«Ich hatte das Zeugs genug gehört»

Es machte auf einem Schiff vor England Radio, war Star-DJ und Programmleiter: Tony Prince gastiert am Samstag mit einer Sendung in Zürich.

«Bei den Sendungen von Howard Stern gehe ich nicht mal aufs Klo, aus Angst, etwas zu verpassen»: Tony Prince. Foto: Tobias Stahel

«Bei den Sendungen von Howard Stern gehe ich nicht mal aufs Klo, aus Angst, etwas zu verpassen»: Tony Prince. Foto: Tobias Stahel

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Tony Prince war mit dabei, als 1964 die Radiowelt revolutioniert wurde – unter dem Pseudonym Your Royal Ruler gehörte er zum wilden Haufen, der auf dem wenige Meilen ausserhalb der britischen Hoheitsgewässer ankernden Schiff MV Frederica den Piratensender Radio Caroline lancierte, der Englands Jugend mit aufmüpfigen Songs versorgte, die von der konservativen BBC streng unter Verschluss gehalten wurden.

1977, in der Nacht, als Elvis starb, sass er am Radiomikrofon und spielte stundenlang Songs des «King». Später war er Radio Luxembourgs Programmdirektor, 1983 gründete er den Disco Mix Club DMC (der seit knapp 30 Jahren einen global bedeutenden DJ-Wettbewerb veranstaltet) und das quasi dazugehörige Magazin «Mixmag». In letzter Zeit widmete sich der 71-Jährige einer Dokfilmserie über die Geschichte des DJings.

1938 löste Orson Welles in den USA mit einem Radiohörspiel über den Angriff von Ausserirdischen angeblich eine Massenpanik aus. Heute vermag dasselbe Medium nicht mal mehr . . .
(unterbricht) Nein, es ist eben nicht mehr dasselbe Medium! Via Internet kann ich heute faktisch jederzeit jeden Sender auf der ganzen Welt empfangen. Es gibt nicht mehr einige wenige populäre Stationen, die 50 Millionen Hörer zählen, wie das beispielsweise in der Blütezeit von Radio Luxembourg der Fall war. Es sind Abertausende Stationen, die um die Hörerschaft buhlen.

Wenn es so viele sind, müssten sie sich doch gegenseitig abgrenzen. Doch irgendwie tönen alle gleich.
Vor allem die Radios, die über Äther zu empfangen sind, spielen mehr oder weniger ähnliche Hitlisten rauf und runter, mehrheitlich Songs, die niemanden stören sollen. Es ist schon seltsam: Früher musste man Radio hören, wenn man wissen wollte, was musikalisch angesagt ist. Inzwischen ist die Musik zur Problemzone der Radios geworden. Allerdings finde ich schon, dass es sich viele Stationen mit dem uninspirierten Hit­paket zu einfach machen.

Fehlen den Radios heute nicht auch die unverkennbaren Moderatoren?
Bei den Sendungen von Howard Stern gehe ich nicht mal aufs Klo, aus Angst, etwas zu verpassen. Er ist wohl eines der grössten Talente, die es in diesem Metier jemals gab, eine «unguided missile», man weiss nie, was er als Nächstes anstellt. Und er ist ein Mann der heutigen Generation. Nein, Charakterköpfe, die bewegen und aufwühlen, die gibts schon noch, auch zu Hauptsendezeiten.

Nicht bei uns! Hier wird endlos gute Laune zelebriert – derart forciert und gekünstelt, dass nie Gefahr besteht, «angesteckt» zu werden.
(lacht) Manchmal kommen einem diese Leute vor wie fremdgesteuerte Roboter, in England ist das genauso. Mit authentischen Emotionen hat das nichts zu tun.

Sie selbst sollen geweint haben, als Sie kurz nach Bekanntwerden von Elvis Presleys Tod auf Sendung gehen mussten.
Ich war auf jeden Fall tief bewegt. Ich traf Elvis zweimal, in Las Vegas durfte ich seine Show ansagen, wir verstanden uns gut. Bevor ich in jener Nacht auf Sendung ging, rief ich den Programm­leiter an und sagte ihm, ich würde keine Werbespots einspielen, die pseudo­lustigen Botschaften würden den tristen Anlass ruinieren. Er überlegte lange, es war ein Entscheid von Tragweite, so was hatte es nie zuvor gegeben. Schliesslich gab er sein Okay, und ich spielte Elvis-Songs ohne Pause, vier Stunden lang.

Der grösste Moment Ihrer Karriere?
Einer der bewegendsten, aber nicht der wichtigste. Den erlebte ich in den 60er-Jahren. Ich war damals Sänger einer Big Band, und in den Konzertpausen spielte ich Schallplatten, um ein Zubrot zu verdienen. Eines Abends kam ein Gewerkschafter zu mir und sagte, mit dem Plattenauflegen würde ich zu viele Stunden arbeiten, das widerspreche den Gewerkschaftsregeln, ich müsse mich entscheiden: Sänger oder DJ, beides gehe nicht, sonst drohe der Ausschluss. Als mir der Besitzer des Konzertsaals sagte, er verdopple mein Gehalt, wenn ich bei ihm als DJ anheure, war der Fall klar. Das war der beste Entscheid meines Lebens.

