir selber zuschreiben – im Sinne einer Leistung, meine ich.

Gilt das auch für Ihre populären Kunstaktionen wie beispielsweise die «Underground Explosion», die auch 1969 im Volkshaus stattfand? Die «Underground Explosion» war eine reine Verrücktheit.
Inwiefern?
Weil wir einen wilden Haufen avantgardistischer Künstler zusammentrommelten und damit auf Tournee gingen – weshalb ich plötzlich das Volkshaus füllen musste. Also sagte ich meinen Leuten, sie sollen aggressiv plakatieren. Worauf sie die Plakate an der Bahnhofstrasse mit Glasleim auf Schaufenster von Uhrmachern und Juwelieren klebten.

Wahrhaft verrückt. Und die Folgen?
Da meine Name als Organisator auf den Plakaten stand, musste ich diese dann unter dem Spott der Ladenbesitzer von den Scheiben kratzen.

«Der Kampf um Einzigartigkeit in der Kunst ist zum Kitsch verkommen, ‹originell› sein zu wollen.»Dieter Meier

Hat es die heutige Avantgarde noch immer so schwer?
Der Kampf um Einzigartigkeit in der Kunst ist zum Kitsch verkommen, «originell» sein zu wollen. Dabei gibt es wenige Dinge, die wirklich eigenständig sind, die eine eigene Sprache sprechen. Das ist in der Literatur so, das ist in der sogenannten Kunst so, und das ist auch in der modernen Musik so.

Ist das ein zeitgeistiges Phänomen?
Das war im Barockzeitalter und in der Renaissance nicht anders. Als der grosse Science-Fiction-Schriftsteller Stanislaw Lem mal gefragt wurde, weshalb in seinem Genre 98 Prozent der Neuerscheinungen epigonenhafter Ramsch seien, sagte er, diese Quote treffe auf jedes Kunstgenre zu, in der Science-Fiction-Literatur aber getraue man sich, das offen auszusprechen, da ja bereits das Genre selbst Ramsch-Charakter habe. Stöbert man durch die Art Basel, stösst man oft auf diese Marktspekulationen, Avantgarde zu sein . . . und das hat etwas durchaus Lächerliches an sich.

Sie erwähnen die Art Basel, eine der grossen Kunstbühnen. Sie aber zeigen die «30 Possible Beings» in der vergleichsweise kleinen Galerie Baviera – wieso?
Silvio Baviera hatte schon vor 40 Jahren Leute ausgestellt, die niemand kannte, von denen er nichts verkaufte, die er aber als wahre Originale, als einzigartige Künstler erkannte. Etliche von ihnen haben ihren Weg gefunden, haben eine beachtliche Karriere gemacht.

Sie gehörten auch zu diesem Kreis der unbekannten Geförderten?
Ja, auch mir gab Silvio in jener Zeit die Möglichkeit, meine Sachen zu präsentieren. Wobei sein Beitrag an meinem Werdegang weit grösser ist. Ich war nämlich ein immenser Zweifler. Und indem er mich sanft forcierte, bei ihm auszustellen, half er, diese Zweifel zu überwinden: Er brachte mich damals dazu, überhaupt etwas fertigzustellen.

Dann ist diese Ausstellung ein spätes Dankeschön?
Für mich ist es ein Privileg, hier auszustellen, die Galerie ist im Bereich der relevanten deutschen Avantgarde von Kiepenheuer bis Richter die bedeutendste in Zürich, mit Abstand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 06:45 Uhr

Die Ausstellung

«Dieter Meier. 30 Possible Beings». Galerie Baviera. Zwinglistrasse 10, 8004 Zürich. Vernissage Donnerstag, 18. Mai, 18 Uhr. Bis 12. August.

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Dieter Meier, am 4. März 1945 in Zürich geboren, kennt man in Popkulturkreisen vor allem als Sänger des Elektro-Pop-Duos Yello, das er mit Soundtüftler Boris Blank betreibt. Er wirkt aber immer wieder auch als Filmemacher, Autor und Konzeptkünstler. Zudem ist Meier Gastrounternehmer in Zürich und Berlin, und mit seiner Firma Ojo de Agua produziert er argentinisches Rindfleisch, Biowein, Soja und neuerdings auch Schokolade. Er ist seit 1974 verheiratet und Vater von vier Kindern. (thw)

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