«Ich bin traumlos, das ist nicht einfach»

Benjamin Lüthi führte als ­Fussballer ein Leben im Übermut. Dann kam dem 28-jährigen Wahlzürcher sein Kindheitstraum abhanden. Und er hörte auf.

Lebt heute in einer WG und jobbt im Café Lang: Benjamin Lüthi. Foto: Samuel Schalch

Lebt heute in einer WG und jobbt im Café Lang: Benjamin Lüthi. Foto: Samuel Schalch

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Fussballprofis liegt die Welt zu Füssen, sie leben ihren Traum, er erfüllt sich ihnen mit Leichtigkeit. Das zumindest ist die gängige Meinung.

Benjamin Lüthi war einer von ihnen. Er ist heute 28, ein Mann der Worte und der vielen Gedanken. Ein Ex-Fussballer, der bei Thun und GC sein Geld verdiente. Vergangenen Winter hat er seine Karriere beendet. Die Freude am Spiel ist ihm abhandengekommen. Zu früh, sagen Beobachter. Genau richtig, meint Lüthi, der heute im Café Lang serviert und in einer WG wohnt.

Welche Träume hatten Sie als Achtjähriger?
Das hat schon viel früher angefangen, als fünfjähriger Bub hatte ich genau einen Traum: Fussballprofi werden. Das war nicht einmal verbissen, das war ­einfach in mir.

Woher kam der Traum?
Nicht von der Familie, weder Vater noch Mutter haben sich für Fussball interessiert. Vielleicht war der Traum für mich wie eine Flucht. Es gab damals Probleme in der Familie, meine Eltern haben sich getrennt, Fussball war mein Rückzugsort. Der Traum ist schön, er gibt dir Halt und Sicherheit.

Der junge Benjamin spielt also Fussball, wann immer er kann. Er ist kleiner als die anderen, doch mit dem Ball stets besser. Er schafft es zu Thun ins Profi­kader und macht nebenbei die Matur. Er ist ein Spieler, der die verschiedenen Gruppen in der Mannschaft zusammenbringt. Einer, der sich akkurat ausdrücken kann und sich das auch traut. Die Trainer mögen ihn.

Lüthi kommt zu seinen ersten Partien, er ist Rechtsverteidiger, eine Position, die mässig auffällt. Er ist der Ausführende, nicht der Kreative, grundsolid – oder eben tipptopp, wie er sagt. Er lebt nun seinen Traum, wird aber geführt von Zielen, die ihm andere geben.

Der Traum Fussballprofi ist heute sehr stark aufgeladen.
Das stimmt. Früher war es ein YB-Match, der dein Bild vom Fussballer prägte. Heute zeigt Instagram den Talenten, welches Leben die Stars führen. Welches Auto sie fahren, welche Freundin sie haben, welche Kleidung sie tragen. Die Liebe zum Sport wird vermischt mit dem Durst nach Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Geld, Autos, Frauen: War das nicht auch bei Ihnen ein Thema?
Am Ursprung nicht, da war es die Liebe zum Spiel, doch wenn der Profistatus näher rückt, ja klar, dann kommen diese Dinge hinzu. Die Leute kannten mich plötzlich als Beni Lüthi, den Fussballer. Da geniesst du auch Vorzüge. Das fühlt sich im Moment gut an.

Die nützt man aus.
Absolut. Das habe ich gemacht, das machen die Spieler auch heute. Das ist menschlich.

Die Frauen fühlen sich von ihm und seinem Status angezogen – die falschen, wie er bald merkt. Lüthi verdient in seinen besten Zeiten 15'000 Franken pro Monat (ohne Prämien), er geht häufig auswärts essen, fährt einen BMW und wohnt in einer Höngger Wohnung mit grossem Garten und Sicht über die ganze Stadt.

Doch Lüthi erlebt auch, wie sich Ruhm und Berühmtheit von einem Tag auf den anderen in etwas Böses verwandeln können. Es gibt beim FC Thun 2007 die Geschichte vom 15-jährigen Mädchen, das sich als 18-Jährige ausgibt und mit Spielern der Mannschaft Sex hat.