Sind Sie sicher? Immerhin standen Sie als Sänger gar mit dem grossen Paul McCartney auf der Bühne.
Und daraus ist eine schöne Freundschaft entstanden, auch zu den anderen Beat­les. Doch glauben Sie mir, mein Talent war für eine glanzvolle Gesangskarriere wirklich zu bescheiden. Ab und zu trete ich aber heute noch auf – allerdings auf sehr, sehr kleinen Bühnen. (lacht)

Am Radio haben Sie dafür eine unvergleichliche Karriere hingelegt: Pirat und Revoluzzer, gefeierter DJ, Programmdirektor: Weshalb gaben Sie das Metier später radikal auf?
Ich hatte in den 90er-Jahren einen Vertrag bei einem BBC-Sender, befristet auf ein Jahr. Doch nach neun Monaten ging ich zu meinem Boss und bat ihn, den Vertrag aufzulösen – ich musste immer nur alte Hits spielen, Beatles, Monkees, Elvis, vor und zurück. Ich mag die alle, doch irgendwann hatte ich das Zeugs einfach genug gehört. Nur weil ich älter geworden war, war ich doch musikalisch nicht einfach stehen geblieben!

Was hören Sie denn heute so?
Leider gibt es trotz des riesigen Angebots keinen Radiosender, der alle meine seltsamen Vorlieben abdeckt. (lacht) So vergnüge ich mich mit meiner Privatsammlung und erkundige mich bei Freunden. Derzeit höre ich gern London Grammar, eine eher unbekannte englische Band. Und Paloma Faith. Und Blues! Blues geht immer. Und natürlich Hip-Hop. Das auch wegen des DMC-DJ-Mix-Wettbewerbs, den wir seit 1986 durchführen; zuletzt kamen da viele Sieger aus dem Hip-Hop.

Ist es die Mixtechnik, die den grossen DJ ausmacht?
Es ist allein die Leidenschaft für Musik.

Diese Leidenschaft wollte auch die Komödie «The Boat That Rocked» vermitteln, der auf Ereignissen von Radio Caroline basiert. Ich las, dass Sie den Film nicht mögen.
Es ist nicht so, dass ich ihn nicht mag. Er ist ganz witzig. Aber er bildet unser ­Leben auf dem Schiff überhaupt nicht ab. Deshalb mache ich das nun selber.

Und wie?
Mit einer Dokfilmreihe auf dem DMC-Internet-Kanal: Es sind 30- bis 40-minütige Beitrage, welche die Geschichte des DJings aufzeigen, von den Anfängen bis heute. Sieben Beiträge habe ich bereits realisiert, am Ende werden es vierzehn oder fünfzehn sein.

Wo haben Sie das Filmen gelernt?
Vor Jahren gründete ich mit meiner Familie eine Firma, die Hochzeitsfilme produzierte, da musste ich das Handwerk zwangsläufig lernen. Heute lasse ich die Hochzeiten bleiben und konzentriere mich voll auf DJ-Dokus, aktuell auf die Pionierzeit mit den Radioschiffen.

Sehen Sie Ihre einstigen Mitpiraten und Weggefährten eigentlich noch?
Ja, wenn möglich treffen wir uns ein- bis zweimal pro Jahr. Doch mit Radio haben nur noch wenige etwas zu tun, die meisten wurden, mitunter aus Spargründen, in den Ruhestand verfrachtet – was gut ist, das sollen nun die Jungen machen.

Doch die Jungen machen es ja eben nicht so gut.
Das stimmt nicht! Undergroundradios, betrieben von dynamischen Idealisten, sind oft sehr innovativ. Sie experimentieren mit neuen Sendegefässen, spielen coole Musik, bringen interessante Wortbeiträge, sie sind quasi die neue Avantgarde. Dass solche Sender aber in der aktuellen Radiolandschaft kommerziellen Erfolg haben können, bezweifle ich.

Das International Radio Festival in Zürich versucht, diese Avantgarde aufzuspüren, zu thematisieren. Am Samstag sind Sie dort zu Gast. Was werden Sie den Hörern bieten?
Keine Avantgarde (lacht), dafür ein grandioses altes Interview mit Ringo Starr, bei dem er ziemlich betrunken war.

Tony Prince ist am 29. 8. von 11–13 Uhr auf www.internationalradiofest.com zu hören. Seine Dokus über die Geschichte der (Radio-)DJs findet man unter dmcworld.tv, Rubrik «History of DJ». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2015, 21:15 Uhr

Tony Prince auf Radio Luxembourg

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