Auf die Sexaffäre folgt ein Wettskandal. Ein Shitstorm nach dem anderen braust über die Mannschaft, sie wird permanent verfolgt und beobachtet. Lüthi lernt eine neue Härte des Fussball- und Mediengeschäfts kennen. Eine Härte, die er nicht für möglich gehalten hätte.

Kann ein Traum zu gross werden?
Wenn er nicht mehr nur deiner ist, sondern überschwappt auf das gesamte Umfeld, auf Eltern und Freunde, dann sicher, dann kommen Erwartungen hinzu, dann wirds gefährlich. Mit den sozialen Medien geht es noch schneller, das kann überfordern.

Man soll also die Träume junger Fussballer betreuen?
Mittlerweile schon. Nicht nur der Körper eines Fussballers ist wichtig, sondern auch die Pflege des Charakters. Ich finde, das ist einerseits Aufgabe der Eltern, andererseits aber auch der Clubs. Ich möchte deshalb künftig als Coach im Mentalbereich arbeiten.

Eine Fussballmannschaft besteht aus mindestens elf Träumen. ­Verschmelzen diese in ein grosses Ganzes?
Bei den Junioren eher als bei den Profis. Doch man kann das sicher nicht pauschal sagen. In Thun haben uns die Leute kaum Kredit gegeben, also haben wir unsere Träume vermischt, um Erfolg zu haben. Das hatte etwas extrem Kraftvolles. Später bei GC war das etwas anderes, da war jeder für sich selbst unterwegs und schaute für sich. Dann wird das eher schwieriger.

Mit jedem Jahr, das Lüthi als Profi verbringt, verschiebt sich sein Koordinatensystem der Freude. Fussball gehört immer weniger dazu, Routine und zu viele Gedanken plagen ihn.

Er lebt nun einen Traum, den er nicht mehr träumt. Lüthi möchte etwas Neues erleben, will ins Ausland, der Wechsel zerschlägt sich, er ist sechs Monate arbeitslos und schliesst sich dann den Grasshoppers an. Die Momente häufen sich, in denen er sich austricksen muss, um die Freude zurückzuerlangen. Er versetzt sich gezielt in die schönen Momente der Vergangenheit, um positive Gefühle zu erhalten.

Jahrelang hat er für seinen Traum die Samstage und Sonntage frei gehalten, kaum Alkohol getrunken und wenig gefeiert. Plötzlich spürt er den Verzicht, er belastet ihn mehr und mehr. Er gerät in eine Negativspirale, und auf einem Auswärtsspiel in Island reift der Entschluss, aufzuhören.

Im Nachhinein gesehen: Fühlt man sich mit dem Traumberuf Fussballer besser als andere Menschen?
Ich glaube schon – jedenfalls war das bei mir der Fall. Du lebst in konstantem Übermut. Bis 25 konnte mir niemand etwas anhaben. Du hast wenig gezweifelt, hast immer einen Spruch gemacht. Du wusstest, du bist ein guter Siech, verdienst gut, kannst Leute einladen, kannst mit einer Frau in ein gutes Hotel gehen. Du fühlst dich fast unantastbar.

Heute nicht mehr?
Nicht mehr mit dieser Leichtigkeit. Bis 25 machst du dir kaum Gedanken, wo das Leben hinführt, es ist eh alles vom Fussball vorgegeben. Finanzielle Sorgen kennst du auch nicht, du lebst mit einer Leichtigkeit, die andere in diesem Alter nicht haben.

Und heute, welche Träume haben Sie?
Momentan ist es schwierig, ich habe den einzigen Traum verwirklicht, den ich hatte. Nun suche ich. Ich bin traumlos. Das ist nicht einfach. Ich bin mir aber bewusst, dass solche Momente genauso zum Leben gehören wie die unbeschwerten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2017, 23:32 Uhr

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